Umgekehrte Psychologie

Spotify, Amazon, Lap- Coffee, Coca- Cola, Mecces, Netflix, Nike, Levi’s, Apple, Claude, Uber, Uber Eats. Ich mags einfach. Es ist lecker, es ist schnell, es ist praktisch, es ist sauber. Es funktioniert. Es ist rund um die Uhr geöffnet. 

Aber Netflix zerstört das süße Programmkino im Szenekiez, wo in dritter Generation das gute alte Zelluloid noch von Hand gekurbelt wird, von einem gutmütigen Opa und am Eingang zum Kinosaal steht ein halbverhungertes Mädchen mit den Schwefelhölzchen und reißt mit zittriger Hand und herzensgutem Lächeln die kleinen rosa Billets an der Perforation durch und läuft eine Viertelstunde später mit einem Bauchladen voll mit Flutschfinger und Cornetto Buttermilch- Zitrone durch die Reihen und Magnum Mandel natürlich, weil das kleine Kino sonst wegen Netflix und der gestiegenen Energiekosten nicht überleben könnte und nachdem das passiert ist, ertönt der Gong und hebt sich der Vorhang und die restaurierte Fassung von: “Die Legende von Paul und Paula” flimmert über die Leinwand, aber wie lange noch? 

Und wenn man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, kommt Ulf Poschardt daher und hat den Lambo schneller in der Tiefgarage geparkt, als man den Fahrradhelm abgesetzt hat und während man sich noch nach unten beugt, um das Fahrradschloss durch Poller und Speichen zu wuzeln, wird man von ihm schon Bückbürger genannt.

Aber das tut nicht weh, denn Poschardt kann man nicht ernst nehmen, diesen rechten Bubi und ihm tuts auch nicht weh, wenn man ihn arrogant nennt und einen Springerknecht und einen Schnösel und Schlimmeres. Für den ist man ja sowieso nur ein Shitbürger und umgekehrt.

Es ist also egal, wenn er einen als Gutmenschen und Besserwisser und stillosen selbstgerechten Ignoranten tituliert, der seinen inneren Nazi abgespalten habe und den jetzt auf ihn projiziert. Das mag ja alles stimmen, ist doch egal, wenn ein Nazi einen als Nazi bezeichnet, dann negiert sich die Negation und es stimmt und alles was er über DIE sagt, trifft Eins zu Eins auf ihn selber zu und das sagt er ja auch selbst, übrigens und umgekehrt.

Er ist halt Fraktion schnelle Autos und Macho, Egoismus und Umweltzerstörung – also USA und Israel und DIE sind Fraktion handgemacht und indigene Gemeinschaft und das gestohlene Land sollen aber immer nur die anderen zurückgeben.

Er denkt immer nur ans Geld und die Wirtschaft und sich selber und DIE denken immer nur ans Steuergeld und den Haushalt und die anderen. 

Soweit mein Fazit.

Ich bin jetzt halb durch mit dem “Shitbürgertum” als Hörbuch auf Spotify und finde es süß, dass Poschardt das selbst in seinem Wohnzimmer eingelesen hat und er hat es natürlich drauf, keine Frage. Ein Profi, der sauber recherchiert hat und jetzt seine Punkte macht, und sein geisteswissenschaftliches Studium nochmal Revue passieren lässt und dann Nietzsche, Carl Schmitt und Ernst Jünger und einen Claus Friedrich Rohrer oder so gegen Böll, Grass und Walter Jens in Stellung bringt. Auch Heiner Müller und Heidegger lässt er gegen das “Shitbürgertum” antreten, ohne das weiter zu begründen. Auch Schlingensief lässt er gelten. Warum, wieso, weshalb die jetzt alle auf seiner, Poschardts Seite sind, begründet er nicht- es waren halt coole Jungs, genau wie er- Poschardt- der sich die ganze Zeit sehr viel Mühe gibt, auch einer von den Coolen zu sein.

Und dadurch ist er natürlich extrem uncool und darauf stürzen DIE sich natürlich bei ihm- weil sie natürlich genauso uncool sind, und das triggert die, wie er sich die Blöße gibt, mit stets leicht gelangweilten Tonfall und er so konsequent durchposed, wie kein Zweiter. Macht auf dicke Hose, wie ein Gangsterrapper.

Also, da ist im Grunde nicht viel dahinter, außer dem Titel und dem Konzept, jetzt mal alles was man hasst und verachtet auf den Punkt zu bringen, in Bausch und Bogen ein Spiegelgefecht zu veranstalten, ist da kein origineller Gedanke drin, dafür aber viele originelle Formulierungen und gekonnte Verquickungen und manchmal auch ein bisschen Willkürlichkeit, je nun. Ich finde das nicht schlimm und es ist ja für einen guten Zweck. Es soll ja aufrütteln und bloßstellen, aber das klappt nicht, oder hat nicht geklappt, aus obengenannten Gründen- oder falls ich sie noch nicht genannt habe: 

Weil man sich durch dieses Buch auf Augenhöhe begegnet, also ein Shitbürger anderen Shitbürgern und man sich quasi von Shitbürger zu Shitbürger in altgewohnter wohliger Manier vollkommen abgehoben anfrotzelt, wie schon vor Bismarcks Zeiten, von Mann zu Mann, bei einer Zigarre im Salon, oder wie schon Goethe es im Faust auf einen Punkt brachte: 

“Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen

Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

Wenn hinten, weit, in der Türkei,

Die Völker aufeinander schlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus

Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;

Dann kehrt man abends froh nach Haus,

Und segnet Fried und Friedenszeiten.”

Also, das Buch übers “Shitbürgertum” ist vom Gesamteindruck nach der ersten Hälfte, genauso humorlos und brav, wie sein Gegenstand. Größtenteils harmlos kämpft hier ein Strohmann gegen Strohmänner- sagt alles und nichts über alles und jeden. 

Aber ich finde das überhaupt nicht schlimm, oder bedrohlich und meistenteils sogar ganz okay und ich kann gar nicht glauben, dass kein normaler Verlag das rausbringen wollte, das ist doch komplett entspannter common sense, wohlformuliert und wohlerzogen. Sehr angenehm eigentlich, ohne Offenbarungen sexueller Art, kein Menstruationsblut, kein Sperma, keine Gewalt, keine Drogen, keine Schimpfwörter, kein Strobolicht, kein Berghain, keine Polyamorie. 

Jeder Buchpreisträger, jeder Kleinstadtturmschreiberstipendiat schreibt anstößiger, jede Nachwuchsliteratin ungeschminkter als Ulf Poschardt im Shitbürgertum. Und das wollte keiner drucken? Das fand man zu krass in der Verlagswelt? Davor hatte man Angst? Was ist das für ein Kulturbetrieb, der nichts dagegen hat, nackte Frauen kopfüber in Glocken zu hängen, oder in Pisse tauchen zu lassen- in gereinigter Pisse, aber trotzdem. Vielleicht weils ein gutes Sinnbild für den Stand der Dinge ist: Shitbürgerinnen baden in Shitbürgerinnenpisse, the Pop will eat itself. Mit dem Tauchen und schwimmen geht es in Berlin ja gleich direkt weiter- sie wollen aus der Volksbühne ein “Volksbad” machen, kann sich ja jeder denken, dass es natürlich eigentlich ein Shitbürger:innenbad ist, was auch sehr schnell vollgepinkelt sein wird, aber ohne Filter diesmal. 

Sowas wird durchgewunken, solchen Leuten übergeben die Shitbürger unsere Theater, unsere Volksbühnen, damit sie mit ihnen das machen, was die Sowjets mit den Kirchen gemacht haben. Nämlich Schweineställe draus. Und alle klatschen Beifall. 

Na bitte. Sie machen es einem so leicht, sich in Rage zu reden, hobbymäßig. Eigentlich ist es mir nämlich egal, eigentlich freue ich mich schon auf das Spektakel. Das ist Schadenfreude und Angstlust und vielleicht nicht sehr niveauvoll und provozieren macht Spaß und ist doch aber wirklich überhaupt nicht weiter schlimm. Das Bürgertum zerlegt sich doch ganz von selbst, was macht es da schon, wenn man da vom Rand aus ein bisschen mit dem Finger drauf zeigt und spaßeshalber ein wenig herumpöbelt. 

Es ist wie Dschungelcamp gucken. Katharsis durch Voyeurismus. Macht doch nüscht. Kann man was von lernen. Nämlich wie es aussieht, wenn jemand ganz tief im Modder oder im Volksbad oder im Pissetauchbecken versinkt und ob und wie man da wieder rauskommt? 

So haben wir uns als Jugendliche über die “Spießer” empört, so erregt sich die Jugend von heute über “NPCs” und so erregt sich Poschardt über die Shitbürger und die erregen sich zurück und es ist doch nur ein Schauspiel und weiter nichts dahinter. 

Man bezichtigt sich gegenseitig der Ignoranz und Arroganz und behauptet, dass genau diese Blasiertheit, also eben diese dumpfe Agnoranz und Irroganz zum Weltuntergang führen würde und man überschätzt sich da vielleicht ein bisschen. Ist es wirklich der Untergang des Abendlandes, wenn sich nackte ungewaschene Nonbinäre (they/them) in Shitbürger:innenpisse tauchen? 

Das ist doch ein Schmarrn aus den 70ern, und vom Provo-Potential her nimmt es sich nichts. Wie gesagt, es ist beides nicht so deep und dreht sich auf Augenhöhe im Kreis und ändert nichts an der Gesamtsituation und ist ein Sturm im Wasserglas, oder ein Jetski im Pipi- Pool, man dreht sich im Kreis, mal linksrum und mal rechtsrum, während die Völker, die ehrlichen, authentischen, arbeitenden, unterdrückten Völker ihre Köpfe aufeinanderschlagen und sich so hoffentlich gegenseitig erledigen und dem Shitbürger nicht länger auf der Tasche liegen.

Also, was solls. 

Kräht die Hähnin auf dem Mist, gendert sichs Wetter, oder es bleibt, wie es ist. 

Was nutzt es, wenn auf der dritten Mahnung, vierten Zahlungserinnerung mit den richtigen Pronomen angesprochen zu werden, wenn die Welt untergeht?

Alles. Weil dann alles weniger nerven würde. Man kann ja kaum noch das Radio einschalten, oder ein Theaterprogramm lesen, ohne sich in eine Unwohlfühlende zu verwandeln. Kann gar nicht mehr entspannt im Hintergrund den Deutschlandfunk dudeln lassen und da gehts mir direkt wie Ulf Poschardt- man kommt gar nicht mehr vorwärts im Denken, weil es einen so dermaßen aufregt, was gesagt wird und wie es gesagt wird, die Formulierungen, der Tonfall, Donald Duck in leichter Sprache und wenn man in Neukölln Bus fährt, dann gibt es Durchsagen, dass man sich festhalten soll, in den Kurven und das gefährliche Gegenstände auf dem Bahnhof nicht erlaubt sind, während man Junkies umkurvt und —-

Nicht mal das kann man mehr sagen, ich weiß ja auch, wie spießig und zurückgeblieben das ist, wenn man sich darüber aufregt. Seis drum. Und jetzt geht das mit dem Pride Month wieder los und überall in allen Buchhandlungen spammen sie einen wieder mit diesen Schaufenstern voller Regenbögen zu, einen ganzen Monat lang und alle sind so gut und so fröhlich und so PRIDE, also Opfer halt und ich bin inzwischen opferphob und komplett unempathisch, wenn da jemand bei mir Aufmerksamkeit oder Mitleid tanken will, weil ich habe mich zu lange von solchen Pride- Typen um den Finger wickeln lassen, auch wenn das Heteros waren, aber ich kann das nicht mehr abhaben, wenn jemand mit seiner Identität als was auch immer hausieren geht und Marginalisierte, egal ob schwarz oder weiß, grün, blau oder rot, gay, queer, hetero, pride, indigen oder autochthon kriegen von mir keine Aufmerksamkeit mehr und kein Mitleid und keinerlei Interesse. 

Aber nichtmal zuhause hat man seine Ruhe. 

Ich krieg Mails von Flixbus, mit Regenbogen im Betreff: “Du bringst den Glitzer, wir bringen dich hin” und eine Grafik im Allegria Stil mit niedlichen Lederschwulen und Drags und Queers und wozu habe ich CDU gewählt, wenn das immer noch nicht aufhört und dabei bin ich eine relativ unfrustrierte relativ entspannte relativ normale relativ erfahrene Großstädterin, die auch schon mal im Berghain war und wenn mich das schon nervt, wie sehr nervt es dann… 

Den einfachen Arbeiter, der mit der Butterstulle im Werk seine ehrliche Arbeit macht im Schweiße seines Angesichts sein kärgliches Brot verdient und wie sehr nervt es den migrantischen Jungen aus der Vorstadt, und die Oma, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat und jetzt Pfandflaschen sammeln gehen muss um sich den Flixbus zum Enkelsohn leisten zu können und die wird jetzt aus dem Nichts heraus gefragt: “Pride Pläne? Wir sind dabei! Und man wird damit geködert zu irgendwelchen Gay Paraden zu reisen “ob in Milano oder Amsterdam” – um sich narzisstische Arschlöcher anzusehen, die ihre kranke entfremdete Sexualität als in rotes Leder gewickelter Hundemaske “feiern” und dafür gibts dann Fördergelder und welchem Schwulen ist damit geholfen? Und jetzt geht das einen ganzen Monat lang so, dass man mit dem Queergequengel behelligt wird – 

Und wenn man was dagegen sagt, ist man homophob und rechts und der Abschaum der Welt und das ist doch einfach nur geisteskrank. Und der einfache Arbeiter hat die Schnauze voll, genauso wie der ehrliche Unternehmer, genauso wie der komplizierte Arbeiter und der unehrliche Unternehmer und die REWE Verkäuferin und die alleinerziehende Mutti im Homeoffice und wir alle nämlich, wir ganz normalen Bürger, haben die Faxen dicke, sind es leid, verarscht zu werden und von den feinen Shitbürger_innen vershitbürgert zu werden, von denen, die sich einen Lenz machen, mit Shitbürgergeld, und der Steuerzahler muss bluten, weil die Schere zwischen arm und reich schneidet ihm immer tiefer ins Fleisch. Und so finanziert er, also wir, also ihr:

Pridewagen, Panzer, Schwanzverlängerungen, Polizeistaat, peruanische Fahrradwege, Palantir, Probeabo, Panikattacken, Palästina, Pöbel- Piscinen, Poschardts Ulf und Poschardts Porsches und “Kopfschnitt” – den Podcast der Akademie der Künste, schon 16 Folgen, auf Spotify. 

“Kunst ist ein unverzichtbares Sensorium. Gerade in der heutigen Zeit.”

Was man ja noch sehr gut gucken kann, sind “Diese Ochsenknechts” und in der aktuellen Folge sind sie gerade alle zusammen nach Südafrika gefahren und abends kamen dann noch eine schwarze Oma und ein junger Typ ans Wüstenfeuer und die haben Magie betrieben und aus den Knochen und Würfelchen und Federchen, die sie im Schein der Flammen aus einem Lederbeutelchen auf eine alte Lederhaut ausgeleert haben herausgelesen, dass es Spannungen gibt, innerhalb der Familie der Ochsenknechts und die Ochsenknechts waren baff. Der Jimi Blue hat die Heiler später nochmal in die Villa kommen lassen, also er gab ihnen bestimmt sehr viele Rand, um da ein Reinigungsritual durchzuführen, also eine Art Rant. 

Denn einen Rant abzulassen, also ungebremst abzuhaten, ist ja ein Reinigungsritual, ein psychisches. 

Die Afro- Oma schüttete den Ochsenknechts Wasser über Füße und Köpfe, also es war eine physische Reinigung quasi, aber das Ziel war natürlich die seelische Reinigung. 

Alle haben mitgemacht, aber der Nico wollte nicht und als Jimi zu ihm sagte, mach doch, das ist eine gute Gelegenheit seinen seelischen Ballast loszuwerden, antwortete Nico: 

“Jeder hat sein Päckchen zu tragen, aber das Päckchen muss ich jetzt nicht mit ner Oma in Südafrika reinigen.”

Aber das nur am Rand.

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