Chip of Fools

Ich habe in der Obdachlosenzeitung “Arts of the Working Class” einen Text gelesen, also nur den Anfang, weil ich nicht verstanden habe, worum es ging, aber am Anfang wurde erzählt, also die Autorin des Textes erzählte, wie sie irgendwann Chantal Akermans Film “Jeanne Dielmann” gesehen hatte: 

“Ich erinnere mich, wie ich drei Stunden lang auf einer selbstgebauten Sitzbank im Colorama Cinema saß, einem DIY Sqat in der Lancaster Street 52-56 in London und mir … Chantal Akermans… Jeanne Dielmann… ansah.” 

Der Film wurde nicht zu Unterhaltungszwecken konsumiert, sondern war “Einführung ins feministische Kino”.  

Und dann ging es um den Ort, an dem der Autorin der Film gezeigt worden war. 

Es war nämlich so, dass die Vorführung… 

“in einem besetzten Sozialzentrum stattfand und so darüber hinaus in Universitätsbesetzungen und andere Projekte der praktischen Kritik einfloss, die darauf abzielten, sozialen Raum zurückzugewinnen und zu transformieren. Wie viele besetzte oder halbbesetzte Zentren wurde diese soziale Infrastruktur schließlich geschlossen, abgerissen und in gentrifizierte Wohnungen umgewandelt. Im Jahr 2015 stellte Fredric Jameson fest: 

In unserer Zeit dreht sich jede Politik um Immobilien. Postmoderne Politik ist im Wesentlichen eine Frage von Landraub, sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene.”

Und ab da las ich zwar noch ein paar Absätze weiter, aber nur mit den Augen, denn ich hatte eigentlich schon aufgehört zu lesen, weil ich ins Nachdenken gekommen war. Nämlich ich dachte:

Also, Landraub ist es immer dann, wenn besetzte Häuser in “gentrifizierten Wohnraum” umgewandelt werden, also einer größeren Bevölkerungsgruppe auf dem freien Markt zugänglich gemacht werden, also JEDEM, der es sich leisten kann, offenstehen.

Aber wenn eine Gruppe ein Haus besetzt, welches ihr nicht gehört, sondern einem Hauseigentümer- ist das kein Landraub.

Eigentum ist Diebstahl, es sei denn, es ist unser Eigentum.

Aber, um in der Logik der Autorin des Artikels in der “Arts of the Working Class” zu bleiben: Ja, natürlich ist das ein grausamer Vorgang. Die fragile Struktur der Do It Yourself Hütte von allen für alle, plattgemacht von den Baggern des Mein und Dein. Von der Herrschaft des Geldes, dem unbarmherzigen Profit. 

Aber, wer kann sich schon leisten, als Nicht- Londoner in London französisches Art- House- Kino zu goutieren? Doch nur, wer bereits in einer “gentrifizierten Wohnung” lebt, also über bereits geraubtes Land verfügt- und zwar dermaßen sicher darauf zurückgreifen kann, dass er das Risiko eingehen kann, Häuser zu besetzen- Räume zu öffnen. Nur rebellische Teenies und Twens der bürgerlichen Mitte werfen die Errungenschaften ihrer Eltern über Bord, weil sie wissen, dass sie jederzeit wieder zurück an Bord können, dass ihre Eskapaden keine allzu realen, zumindest keine existenzbedrohlichen Konsequenzen haben. 

Während das Arbeiterkind eher vom gentrifizierten Wohnraum träumt und dafür schuftet, sich den leisten zu können und weniger davon, umsonst oder gegen Spende, langatmige Filme, in denen sein Dasein problematisiert wird, in einem soziokulturellen Zentrum vorgeführt zu bekommen.

Und seine Kinoabende lieber in einem weichen Cinemaxx- Sessel verbringt, als auf einer selbstgezimmerten Sitzbank unter freiem Himmel. Das lieber Pretty Woman schaut, als Jeanne Dielmann.

Als Jugendliche hat mir dieses Wissen Kummer bereitet und zu Gefühlen von Abscheu gegenüber dieser imaginierten Masse gleichförmiger Schafe von Arbeiterkindern geführt. Die Objekte der Revolution weigerten sich, das nötige Klassenbewusstsein zu entwickeln, einzusehen, was das Beste für sie war und ließen sich bereitwillig vom Kommerz verblöden und ergriffen sogar die Partei ihrer Unterdrücker, wenn es hart auf hart kam. 

Wie sollte man mit solchen Leuten, je eine bessere Welt bauen, in einer besseren Welt leben können? So wetterten wir in unseren soziokulturellen Zentren, und es gab keinen Ausweg, wir waren allein. 

Ich gab auf und fand mich ab. 

Die verblendeten Lohnsklaven fuhren die Bulldozer, verhafteten die Hausbesetzer, bauten die Dachgeschosse aus und die Fahrstühle ein- taten eben das, wofür sie ihren Lohn bezogen. 

Sie wollten den Wohlstand, auf den wir verzichteten, weil er uns nichts bedeutete, weil wir hatten ihn ja, oder glaubten ihn zu haben, bzw. waren sicher ihn haben zu können, wenn wir nur wollten. 

Aber erst wollten wir nicht und dann konnten wir nicht. Ich jedenfalls nicht. Keine Disziplin, keine guten Noten, kein Durchblick. Bzw. wir hatten ihn, weil wir nicht arbeiten mussten, wegen unserer Jugend, oder wegen der 90er, also man konnte so leben. 

Wenn wir die Schule schwänzten, oder nicht zur Arbeit gingen, oder das Studium schmissen, landeten wir ja nicht auf der Straße oder mussten hungern, sondern man verbrachte den Tag dann im Bett. (Ich) 

Oder im soziokulturellen Zentrum, (andere) und wenn man was wollte oder brauchte, dann schnorrte man Mama und Papa an, oder klaute es sich im Supermarkt, oder beides. 

Eine zeitlang kann man so leben, aber dann wird man erwachsen und dann geht es nicht mehr, es sei denn, man wird Künstler, oder Punk, oder beides, aber irgendwann ist auch damit Schluss. 

Und es gibt ja auch Probleme und es reicht ja auch nicht für alle und alles worauf man früher freiwillig und selbstgewiss verzichtet hat, ist inzwischen unerreichbar. Der Urlaub, der unbefristete Arbeitsvertrag, der Neuwagen, die Karriere, der Platz an der Sonne. 

Und gerade junge Leute oder mittelalte Leute aus bestimmten Schichten, oder alle, die merken, sie bekommen nicht mehr das, was ihnen zusteht, oder sie KÖNNTEN nicht mehr kriegen, was ihnen zusteht und das muss frustrierend sein und die Armut ist kein selbstgewählter Lifestyle mehr und man macht die seltsamen Jobs nicht mehr ironisch, oder aus Recherchegründen, sondern weil man MUSS? Ist das so? 

Denn Verzicht ist immer freiwillig. Wer verzichtet, lehnt Möglichkeiten ab, aber wer keine Möglichkeiten bekommt, kann nicht verzichten. 

Und weil man “Jeanne Dielmann” gesehen hat, als man noch konnte, kann man sein Leben zwischen Carearbeit und Küchenarbeit und Sexarbeit nicht genießen, weil man diesen Narrativ sinnlosen Funktionierens um der reinen Selbsterhaltung willen, jetzt nicht mehr UNLEARNEN kann. Und jetzt steht man da mit seinem Klassenbewusstsein und es gibt keinen Ausweg, und darum sehnt man sich zurück. 

Zurück ins soziokulturelle Zentrum, ins Paradies der verlorenen Jugend. 

Aber es gibt kein Zurück, denn das soziokulturelle Zentrum gibts nicht mehr. Es wurde verkauft, abgerissen, ausgebaut, gentrifiziert, Profitinteressen geopfert. Es ist weg und entgeht so dem Realitätscheck, und darum verklärt man es um so mehr als Paradies, um so mehr, als es ein verlorenes Paradies ist, was nur noch in der Verklärung existiert und nicht mehr in der Realität. 

Und dann teilt es sich auf in Leute, die nach vorne wollen und denen, die zurück wollen und das sind die, die raus aus dem soziokulturellen Zentren sind, aber in die Realität nicht reinkommen, oder nicht auf den grünen Zweig- und darum gehts denen in allem was sie von sich geben, hauptsächlich ums rückgängig machen, ums Aufhalten, ums Stoppen, ums Umkehren.  

Decolonise and unlearn. Deindustrialisieren, Recht auf Rückkehr, Verkehr stoppen, Abgase reduzieren, Verbrauch verringern, Konsumverzicht. 

Die Widersprüche werden ausgeblendet: 

Man will offene Grenzen und Safe Spaces.

KI ist schlimm, weil dadurch Arbeitsplätze vernichtet werden, aber Arbeitsplätze, Lohnarbeit, besonders entfremdete sinnlose Lohnarbeit, welche dem Menschen stupide unkreative Wiederholungen abverlangt, und die leichter und besser von einer KI ausgeführt werden könnte- ist moderne Sklaverei. 

Jedenfalls wenn man von einem Unternehmer dafür bezahlt wird.

Man rechnet einander lässig vor, was sich mit diversen wahlweise durch Enteignung oder Steuererhöhungen erzielten Phantasiesummen alles finanzieren ließe (soziokulturelle Zentren!) und möchte gern alles geschenkt bekommen, aber wo die Geschenke herkommen, danach wird nicht gefragt. 

Ja klar, na und, diese Widersprüche gibt es, aber was ändert das und es ist psychologisch gewiss was dran, dass sich Leute aus gewissen Schichten nach ihrer verlorenen Jugend zurücksehnen- 

Aber das ist irrelevant. 

Das ist eben so, wenn man ein guter Mensch ist, und sich das Gute in sich bewahrt hat und bewahren will- nämlich einer, der keine Ungerechtigkeit erträgt und da sehr sensibel drauf reagiert, und das ist gut, sich da nicht abzustumpfen und wichtig, sensibel zu bleiben, denn es gibt so viel Ungerechtigkeit in der Welt und deswegen. 

Kann sein, dass man als naiv bezeichnet wird, aber lieber naiv als berechnend. Die einen rechnen und maximieren ihre Gewinne, die anderen wünschen und träumen und denken nicht an Profit.   

Lieber träumen, als bei diesem grausamen Spiel mitzumachen- wo einem abverlangt wird, sich selber zu vermarkten und zu verkaufen und wo nichts umsonst ist und alles verdient werden muss.

Denn das Wünschen und das Träumen, das können sie einem nicht nehmen. 

Und so träumt man von einer Welt, in der alle Menschen gleich sind und jeder bekommt, was er braucht und jeder leben kann, wie und wo es ihm gefällt und dafür setzt man sich ein.

Mit aller Kraft wünscht und träumt man davon und man schreibt diese Wünsche auf und teilt sie mit anderen Menschen und man sieht sich Filme und Theaterstücke an, gegen die Ungerechtigkeit und für die Träume. 

Man liest und schreibt Bücher, über Leute, die sich nach etwas sehnen und von etwas träumen und sie bekommen es nicht, wegen der Ungerechtigkeit, oder sie bekommen es, trotz der Ungerechtigkeit, oder auch wegen der Ungerechtigkeit, also sie bekommen deswegen, wonach eine andere Figur in dem Buch sich sehnt und so weiter. 

Oder man schreibt Sachbücher über die Wünsche und die Träume der Menschen und wie man sie verwirklichen kann- mittels gesunder Ernährung und positivem Denken, oder man schreibt über die Ungerechtigkeit der Welt und wie man sie aufspürt und bloßstellt und mit etwas Glück entdeckt man eine neue Ungerechtigkeit, die noch niemand vor einem systemisch identifiziert und ausführlich angeprangert hat.

Und kann dann Experte werden, für diese eine neue Spezial- Ungerechtigkeit, weil man die den Leuten ja erstmal erklären muss, bewusst machen muss und so kann man immer weiter träumen und wünschen, von einer Welt ohne Ungerechtigkeiten. 

Ohne Ungerechtigkeiten, aber nicht von einer gerechten Welt: Weil Gerechtigkeit- das ist Handel, das ist Kapitalismus, das ist schnöde nüchterne Berechnung und Aufrechnung und Abmessung und Abwägung, und darum ist Gerechtigkeit ungerecht.

Denn wer misst denn und wägt, doch nur der Mächtige, und der misst mit seinem Maß und der hat das Maß festgelegt, denn was wir bisher für das Maß aller Dinge gehalten haben, das war nur eine koloniale Konstruktion alter weißer Männer, die haben das installiert und festgelegt und allen anderen übergestülpt, als Machtinstrument und bis heute benutzen sie das und dadurch waren, sind und bleiben sie die mächtigen Zerstörer soziokultureller Zentren.

Nein, damit wollen wir nichts zu tun haben. 

Wir wollen keine Gerechtigkeit, denn so lange Gerechtigkeit deren Gerechtigkeit ist, ist es keine Gerechtigkeit, kann es keine Gerechtigkeit geben. 

Wir wollen keine Gerechtigkeit, sondern das Ende der Ungerechtigkeiten.

Wir wollen Liebe.  Wie kann es sein, dass ich sie erst jetzt erwähne. Die LIEBE. 

Die wunderbare grenzenlose bedingungslose Liebe. 

Die nämlich kann man nicht kaufen, die kann man sich auch nicht verdienen. Die kann man nicht für irgendeine Leistung eintauschen. 

Wahre Liebe gibt und bekommt man unverdient, man kann nicht berechnen, wann und wen und wie sie einen trifft. 

Und selbst wenn man nicht liebt und nicht geliebt wird, man kann sie trotzdem geben, als Geste nämlich. 

Man verschenkt sie an irgendwelche Opfer, oder Opfergruppen, reibt sich auf, ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Quasi in blindem Trotz gibt man sich auf, setzt man sich ein, im Namen der Liebe, gibt man sich hin, ohne zu prüfen, ob der Empfänger sie VERDIENT hat, ob er sie erwidert- pfui, nein- das Berechnen, das Prüfen aufs Profitable überlässt man den Trumps und den Musks.

Nein, blind liebt man und bedingungslos, wider die Verwertungslogik, unverdient lässt man sie auf die Armen und Schwachen, auf die Zurückgebliebenen und Vertriebenen rieseln, auf die, welche sich etwas wünschen, aber es nicht bekommen, deren Träume nicht wahr werden wollen, obwohl sie sich so sehr danach sehnen, bleiben sie Opfer von Ungerechtigkeiten, aber werden sie bedingungslos geliebt. 

Je einseitiger die Gefühle fließen, desto besser. 

Sie müssen sogar einseitig fließen, würden sie erwidert werden, wäre man dadurch ja schon wieder in einen Handel verwickelt, nämlich in einen Austausch! 

Und Austausch ist aber leer und kalt und hat was mit Rechnen und Berechnen zu tun und das ist das Gegenteil von Liebe. 

Und genau das lehnt man nunmal ab, weil das auf Landraub hinausläuft und Arbeitsplatzverlust durch KI und Klimawandel etc.

Nein, LIEBE und Solidarität dürfen nur bedingungslos und immer nur in EINE Richtung fließen. Und geflossen wird nun mal von oben nach unten, das sind physikalische Gesetze und die gelten für alle.

Daher setzt man sich mit seiner Kunst für marginalisierte Gruppen ein- aber die marginalisierten Gruppen setzen sich nicht für die Kunst ein. 

Das Stadttheater proklamiert die Diversität- aber die Diversität proklamiert das Stadttheater nicht. 

Die Queers demonstrieren for Palestine, aber Palestine nicht for die Queers. 

Chantal Akerman macht einen Film über “Jeanne Dielmann”, aber Jeanne Dielmann macht keinen über “Chantal Akerman”. 

Kommentar verfassen