Abgründe!

Berlin Leaks

Es fühlte sich ein bisschen schäbig an, in den Berliner Senatsdaten herumzuschnüffeln, aber ich musste es tun. 

Ich wollte es einfach wissen, ich wollte es mit eigenen Augen sehen, das LECK und es stand ja nirgendwo Genaueres. Die Presse versagte mal wieder komplett. Alle schreiben voneinander ab und schüren Ängste, aber keiner hatte sich tatsächlich ins Darkweb begeben, um sich das heiße Material selbst anzusehen. Stattdessen hatte man beispielsweise einen Experten interviewt, der gleich im ersten Satz bekannte, er würde sich aus “ethischen Gründen” nicht mit dem konkreten Stoff befassen.

Also habe ich die nötigen Schritte unternommen, und es war schon ein cooler Moment, als ich es geschafft hatte. Aber damit war das Beste an der Sache auch schon vorbei, denn nachdem ich ein paar Dokumente angeklickt hatte, deren Namen vielversprechend klangen, interessierte mich die Sache nicht mehr, denn es gab nichts zu sehen, oder für mich nichts zu verstehen und es war nichts Interessantes dabei und ich verstand, warum der Senat dafür nicht 2 Millionen Euro hatte herausrücken wollen. 

Ich war enttäuscht-  ich weiß auch nicht, was ich eigentlich erwartet hatte. Vielleicht habe ich gehofft, irgendwelche Geheimnisse und illegalen Schiebereien aufdecken zu können- stattdessen gab es nur relativ unglamouröse Behördenvorgänge. Protokolle, Verordnungen, interne Telefonlisten, Stellungnahmen, Weiterleitungen, unbeantwortete Anfragen und alles über zehn Jahre alt, aus und vorbei. Man hätte die Ordner löschen sollen, statt sie zu leaken.

Das Witzigste war der Ordner mit den Fotos vom Betriebsausflug des Verkehrsamtes Köpenick 2006 ins Naturkundemuseum, da sah man dann Beamtinnen von schräg hinten in wild gemusterten Blusen und unvorteilhaften Jeans vor einem Dinosauriergerippe stehen, aber das war das einzige Bild auf dem Menschen abgebildet waren, auf den anderen waren die Ecken von Glasvitrinen zu sehen, oder Mauerwerk in Nahaufnahme.  

Was gabs noch? Schriftverkehr zum Thema Parkausweise städtischer Angestellter. Ein Herr Fabian H. (Name geändert) beantragte die Gewährung eines Parkausweises für seinen privaten PKW, wenn er im Auftrag der Stadt mit dem PKW in Sachen Denkmalschutz unterwegs ist- aber der Antrag wurde abgelehnt, woraufhin Herr Fabian ein weiteres Schreiben mit ausführlicher Begründung verfasste, welches mit ebenso ausführlicher Begründung erneut abgelehnt wurde. Beim Überfliegen der Schriftstücke- sie stammten aus einem Jahr zwischen 2002 und 2012- erfasste mich ein Schauder…

Wahrscheinlich eine deutliche Ahnung der Wut, welche der Herr Fabian empfunden haben muss, als sein Gesuch ein zweites Mal und diesmal endgültig abgelehnt wurde.  

Gebt ihm doch einfach den Wisch, dachte ich, er arbeitet für EUCH, für Berlin, für die Stadt- und fährt dafür mit seinem privaten Auto herum und jetzt soll er sich jedesmal einen Parkzettel holen, wenn er aussteigen muss, um was für den Denkmalschutz zu fotografieren? In der Ablehnung stand, dass man es Handwerkern und Lieferanten etc. nicht vermitteln könnte, wenn er, Herr Fabian vom Bezirk einen beruflichen Parkausweis bekommt, sie aber nicht. 

Abgründe! 

Ich schloss den Ordner und kramte weiter. Irgendwie kam ich aus der der Abteilung Denkmalschutz nicht mehr heraus. Ich entdeckte die Rechnung eines Münchener Grafikdesigners an die Landesdenkmalpflege Unteres West- Niedersachsen- weiß der Kuckuck, warum diese von der Berliner Landesdenkmalpflege eingescannt und abgespeichert worden war. 

Für die Neugestaltung des Landesdenkmalpflegelogos hatte der Grafiker laut seiner Rechnung 100 Arbeitsstunden à 60 Euro gebraucht- also verlangte er dafür 6000 Euro. Ein weiterer Posten war ein Faltblatt/ Broschüre, A4, dreimal gefalzt, 60 Arbeitsstunden á 60 Euro. 

2012 hat der Landesdenkmalschutz Niedersachsen Süd, also um die 10.000 Euro für ein Logo und ein Faltblatt bezahlt, deren Erstellung ca. einen Monat gedauert hat.  

Das hätte ich nun wirklich gern gesehen, das Logo, das Faltblatt, aber nur theoretisch. Ich hätte das Grafikbüro googeln können, oder nach “niedersächsische Denkmalschutzbehörde Logo” suchen können, im Clearweb oder Darkweb, aber wie gesagt, mein Interesse war plötzlich nur noch theoretisch und inzwischen auch nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden. Wie das? Es war versickert, weggetröpfelt, stetig und unbemerkt durch das Leak abgelaufen. Welches Leak? Das Leak in mir.

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

1 Kommentar

Kommentieren

Kommentar verfassen