• Ein Abend bei den Schlürfdichtern

    Zwiebel, Flippi, Gerold, das Genie und ich. Das sind wir, die Schlürfdichter. Die weltberühmte Lesebühne gibt es schon seit 50 Jahren. Es ist ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend im Februar. Draußen ist Eisschneeregen bei Windstärke sieben, drinnen ist die Heizung kaputt, aber das macht nichts, wir wärmen uns am Zigarettenrauch. Es ist ein ganz besonderer Abend. Gerold hatte mal wieder keine Lust zu kommen und wird nun von einer Gastleserin vertreten. Sie heißt Penthesilea und kommt aus Reinickendorf. Zwiebel, Flippi und ich sprechen grundsätzlich nicht mit Gastleserinnen, dafür wird sie vom Genie sexuell belästigt. So gleicht sich alles aus. Unser Publikum besteht wie immer aus arbeitslosen Rentnern, Frührentnern und Vorfrührentnern. Alle tragen den Schwerbehindertenausweis am goldenen Band und haben ermäßigten Eintritt bezahlt. Continue Reading

    März 17, 2017 • Text • Views: 31

  • Hagebutte

    “Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm.”

    Wer das Lied kennt, weiß, dass es sich um die Hagebutte handelt. Natürlich ist die Hagebutte stumm, oder hat schon mal jemand eine sprechende Hagebutte gesehen?

    “Es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.”

    Seit wann tragen Früchte Mäntlein? Hagebutten sind rot, hagebuttenrot, als Purpur würde ich das nicht bezeichnen, schon gar nicht als Mäntlein. Continue Reading

    März 11, 2017 • Text • Views: 52

  • Ornament und Verbrechen

    Zum Glück bin ich kein Architekt geworden. Ich wäre schon an dem ewigen Millimeterpapier gescheitert und den zu harten Bleistiften. Ich kann keine geraden Linien zeichnen, dafür bin ich zu ungeduldig und all die kleinen Zahlen und Maße, ich wäre durchgedreht. Architekten sind auch nicht geil. Die drei Architekten die ich kenne, sind penible Alleswisser und korinthenkackende Rechthaber.  Alle atmen auf, wenn sie nach Hause gegangen sind, um weiter ihre Bücher nach Farben zu sortieren, oder ihre Plattensammlungen zu entstauben. Alle drei Architekten die ich kenne, halten ungefragt Vorträge bis einem die Ohren bluten, reden einen dampfwalzenartig nieder mit Banalitäten, schwimmen in Geld, sind aber unendlich geizig und unterdrücken ihre Frauen. Alle drei Architekten die ich kenne, haben schnarrende Stimmen, wie Albert Speer und tragen natürlich immer irgendwas mit schwarz und sind über 40. Wenn ich also irgendwo Architekten sehe, mache ich einen großen Bogen um sie und das rate ich euch auch. Zum Glück ist mir als Nichtarchitektin dieses Schicksal erspart geblieben, dass Leute einen Bogen um mich machen. Ich bin beliebt und habe keinen Zentimeter Millimeterpapier bei mir zu Hause und auch keinen Plattenspieler und nicht alle Bücher aus der bunten Reihe von Suhrkamp. Wenn ich Architektin wäre, würde ich ganze Stadtviertel, nein ganze Städte abreißen lassen, besonders die widerlichen Fachwerkaltbauinnenstädte mit ihren “romantischen” verwinkelten Gäßchen und ich würde da breite Boulevards hineinfräsen, und an deren Seiten monumentale Sandsteinblöcke hinstellen, eine Erniedrigungsarchitektur mit immergleichen Fensterreihen, einen komplett erdrückend, die Menschen in einen Taumel der Nichtigkeit versetzen und so auf ein normales menschliches Maß zurechtstutzen. Alle hätten sofort einen viel besseren Charakter, wenn sie in meinen Städten leben müssten. Continue Reading

    März 6, 2017 • Text • Views: 68