Die 100 Tage von Lumbung/ Unterwegs auf der #documentafifteen

Kurz vor Mitternacht, hatte ich für mein Gefühl, mehr als genug Eindrücke von der #documentafifteen  der laut Eigenwerbung, “wichtigsten Kunstschau der Welt” gesammelt und ich war erschlagen und deprimiert, wegen der offenkundigen, ausweglosen und umfassenden Grunddummheit, sowohl der ganzen Veranstaltung, als auch ihrer Akteure und Ermöglicher und ebenso der Grunddummheit von allem und jeden, inklusive der meiner Begleitung und der meines Freundeskreises, denen ich lieber gar nicht erst erklärt hatte, wo ich hinfahre, weil die von der Existenz einer “Documenta” sowieso noch nie etwas gehört hatten, geschweige denn, von der ganzen Antisemitismus- Debatte drumherum und die auch nicht wissen, was der “BDS” ist und die sowieso und glücklicherweise ganz andere Probleme haben, so wie ich eigentlich auch, aber jetzt war ich hier und ich hatte es ja so gewollt und jetzt war ich betrunken und schlecht gelaunt, weil ich mich doch aufgrund des Umzingeltseins von Dummheit, so einsam fühlte, weil es weit und breit kein würdiges  Gegenüber für mich gab und natürlich stimmt das so nicht und ich habe mal wieder total übertrieben und wenig später war ja auch schon einer da und der hatte sogar noch Freunde dabei und die waren alle total süß und smart und nett und mit denen sind wir dann abgehauen, und landeten dann bei einem Rave unter einer Autobahnbrücke am Ufer der Fulda und ich weiß gar nicht, ob wir da überhaupt noch in Kassel waren und da kam ich dann auf andere Gedanken und wieder gut drauf, denn ich rege mich immer viel zu schnell auf, aber dafür dann auch schnell wieder ab.

Und ich denke, sich ernsthaft über die kläglichen Leistungen in Sachen Kunst, seitens der Kollektive des globalen Südens, zu empören, ist wie mit Kanonen auf Spatzen schießen und ist es doch außerdem total rassistisch und islamophob, wenn man erschaudert und Scham empfindet, beim Anblick der vor aller Welt ins Rampenlicht gezerrten, Unbeholfenheit und Primitivität ausstrahlenden Kunstbemühungsattrappen, irgendwelcher 3. Welt Hinterwäldler. 

Und was können die denn dafür, weil die sind eben Opfer von Kolonialismus, Krieg und Kapitalismus und daher notorisch ungebildet, unreif und unfähig zu Analyse und Selbstreflexion. Dazu noch jahrzehntelange Diktaturerfahrung und Massenmorde, Bürgerkriege, Naturkatastrophen, Waldbrände und als ob das noch nicht reicht, auch noch die allseits fortschreitende Islamisierung. Weil, wenn sonst nichts klappt, hilft vielleicht wenigstens Allah. Und die Religiösen sind ja bekanntermaßen, nicht die größten Freunde von Bildung, Wissenschaft, Aufklärung oder gar des Denkens. Und auch nicht gerade als große Künstler bekannt. Wie denn auch, wenn man per se ein Problem mit Bildern oder Musik hat. 

Und da sind die Juden nur ein Feind von vielen, zusammen mit dem Teufel, den Amerikanern, den Chinesen, den Kommunisten, Indern, unzüchtigen Frauen, oder Krakenwesen mit Dollarzeichen in den Augen, oder peitschenschwingende Schweine in Lederkluft und dem Geld an sich, weil es sich stets und ausschließlich in den Händen der Feinde befindet und deswegen ist die Lage schlimm, die Umwelt geschrottet und ebenso wie das Geld fehlen Wasser, Weizen, Ressourcen, Begriffsvermögen, Schönheitssinn, Hygiene und Toiletten. 

Schön wärs, man könnte die Zeit zurückdrehen und alles wäre so rein und gerecht wie damals, als die Welt noch ganz neu und unschuldig war und die Dorfbewohner brüderlich den Reis in der Reisscheune lagerten und den gerecht miteinander teilten und das war dann Kunst. 

Jedenfalls das ist der Kunstbegriff des indonesischen #documentafifteen Führungskollektivs Ruangrupa, so stand es jedenfalls im Katalog. Alles soll Lumbung werden, das ist indonesisch für Scheune und es gibt kein Geld mehr, nur noch Reis für alle. 

Das ist super, denn der deutsche Staat hat dem indonesischen Kollektiv, eine unfassbar große Menge Reis, äh Geld gegeben und die Ernte wird jetzt eben mit den bedürftigen Kunstkollektiven des globalen Südens geteilt und die teilen das weiter. Sharing is caring. Und darum gibts Grünpflanzen und Skateboardhalle und Siebdruckworkshops oder Batik und Tanzkurse und Transparente zum Zwecke politischer Bildung. 

Als ich nachmittags durchs Fridericianum schritt, hatte ich sicherheitshalber lieber nur kurze Blicke auf den ganzen bunten Schlamassel geworfen.

Denn bei jedem genaueren Hinsehen, näheren Rangehen, stand ja dann doch immer gleich irgendwas von: “Free Palestine” oder “Give us back our Land!” und dergleichen.

Weil, machen wir uns nichts vor, es bei dieser Art der Kunstproduktion wohl doch nicht so sehr ums Verweilen und Teilen, sondern mehr ums Abrechnen und Anklagen geht.

Deswegen habe ich an diesem Samstag, den 16. Juni, dem offiziellen Eröffnungsnachmittag, das Hauptwerk der #documantafifteen, das skandalöse Transparent der Schande, also das mittlerweile abgehängte und auf seinen Dachboden zurückgebrachte Machwerk: “Peoples Justice”, wenn überhaupt, nur von Weitem gesehen. 

Ja, “Peoples Justice” habe ich nur einmal kurz aus aus dem Augenwinkel wahrgenommen, weil mir schon aus der Ferne, von dem Anblick direkt schlecht geworden war, wegen seiner sofort offensichtlichen, ästhetischen Ekelhaftigkeit.  

Mir war ja schon nach dem Gang durchs Fridericianum unwohl zumute, wegen der Dummheit und auch wegen der ganzen Energie. Also, mir war komplett suspekt, wegen kognitiver Dissonanz. 

Weil das Dargebotene auf der Oberfläche so lieb und Babysprache, also alles ein einziges Rururu und Lumbungbungabunga und lecker Reis und Ernte für alle, aber als bitterer Reis eben, als passiv- aggressive Ernte, als Vorwurf, als Schwanzvergleich der Werte: 

Wer hat die besten?

Da half auch nicht der einladende niedrigschwellige Appeal, der überall herumstehenden, zum Sitzen, vulgo zur Teilnahme, einladen sollenden überall herumstehenden Billig- Sitzgelegenheiten. Also Paletten mit Kissen drauf, wie in einem billigen Berliner Hostel, oder Friedrichshainer AirBnB vor 5 Jahren. 

Oder es lagen da Teppiche und Kissen herum, wie in einer Moschee, aber da saß natürlich niemand, wegen des volksmusikalischen Singsangs vom Band. Alte Weiber, hohe Stimmen, keine Melodien und 1,2,3,4 aber auch nicht. 

Spätestens ab hier beschleunigte jeder seine Schritte, nichts wie raus aus der akustischen Todeszone, rein in die nächste Tonspur. 

Auf uralten Röhrenfernsehern liefen unscharfe Dokus, arabisch mit englischen Untertiteln, oder englisch mit arabischen Untertiteln, welche flimmerten und rauschten, ebenso wie Felder und Bomber im Himmel.

Schätzungsweise Felder des Globalen Südens, Bomber des Kolonialen Westens, Stimme der Marginalisierten, ewiger Jammer, schlimmschlimm.

Das Erschütterndste an dem Film aber, dass es für Drittweltler schwer ist, mit westlicher Technik umzugehen und die kein scharfes Bild hinbekommen, weil die Gebrauchsanweisungen nicht in Leichter Sprache geschrieben und außerdem ist Lesen/ Schreiben/Rechnen doch auch nichts weiter als ein Unterdrückungsdingsbums der Kolonialherren und -damen. 

Bzw. war vielleicht einfach kein Manual dabei, oder nur ein hebräisches, in der Containerladung ausrangierten Elektroschrotts. Teufelswerk des fernen Ostens, aus Rohstoffen des Südens, mit dem die Weisen von Zion, systematisch die einheimischen ursprünglichen Saturn- und Mediamärkte kaputt machen, oder gar die kleinen, unabhängigen, sudanesischen Röhrenfernseher- Manufakturen, die es früher noch an jeder Straßenecke gab?

Und haben sie nicht auch die komplette kongolesische digitale High- Res- Spiegelreflexindustrie zerstört? 

Als ich ins Freie taumelte, ins gleißende Sonnenlicht, versuchte ich mich zu beruhigen. Was für billige Gedanken, welch widerlicher Rassismus und wieviel schlechte Laune war da in mir freigelegt worden. 

Also setzte ich mich in ein schattiges Versteck und machte ich mich an die Verarbeitung des Gesehenen, denn da sind wir hier auf der Nordhalbkugel doch weiter, dass wir eben nicht den billigen Reflexen und Instinkten nachgeben, wenn wir eine dumpfe Wut gegen die da oben verspüren, oder wir uns unbekannten Mächten hilflos und ausgeliefert fühlen. Nein, weder habe ich meinen Frieden im Gebet gesucht, noch nach einem Sündenbock, um mich an dem abzureagieren. 

Nein, ich bemühte mich um Bewusstwerdung, Bewusstmachung, Rationalisierung, Reflexion und Erkenntnis, weil ich ja versuchen will, nicht grunddumm zu sein und denn das ist doch das Einzige, was wir haben, wenn wir die Welt zu einem besseren Ort wollen und nicht den Hass, die Wut und das Leiden in alle Ewigkeiten perpetuieren. 

Und darum ging ich in mich und hielt ich inne und ich sagte mir, dass ich eben nicht über einen Kamm scheren darf und Vorurteile entwickeln und Hass verbreiten, sondern, dass ich  unterscheiden muss.

Unterscheiden zwischen Indonesiern und Kunstkollektiven, unterscheiden zwischen Kunstkollektien und grunddummen Kunstkollektiven.

Denn es sind ja auch nicht alle Juden an allem schuld, oder alle Deutschen Nazis und nicht alle Amis fett und nicht alle Italiener nervig und nicht alle Spanier können Flamenco und nicht alle Männer wären lieber Frauen und nicht alle Frauen lieber Männer, und nicht alle Menschen sind grunddumm und nicht alle, die Israel kritisieren, sind Antisemiten.

Oh nein.

Man darf sich nicht triggern und verführen lassen, egal was passiert, sagte ich mir und so bin ich erzogen worden und ich verabscheue Rassismus und alles, was damit zusammenhängt. 

Nein. Man darf nie, nie, nie von einem auf alle schließen, denn man weiß doch, wohin sowas führt… 

Außerdem: 

Die grunddummen Basteleien der grunddummen Documenta- Kunstkollektive repräsentieren keineswegs den globalen Süden.

Dem wären die hundertpro peinlich, also wenn der sich für die #documentafifteen interessieren würde und sähe, wer da behauptet, ihn zu repräsentieren. Der globale Süden würde sagen:

„OMG, so schlecht geht es mir gar nicht, also nicht nur, mir gehts auch oft extrem gut und manchmal sogar besser als euch, wegen der Sonne und der Musik und des guten Essens und der guten Laune und weil ich doch sehr vielfältig und unfassbar bunt bin, und wir haben jede Menge richtig geile Künstler hier, wieso habt ihr die nicht eingeladen?“

Das ist wie mit dem deutschen Beitrag zur Eurovision. Da versteht auch immer keiner, aus welchem Loch sie denn jetzt diese Freaks gezogen haben und wieso wir da nicht Rammstein, oder Hayti hinschicken.

Ganz genau.

Die Kunstkollektive auf der Documenta repräsentieren natürlich nicht und niemals den “Globalen Süden”, sondern nichts weiter als den deutschen Zeitgeist und den deutschen Antisemitismus und die deutsche Verkorkstheit und die deutsche Kulturpolitik und die deutsche Grunddummheit und die aktuelle Situation.

Und ja, DAS machen sie wirklich ausgesprochen gut.

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