Zwölf kommt vor Ölf

Freitag. Paris.

Schöne Dinge, die man nur selten tun kann: Auf Fahrrädern nebeneinander herfahren und sich dabei unterhalten. Geht ja nicht, weil immer allen im Weg, oder Auto kommt, oder ungleiche Kondition. Zu enge Straßen, zu enge Wege, sandige Wege, Steinchen überall und so weiter. Aber wenns mal klappt, auf Fahrrädern nebeneinander herzufahren und sich dabei zu unterhalten, ist es einfach schön. Auf so eine beiläufige Art. Also man hält dann nicht inne und denkt: WOW. Also man erstarrt dabei nicht gerade vor Glück, aber es ist halt was Schönes. Auf Fahrrädern nebeneinander herzufahren und sich dabei zu unterhalten.

Jaja, die kleinen Dinge. Ich bin so froh, wenn diese Phase vorbei ist, in der ich lernen muss, mich an ihnen zu erfreuen, oder ich froh sein muss, mit dem was ich habe.

In Wirklichkeit will ich gar nicht ans Mittelmeer oder sonstwohin, sondern nach NORILSK. Norilsk liegt in Sibirien und gilt als nördlichste Großstadt der Erde. Die Luft in Norilsk ist extrem schlecht, weil dort Nickel verhüttet wird und deswegen wird hier massig Schwefeldioxid emissioniert. Wegen des Nickels und der anderen Bodenschätze, wurde in der Stalinzeit beschlossen, hier ein Kombinat und eine Stadt mittels Gulag- Insassen, aus dem Boden zu stampfen.

Die Lebenserwartung in Norilsk soll 10 Jahre unter dem russischen Durchschnitt liegen und außerdem ist es dort wegen der Polarnacht nur sechs Monate im Jahr hell. Die Natur um Norilsk herum ist wegen sauren Regens großteilig abgestorben. Nach Norilsk gelangt man nur mit dem Flugzeug oder mit dem Schiff, über den Fluss Jenissej. In Norilsk wird es wegen der Polarnacht sechs Monate im Jahr nicht richtig hell. Seit 2001 gilt Norilsk als geschlossene Stadt. Ausländer dürfen dort nicht hin.  

Das ist schade, weil ich will ja dorthin. Wieso will man immer das, was man nicht haben kann? Weil es dann umso schöner ist, wenn man es dann doch irgendwann bekommt. Irgendwann beugt sich das Schicksal dem Willen und dann kriegt man, was man will und dann will man eben wieder was Anderes. Das ist wie beim Candy Crush Spielen. Egal, wie schwer das Level ist, irgendwann hat man es geschafft, die App gibt nach. Auf einmal sind die richtigen Bonbons zum Kombinieren da und das Gelee ist weggesprengt. Und dann freue ich mich und dann kommt halt das nächste Level.

Ich spiele Candycrush und träume von Norilsk und lese Mary Gaithskill. “Schlechter Umgang”.

Geschichten aus dem New York der 80er. Kaputte Typen, kaputte Frauen, kaputte Beziehungen.

Finde ich sehr sehr gut. Gaithskill versucht gar nicht, dem ganzen irgendeinen höheren Sinn zu verleihen, sondern schreibt einfach nur auf, wie ätzend Leute miteinander umgehen. Die Storys brechen meistens mittendrin ab, weil es keinen Sinn machen würde, sie weiterzuschreiben, wenn das Prinzip klargeworden ist und das Prinzip ist:

Es geht nach dem Ende der Geschichte ganz genau so weiter. Keiner ihrer Protagonisten wird etwas dazulernen, sich verbessern, sein Verhalten ändern oder Ähnliches.

Sie leben in Erinnerungen, sie leben in der Gegenwart und die Gegenwart ist nicht besser oder schlechter als die Vergangenheit, sondern nur anders, wenn überhaupt.

Aus zufälligen Begegnungen, oder Wiederbegegnungen, entspinnen sich ausweglose, sinnlose Affären, oder eher Kollisionen. Man kommt sich viel zu nahe, aber man nimmt einander trotzdem nicht wahr.

Also, ich lese seit Langem mal wieder ein gutes Buch.

Ich finde es so gut, dass ich es vielleicht sogar bis zu Ende lesen werde.

Kommentar verfassen