ZehnkommtvorNeun

Montag. Paris.

Ich habe ein paar Tage zu wenig gegessen. Das passiert manchmal, wenn ich alleine bin. Ich esse, aber zu kalt und zu wenig. Jedenfalls erwache ich mit Hunger. Vor Hunger? Ich muss was essen, ich müsste endlich mal wieder einkaufen gehen, denke ich im Halbschlaf und stelle mir eine geistige Einkaufsliste zusammen:

Berge von Obst, alle Sorten Käse plus Schafskäse und Burrata, Tomaten, Kefir, Smoothies, Milch für den Kaffee, Safran für die Stimmung, Oliven, Brot, Butter, Marmelade, Kuchen, Kuchen, Kuchen.

Die Liste wird immer länger. Je größer der Mangel, desto größer die Gier.

“Der Mangel, der Mangel an Liebe ist wie ein Durst, der alles aufsaugt, der Durst eines Junkies, der nicht auf die Qualität des Produktes achtet, dass man ihm liefert, und sich die tödliche Dosis in der Gewissheit injiziert, dass er sich etwas Gutes tut. Voller Erleichterung, Dankbarkeit und Glück.”

…schreibt Vanessa Springora in “Die Einwilligung”- auf französisch “Le Consentement”. 

In dem Buch geht es um die für sie, zerstörerische und von ihrem Umfeld, geduldete Beziehung, sie als 14jährige zu einem 50jährigen Päderasten und bis zur Veröffentlichung ihres Buches, im Februar diesen Jahres, in Frankreich hoch anerkannten Schriftstellers hatte. Mit dem Ruhm des Perversen ist es jetzt natürlich vorbei.

 “Die Einwilligung” hat laut Klappentext, in Frankreich und danach weltweit, “eingeschlagen wie eine Bombe”. Jedenfalls bekommt der Typ jetzt keinen Fuß mehr auf den Boden, seine Bilder werden abgehängt, seine Preise ihm aberkannt, die Gerechtigkeit wurde wiederhergestellt.

Ich bin dermaßen hungrig, ich bezweifle, ob ich es so bis zum Supermarkt schaffen werde, der immerhin 900 Meter entfernt ist und esse deswegen erstmal wahllos, alles was noch da ist. Waffeln, Radieschen, Cashewnüsse und fünf Glas Himbeersirup und drei Tassen Kaffee.

Dann gehts wieder. 

Es stimmt. Je größer der Mangel, desto größer und unspezifischer die Gier. Irgendwann geht es nur noch darum, irgendwas zu essen, irgendwas zu trinken, mit irgendwem zu schlafen, irgendwen zu lieben, irgendwas zu injizieren.

Ich habe ja letzte Woche geschrieben, dass ich gerne mal nach Norilsk fahren würde. Kaum habe ich das getan, stellte sich heraus, dass genau an diesem Tage, ein riesiger Umweltskandal dort ans Licht kam. Mehr als 21000 Tonnen Dieselöl sind aus einem der Kraftwerkstanks der Firma “Nornickel” (Zusammensetzung aus Norilsk und Nickel) in zwei Flüsse gelaufen und von dort in einen Süßwassersee. Die haben das versucht, zu vertuschen, aber jetzt ist es eben rausgekommen. 

Außerdem kam heraus, dass deis wohl nicht die erste Havarie dieser Art war, jedenfalls finden sich in den Wäldern um Norilsk herum, orangefarbene, vergiftete Bäume und jede Menge übelriechende Tümpel. Jetzt ist sogar Wladimir Putin persönlich sauer auf seinen Kumpel Wladimir Potanin. Potanin ist der Besitzer von Nornickel und er soll den Umweltschaden jetzt aus eigener Tasche bezahlen.

Potanin war in den letzten Jahren ab und zu mal in den Schlagzeilen, wegen der “teuersten Scheidung der Welt”. Das habe ich aus einer arte- Doku namens “Die Frauen der Oligarchen” erfahren. Die habe ich mir gestern, rein zufällig! angesehen, also weil Youtube mir die vorgeschlagen hat. Ich wusste ja nicht, dass ich schon wieder bei Norilsk, ausgerechnet Norilsk ankommen würde. Norilsk, für dass ich mich schon seit Jahren interessiere, Norilsk, dass mich schon seit Jahren fasziniert. 

Gibt es Zufälle?

In der Doku erzählt Natalija Potanina, wie ihr Mann, Wladimir Potanin, der Besitzer von Nornickel,  sich 2013 von ihr getrennt hat: 

Sie saßen ganz normal zusammen, beim Abendbrot in ihrer Villa. 

Wladimir, Natalija und ihre drei Kinder. Plötzlich ist Wladimir aufgestanden, hat gesagt, er will nicht mehr mit ihr zusammenleben und ist aus der Küche gegangen. 

Kurz danach kamen seine Leibwächter rein und haben ihr die Scheidungspapiere auf den Tisch gelegt. Sie sollte unterschreiben, dass sie keinerlei Ansprüche an ihn stellt und so weiter. Seit diesem Zeitpunkt hat er kein Wort mehr mit ihr gesprochen.

Später stellte sich heraus, er hatte damals nicht nur schon eine neue Frau, sondern bereits eine neue Familie. 

Gibt es Zufälle? 

Sind die stinkenden Tümpel in der sibirischen Taiga ein Abbild von Potanis Unterbewusstsein. Oder ist Wladimir Potanin ein glücklicher Mensch.

Ob er wirklich für den Schaden zahlen muss, ist noch ungewiss. Auch der Scheidungsprozess läuft noch. Zu lesen ist auch, dass Potanin die gesamte Region um Norilsk herum, unter seine Kontrolle gebracht haben soll. Es handele sich beinahe um einen selbständigen Staat mit eigenständigen Gesetzen.

Es bleibt spannend!

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