Woher ich meine Inspiration nehme

Ich war nach München zu einem Auftritt eingeladen und nach großen Zweifeln, langen Telefonaten mit meiner Schwester, durchweinten Nächten und Extrasitzungen bei meinem Psychiater fuhr ich dann doch hin, obwohl ich das auf keinen Fall wollte. Jedesmal in München graut es mich vor mir, weil mir das „Grüß Gott“ so leicht über die Lippen kommt. […]

Ich war nach München zu einem Auftritt eingeladen und nach großen Zweifeln, langen Telefonaten mit meiner Schwester, durchweinten Nächten und Extrasitzungen bei meinem Psychiater fuhr ich dann doch hin, obwohl ich das auf keinen Fall wollte. Jedesmal in München graut es mich vor mir, weil mir das „Grüß Gott“ so leicht über die Lippen kommt. Die Anfahrt zum Flughafen, der Flug und sogar die Landung klappten reibungslos. Alle waren sehr zuvorkommend und bei der Sicherheitsüberprüfung am Flughafen fand niemand die Drogen und Sprengstoffvorräte, die ich mir sicherheitshalber in sämtliche Zahnlücken gestopft hatte. Nach der Ankunft am Münchener Flughafen erwarb ich zuerst eine der obligatorischen grünen bzw dunkelblauen Steppjacken, ohne die man in München quasi nackt ist. Auch ein gelbeseidenes Halstuch und eine Stretchhose mit Bügelfalte, sowie eine dezente Perlenkette kamen dazu.

So konnte ich mich in die Münchner S- Bahn wagen, die mich für nur 2500 Euro schnell und sicher in die Innenstadt beförderte. Ich hatte die Stadt lange nicht mehr gesehen und war erleichtert, dass sich die Wirkungsstätte Heiner Lauterbachs und Klaus Kinskis nicht verändert hatte.

Ich war angekommen. Es war wie früher. Als wäre ich nie fortgewesen. Als hätte ich nie woanders gelebt.

Achtspurige Schnellstraßen verzweigten sich zu Kreuzungen, die Hofburg war immer noch aus purem Gold und überstrahlte die Stadt auf ihrem Hofburghügel, weswegen man München auch „Die Goldene“ nennt.

An den Straßenecken stapelte sich der Müll:

Suhrkamp Erstausgaben von 1772 und alle Bände von Dr. Oetker: Das große Kochen von 1-100. Des Weiteren Kristallgläser aus Schloss Neuschwanstein und handgezeichnete Porträts von Ludwig 2.

Kaum hatte ich mein Pensionszimmer betreten, warf ich mich weinend aufs Bett, dann duschte ich kalt.
Allerdings kam das Wasser nur aus dem Schlauch und nicht aus dem Duschkopf, so dass nur wenig Wasser meinen Körper benetzte, aber das war besser so, denn es war ja kalt.
Dann eilte ich zur Bühne, meinem Auftrittsort. Es war unglaublich voll. Die Gäste waren aus der gesamten Umgebung angereist um dem Abend beiwohnen zu können. Aus Unterschluchzheim, Überbratlingen und Weißweinschluckau hatten sie sich hierher durchgekämpft, auf Busdächer gekettet und an Zugtüren gehängt.
Bis auf die Straße standen sie, und alles wegen mir und der anderen 23 Slampoeten die heute performen durften!
Es blieb mir gerade noch Zeit für fünfeinhalb Maß kurfürstliches Niederstarkbier, bevor ich ans Mikro musste.
Ich brachte erst den Prenzlauer Berg Text und dann den Friedrichshain Text. Das Publikum schwieg bodenlos.
Ich glaube, sie fanden es gut, denn danach wurde ich in der Schlange vorm Klo gefragt, wo ich denn meine Inspiration her nähme.
Außerdem standen mir zusätzlich zu meinen drei Euro Gage noch kostenlose Pommes zu. Beim Pommesessen saß eine Dame neben mir, die darauf bestand meine Bekanntschaft zu machen.
Meine Texte hatten ihr gefallen und ihr war auch ein Widerspruch aufgefallen: In meinem Prenzlbergtext hatte ich behauptet, dass es im Prenzlberg keine Kinder gäbe, denn wer im Prenzlberg Kinder bekäme, würde  wegziehen.
Aber es gäbe doch viele Kinder im Prenzlauer Berg? fragte sie und ich erklärte ihr wahrheitsgemäß, dass es sich um Ironie gehandelt hätte und dass es ein lustig sein wollender Text gewesen sei.
Das brachte sie zum Nachdenken, also in Gedanken rekapitulierte sie nun mein Oeuvre und dann fragte sie, woher ich meine Inspiration nähme.
Leider spuckte sie mir bei dem Wort Inspiration auf die Pommes, denn es war sehr laut in der Lokalität und um uns zu verständigen, mussten wir uns anbrüllen.
Wenigstens hatte sie keinen Mundgeruch, aber dennoch spuckte sie mir auf die Pommes bei dem Wort „Inschpiration“. Ich bemerkte das deshalb, weil ein Teil ihrer Spucketröpfchen meinen Handrücken trafen, denn in dieser rechten Hand hielt ich ja die Pommesgabel und weil ich ein logisch denkender Mensch bin, schloss ich daraus, dass meine Hand nur einen Teil der Spucketröpchen abbekommen hatte, wohingegen der andere Teil nun auf meinen schwer erarbeiteten Pommes gelandet war.
Als erste Maßnahme schob ich nun den Teller mit den Pommes so weit es ging nach links an den Tischrand und rutschte auch so weit es ging, hinterher um aus ihrem Radius zu kommen, aber sie rutschte mir hinterher und setzte das Gespräch fort.
Ich überlegte nun, ob es Sinn machen würde, wenn ich nur die Pommes links auf dem Teller essen würde, allerdings war es wahrscheinlicher dass die Spucketröpchen dort gelandet waren, als auf den Pommes rechts auf dem Teller, die ja immerhin meine Hand mit der Gabel abgeschirmt gehalten hatte. Ich starrte die Pommes an.
Sie sahen so lecker und knusprig aus, aber ich konnte sie nun leider doch nicht mehr essen, obwohl der Teller noch fast voll war. Zum Abschied nahm ich dennoch ein letztes Pommesstück vom unteren Tellerrand und dann noch eins, aber dann doch lieber keins mehr, obwohl sie eigentlich so schmeckten wie vorher.
Ich erklärte ihr dennoch, woher ich meine Inspiration nehme und erfragte dann ihren Beruf.
Sie sei Bankberaterin, das sei ganz langweilig, nicht so spannend wie mein Beruf, sagte sie. Sie würde Kredite vergeben.
„Oa Hond wäscht die ondre“ sagte i und überzeugte sie, mir spontan einen Kredit zu bewilligen. Ich kritzelte ihr zum Abschied meine Kontodaten auf einen Bierdeckel.
Ich werde ihn nie zurückzahlen müssen, denn das Münchner und das Berliner Banksystem sind gottseidank nicht miteinander verknüpft.
So hatte ich für die bespuckten Pommes noch eine ganz gute Entschädigung rausgeschlagen und konnte mich durch die Münchner Nacht in meine Pension zurückschleichen.
Unterwegs musste ich auf den schlammigen unbefestigten Straßen etliche Ganoven in die Flucht schlagen. Die Kriminalitätsrate ist in München immer noch ein großes Problem.
Ich habe in der Nacht lieber nicht geschlafen, um die Tür zu meinem Pensionszimmer von innen zuhalten zu können. So konnte ich Obersendlinger Serienmörder und Grünewalder Einbrecherbanden fernhalten.
Das Frühstück in der Pension war sehr gut, sogar der Kaffee, den ein eigens aus Brasilien eingeflogener Barista direkt am Tisch vor den Augen der Gäste zubereitete und flambierte.
Eigentlich war der Kaffee war das absolut Perfekteste was ich je getrunken habe. Fast durchsichtig, nur leicht bitter und mit ca. 2 Grad perfekt temperiert.

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