Weltstars spielen Menschen, die keine Engel mehr hören können

Freitag.

Berlin.

In “In weiter Ferne, so nah” (Wim Wenders, 1996) gibt es eine Szene, da pokern Peter Falk und andere Weltstars, wegen des Geldes vermutlich, pittoresk schwarz- weiß, ketterauchend in einem Kellergewölbe. 

Die Weltstars müssen in dieser Szene so tun, als würden sie Otto Sander nicht sehen, der da auch herumsteht, weil er ja einen Engel spielt, den aber nur der Zuschauer sehen kann. 

Denn die Weltstars spielen ja Menschen und Menschen können Engel nicht sehen. 

Es ist ein großes Thema in “In weiter Ferne, so nah”, dass die Menschen die Engel nicht sehen können. 

Nur kleine Mädchen können das noch, habe ich aus dem Film gelernt. Aber die auch nur im Traum. 

Und hören können die Menschen die Engel natürlich auch nicht.

“Denn den Menschen von heute, werden Tag für Tag Lügen verkündet, so dass sie die Engel nicht mehr hören können” voiceoverte es in dem Film an anderer Stelle bedauernd, zu klassischer Musik. 

Es wird nicht gesagt, WANN die Menschen die Engel noch hören konnten, anstatt der verkündeten Lügen und auch nicht, welche Lügen von wem verkündet werden, aber darum gehts jetzt gar nicht.

Der Film- Zuschauer, jedenfalls der “In weiter Ferne, so nah” -Seher, aber kann Engel sehen und hören, trotz der Tag für Tag verkündeten Lügen, obwohl auch er nur ein Mensch ist.

Das heißt, der Zuschauer, -in dem Falle ich, konnte vorgestern also Otto Sander sehen, der einen Engel spielte, den kein Mensch sehen kann. 

Otto Sander finde ich gut. 

Ich fand ihn gut, muss man ja heutzutage leider sagen. 

Denn Otto Sander lebt nicht mehr und ist jetzt also wirklich ein Engel und darum kann ihn niemand mehr sehen, ganz egal, ob Weltstar, Zuschauer, “In- weiter Ferne- zu- nah- Seher”, Mensch oder kleines Mädchen. 

Friede seiner Asche.

Otto Sander, ist der nicht irgendwie mit Ben Becker verwandt, dachte ich beim Anblick der Pokerszene. Wegen Boris Becker kam ich drauf. Weil der pokert doch auch, oder hat mal gepokert. Auch für Geld, auch im Film. 

Also, fast im Film. 

Im Fernsehen, nämlich. 

Ich sah also Sander und Poker und dachte: “Becker” und genau in diesem Moment gabs einen Schnitt und einen Zeitsprung in die Nazizeit (die Zeit in der man Engel noch hören konnte, anstatt Lügen?) und jemand im Film sagte: “Anton Becker …”, weils jetzt um den ging, weil es in “In weiter Ferne, so nah” eine Figur diesen Namens gibt und jetzt ging es irgendwie um den, da ging irgendeine, “Anton Becker” betreffende Handlung weiter.

Was für ein krasser Zufall, dachte ich und dann stockte mir der Atem, denn mir fiel ein, dass es noch einen Becker- Bezug in dem Film gibt. 

Nämlich Bruno Ganz, denn der spielt da einen Pizza- BECKER. Es wurde einen Moment ganz still im Zimmer, da ging wohl gerade ein Engel vorbei.

Was sehr gut möglich ist, denn vielleicht war er es, denn Bruno Ganz ist leider auch schon lange nicht mehr ganz, sondern Bruno Ganz ist kaputt. Bruno Ganz ist jetzt ein Engel, oben bei den Engeln.

Bruno Ganz ist tot, um ganz genau zu sein. 

Lassen wir das. 

Sich über “In weiter Ferne, so nah” lustig zu machen, ist so unnötig wie einfach. Ist, wie mit Kanonen auf Spatzen schießen. 

Dann lieber noch einen anderen Film gucken, weil Amazon Prime mir den vorschlägt und zwar die Schlingensief Doku „Ins Schweigen hineinschreien“.

Schlingensief ist auch schon lange tot. 

In der Doku kommt raus, oder jedenfalls wirkt es so auf mich, als hätte Schlingensief seine gesamte Kunst erstens wegen und zweitens gegen seine Eltern gemacht. 

Also die erwähnt er immer wieder und damit wofür sie stehen, wofür sie symbolisch stehen natürlich, setzt er sich die ganze Zeit auseinander.

Also mit: 

Deutschland, Hitler, Helmut Kohl, Wagner, Nazis, Asylanten, Gründgens, CDU, Afrika und überhaupt alles sonst in diesem Kosmos, bzw. wird alles Teil seines Kosmos usw. 

(Hier bitte irgendwas Fundiertes über Gesamtkunstwerk/ Genie u.ä. einfügen)

Ich habe ihn damals ziemlich mitbekommen, in den 90ern in Berlin und weiß noch, dass ich das damals spürte und es ging mir ja nicht nur mit ihm so, dass alles was da verhandelt wird und wie es verhandelt wird, für mich irgendwie interessant ist oder sein kann, in bestimmten Aspekten jedenfalls.

Aber, dass sich das nicht an mich richtet, war mir auch klar, also an eine 17, 18 jährige Ostberlinerin.

Sondern, dass ich, wenn ich Schlingensief- Kunst konsumiere, Zeugin einer Auseinandersetzung von jemand anderem mit anderen werde. 

Also nich mit mir, bzw. jungen Frauen aus dem Ostblock, hat er sich befasst, oder sich an sie gewandt, sondern eben an Mama, Papa, Hitler, 1000jähriges Reich, BRD. 

Aber wenn man sich damit auch befasst, wie wahrscheinlich die meisten, machts natürlich Sinn, sich mit Schlingensief zu befassen. 

Und sich anzusehen, wie er sich daran aufreibt.

Im Grunde ist es ja auch keine Spezialität von Schlingensief, sich in seiner Kunst irgendwie an seine Eltern zu richten. 

Also jeder Künstler richtet sich in seinem Werk an jemanden, den er liebt, oder hasst oder geliebt hat, an Mama, Papa, Mann, Frau, Exmann, Exfrau, Gott, Welt. 

Was das Kunstschaffen auch manchmal etwas verzweifelt wirken lässt. Oder den Künstler kindisch oder unreif. In der Pubertät hängengeblieben. 

Forever Little 16. 

Auch weil die, an die man sich eigentlich wendet, die für die mans eigentlich macht, die werdens nie kapieren oder verstehen, oder verstehen wollen. 

Die werden immer nur den Kopf schütteln und sagen: Mensch Christoph, was ist denn los mit dir, wir machen uns solche Sorgen um dich und du siehst ja wieder mal schlimm aus.

Die verstehen einen nie, aber dafür dann alle anderen. 

Vielleicht heißt die Schlingensief Doku darum: “In das Schweigen hineinschreien”, wer weiß.

Schlingensief war und ist wichtig für mich, auch wenn ich sozusagen nicht seine Zielgruppe war und bin. Das ist kein Problem für mich.

Wenn ich mir Kunst hätte ansehen wollen, die sich an 16jährige Ostberlinerinnen richtet, hätte ich ja auch ins Gripstheater gehen können. 

Man kann als Künstler aber natürlich auch nur sich selbst geil finden und zweitens kleine Mädchen. Da muss man dann aber mächtig aufpassen, sonst kommt am Ende sowas raus, wie:

“In weiter Ferne, so nah”.

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