Vor- und Nachteile: Pro&Kontra

Ich wohne in der vierten Etage. Das hat den Vorteil, dass ich, wenn jemand bei mir unten an der Haustür klingelt, ich schnell noch die Wäsche in den Schrank sortieren kann, den Wäscheständer zusammenklappen, einmal die Wohnung durchwischen, das Bad putzen, mir die Haare waschen, die Nägel lackieren und den Lidstrich nachziehen kann, bevor ich meinem Schwarm die Wohnungstür öffne.

Früher war das anders. Als es die Gegensprechanlagen noch nicht gab und alle Haustüren immer offenstanden, klopfte es und er stand vor der Tür. Von jetzt auf gleich musste man den Pinsel fallen lassen, den Finger aus der Nase nehmen, die Pyjamahose hochziehen und die Tür aufreißen.

„Hallo Schwarm, willst du Tee?“

Und wie lange es früher immer dauerte, bis das Wasser kochte! Es gab ja noch keinen Wasserkocher. Am Herd stand man, sah den Gasflämmchen zu, wie sie am Kesselboden leckten.

Es gab auch keine Teesiebe. Die Teeblätter wurden in die Kanne geschüttet, das heiße Wasser obendrauf. Am besten schmeckte immer die zweite Tasse Tee. Die erste war zu schwach, die dritte zu stark.

Aber mein Schwarm war ja nicht zum Teetrinken gekommen, insofern war das egal.

Heutzutage klingeln auch keine Schwärme mehr bei mir, sondern andere Leute.

Neulich habe ich geträumt, dass in einer Stunde sämtliche Eltern aus der Elterninitiativ- Kita meiner Tochter zur Elternversammlung zu mir nach Hause kommen, ich das aber bis zu diesem Moment vollkommen vergessen habe und nun wie eine Wahnsinnige durch die Wohnung rase, um aufzuräumen, Häppchen bereitzustellen und Weingläser abzuwaschen, im Vollgefühl eines kompletten Versagens und des bevorstehenden sozialen Todes.

Der Traum war so real, dass ich es kaum glauben konnte, dass ich mir das Erwachen nicht glaubte.

Ich hielt das für eine Wunschphantasie, der in den Elternabend wie in ein offenes Messer rasenden, durchgedrehten Versagerin, die ich im Traum verkörpert hatte und vielleicht ist es auch so.

Ich träume nur, dass ich hier sitze, Schokolade esse und vor mich hin schreibe, in Wirklichkeit aber lausche ich Karsten (Papa von Diana) wie er darüber spricht, dass die Schiebetür in Gruppe A erneuert werden muss.

Dabei schaue ich nach oben und bete, dass niemand außer mir, die Spinnweben an der Zimmerdecke bemerkt.

Ob Gott mein Gebet erhört hat, werde ich nie erfahren, weil keiner der Eltern eine Bemerkung darüber machen wird.

Das ist überhaupt das Schöne an unserer europäischen Zivilisation:

Man bemerkt Dinge, aber spricht sie nicht mehr aus. Wozu auch? Würde ja nichts bringen, wenn Katrin (Mama von Benjamin) zu mir sagen würde: „Du Ruth, da sind Spinnweben an deiner Decke.“

Je weniger man ausspricht, was man bemerkt, desto weniger bemerkt man aber auch. Das Bemerken lohnt sich ja gar nicht mehr, wenn man nichts dazu sagen kann oder darf.

Das hat seine Vor- und Nachteile.

Vorteil: Man kann sich heutzutage ziemlich viel erlauben und relativ frei leben, weil keiner mehr was sagt.

Nachteil: Du kannst machen was du willst- keiner wird es bemerken.

Meine persönliche Freiheit hat sich jedenfalls verdreihundertfacht, nachdem ich die Erkenntnis hatte, dass in Berlin und auf der Welt überhaupt niemand was bemerkt.

Davor fühlte ich mich immer und überall beobachtet und bewertet, weswegen es mir schon schwer fiel, mir auf der Straße die Schuhe zuzubinden, oder mir meinen Pferdeschwanz nachzufrisieren.

Bis ich auf einer Party bemerkte:

Keiner sieht mich, wenn ich es nicht will.

Das kam so:

Ich stand für einen Moment allein im Raum, weil ich niemanden zum Reden hatte. Erst war mir das peinlich, weil ich da noch so jung war und mir ständig Gedanken um meine Außenwirkung machte und ich deswegen in diesem Moment, so allein da herumstehend dachte: Alle sehen mich jetzt an und denken sich was über mich und zwar:

Die ist allein hier, die kennt keinen, die sucht Anschluss, wie peinlich.

Aber anstatt der Situation zu entfliehen, blieb ich stehen und sah mich um und stellte fest, dass niemand mich bemerkte. Alle redeten miteinander, keiner kümmerte sich um mich. Ich war allein und niemand bekam irgendwas davon mit.

Ich bemerkte: Ich war vollkommen unsichtbar.

Probeweise schnitt ich ein paar Grimassen, niemand reagierte.

Danach machte ich einen Yoga- Kopfstand, sang Femme fatale von Velvet Underground rückwärts und legte den Kopf schief.

Niemand beachtete mich.

Diese Erkenntnis hätte mich deprimiert, wenn ich auf Koks gewesen wäre, aber ich war auf Ecstacy und deswegen war das ok.

Ich habe mich dann einfach irgendwo hingesetzt und mich mit irgendwelchen Leuten bis früh um sieben unterhalten.

Dann schritt ich allein nach Hause und war erst dann deprimiert.

Neulich ging ich an einem interessanten Mann vorbei. Nicht interessant im Sinne von attraktiv, sondern interessant im Sinne von interessant. Er saß auf den pinkfarbenen Plastikhockern vor einem angesagten Kaffeeladen. Er war alt, trug einen beigefarbenen Kunststoffanzug, hatte sein graues Haar quer über die Glatze gekämmt und ein rotes Tuch verwegen um den Hals geschlungen.

Er rauchte und auf seinen Knien lag ein Stoffbeutel auf dem eine getigerte Katze abgebildet war.

Ich musterte ihn im Vorübergehen und dachte etwas wie: „Cooler Streetstyle, ich sollte ihn für mein Blog fotografieren, das ist ja ein echter Kracher der Typ.“

Mit meinem alten Handy würde ich leider kein gutes Foto von ihm hinbekommen.

Der Typ sagte etwas zu mir, was ich nicht verstand, ich war auch nicht sicher, ob er mich meinte. Also blieb ich ein paar Meter weiter vor dem Schaufenster eines Buchladens stehen und tat so, als würde ich mir die Bücher im Schaufenster ansehen. Vorsichtig schaute ich wieder zu ihm hinüber, ich wollte mir sein Outfit einprägen, um es später zu beschreiben. Da sagte er es wieder. Ich verstand wieder nichts, ging aber lieber weiter. Nach ein paar Minuten Gehens, kurz vor meiner Haustür hatte mein Gehirn seine Botschaft entschlüsselt:

„Wat glotzt du so?“ hatte der Mann gesagt.

Und damit alles Vorhergesagte widerlegt.

2 comments

  1. Sich trauen. Fühlt man sich dann deshalb besser oder erst, wenn es das bewirkt, was es soll, nämlich einen dämlichen Dialog und den ersehnten Sex zu bekommen. Sein Produkt an den Mann bringen. Sich ausschütten.

    Mit der Langzeiterkenntnis, dass es sich doch auch nur um Beschäftigung handelt, und: Das Schönste weil Unenttäuschendste die Theorie ist.

    Ich habe aufgehört mich zu pflegen, weil die besten Freunde von mir auch ungepflegt sind. Doch sind sie nicht arm und beanspruchen ihren Platz in der Hochkultur.

    Denn dit is meen Berlin, nicht das Bestehen vor dem zugezogenen Fremden, dessen vermeintliche Nichtbeachtung von Wohnungen possierlicher Wohnungseckenbewohner den Stoff bedeutet, aus dem die Leere ist, und die Angst.

    Dann werde ich eben Nichtbeachtet. Die Stücke werden dann umso dramatischer. Das bereitet mir Freude. Ein Mensch in der Bude hält mich davon nur ab. Das Tier in der Ecke! Ich unterhalte also.

    Ich bin ein Mensch! Wir unterschätzen sie. Viel länger bestehen sie hier, wir leben wo sie einst lebten, ohne uns. Und es wird auch nach uns so sein. Begreifen wir uns als Menschheit, haben wir nichts zu lachen. Überwinden wir uns, lachen wir.

    Haha

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