Verpeilt, but not verpasst

Kolumne, veröffentlicht in der Berliner Zeitung, am Donnerstag, 23.7.2020

Alle sind immer so unzufrieden mit der deutschen Bahn. Ob Verspätung, geänderte Wagenreihung, oder überfüllte Regionalzüge. Immer ist irgendwas. Ich weiß nicht, welchen Ruf die französische Bahn bei den Franzosen hat, aber ich will von Paris nach Marseille reisen. Mit dem TGV, das ist der französische ICE. Die Schwierigkeiten gehen schon damit los, dass der Fahrkartenautomat in meinem Pariser Vorort nicht funktioniert. Also steige ich ohne Fahrschein in den Zug. Aber als ich in die Metro zum Abfahrtsbahnhof des TGV umsteigen will, komme ich ohne gültiges Billett nicht durch die elektronische Sperre. Man könnte jetzt natürlich einfach drüberklettern, wie das alle tun, die jung und mutig genug sind, aber ich habe doch so viel Gepäck. Also lasse ich die Koffer stehen, klettere über die Absperrung, kaufe mir in der Vorhalle einen Fahrschein, klettere zurück, hole die Koffer, gehe durch die Sperre, steige um und habe dadurch extrem viel Zeit verloren. Aber ich darf den TGV nicht verpassen, das Ticket ist doch mit Zugbindung!  Als ich aus der Metro aussteige, stellt sich heraus, dass der Bahnhof noch 450 Meter entfernt ist. In Berlin sind die Umsteigewege nicht so lang. Der TGV fährt in zehn Minuten ab und jetzt muss ich laut Kartenapp noch 450 Meter mit dem Gepäck durch die Hitze rennen. Dann irre ich kopflos herum, bis ich endlich den Bahnhofseingang gefunden habe, der schilderlos zwischen Baustellenzäunen versteckt liegt. Auf der winzigen Anzeigetafel, in der streng nach Urin riechenden Bahnhofshalle, steht, mein Zug würde auf Gleis C abfahren. Ich renne dorthin. Auf Gleis C frage ich sicherheitshalber einen Uniformierten, ob das wirklich der TGV nach Marseille sei, denn ich sehe nirgendwo ein Schild und es gibt auch keinerlei Ansagen. Er nickt und ich steige ein, mit rotem Gesicht und nassgeschwitzt, aber erleichtert. Ich quetsche mich durch die vollen Gänge zu meinem reservierten Platz in Wagen 2. Dort sitzt schon jemand. Durch einen Abgleich der Tickets stellt sich heraus, dass dies der falsche Zug ist. Nach Montpellier, nicht nach Marseille! Im letzten Moment springe ich wieder heraus, komplett entnervt, ein Herzinfarkt wird wahrscheinlich. Außer mir brülle ich den Uniformierten, bzw. den Uninformierten an. « Ach, nach MARSEILLE. » sagt er. «Der fährt von Gleis D. » Habe ich mich verlesen? Das werde ich nie erfahren. Ich renne auf den korrekten Bahnsteig und erreiche in letzter Sekunde meinen Zug. Abgehetzt falle ich auf meinen sehr bequemen Sitzplatz. Alle Passagiere außer mir, sind ruhig und entspannt. Die Franzosen scheinen sehr zufrieden mit ihrer Bahn zu sein. Zusammen schweben wir in nahezu dreifacher Überschallgeschwindigkeit in den Süden. Als wir nach ein paar Minuten in Marseille angekommen sind, habe auch ich mich endlich beruhigt. 

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