Sunday Afternoon

Sonntag. Berlin.

-Hexenschuss, ja? Hast Du Creme? fragt der Händler der Vier Jahreszeiten, dem ich gerade mein Leid geklagt habe.

Ja, erwidere ich. ABC Salbe und Voltaren, will ich hinzufügen, aber er unterbricht mich.

-Tiger Balm auch?

-Auch.

-Sehr gut. Gebe ich Dir Massage.

Er hebt die Hände und bewegt sie kreisend vor meinen Augen.  

-Oh ja. Klar.

willige ich hypnotisiert ein.

-Ok. Aber muss man danach liegen.

Er blickt hinter sich, denn da ist die Leiter, die zu seinem Hochbett hinauf führt. Da hinauf werde ich es nicht schaffen.

-Ok. Komme ich jetzt mit zu Dir.

Aber ich kann ihn jetzt nicht mitnehmen.

-Ok. Komme ich nächste Woche.

-Toll.

So sind wir verblieben. Aber dann kam die Ausgangssperre. 

Ich bin mit Mister X unterwegs. Es ist Mittagszeit. Wir haben Hunger und die Sonne scheint.

Also gehen wir zu dem guten Vietnamesen und bestellen uns was. Während wir auf das Essen warten, fängt es plötzlich an zu regnen.

Was nun? Wo sollen wir hin? Wo können wir unser Essen essen?

Bei mir geht es nicht, denn wenn Eric und die Kinder das Essen sehen, wollen die auch was abhaben und ich kann denen aber nicht ständig Sushi kaufen. 

Also rufe ich einen Freund an, der in der Nähe wohnt, ob wir dahin können, aber der ist gerade im Bucher Forst unterwegs. 

Mister X und ich denken über andere Alternativen nach. 

Das Hostel schräg gegenüber? Ob die Zimmer auch stundenweise vermieten? Oder halbstundenweise? Ein Stundenhotel um Restaurantessen zu essen, das ist eine echte Marktlücke in diesen Zeiten.

Im LPG Markt daneben befindet sich eine recht geräumige öffentliche Toilette. Da könnten wir auch hin, aber heute ist Sonntag. Oder wir gehen runter, in die U- Bahnstation. Aber da gibt es bestimmt Überwachungskameras und dann werden wir verhaftet, wegen Verstoß gegen die Notbremse. Bzw. ich will in einer U- Bahnstation nicht essen und natürlich auch nicht in der öffentlichen Toilette eines Biomarktes und sei sie auch noch so geräumig. Ganz kurz steht noch mein Hausflur zur Debatte, aber nur kurz. Zu kalt, zu schmutzig und was sollen die Nachbarn denken?

Aber sonntags ist die Kirche offen. Wir beten kurz, aus Respekt vor dem Pfaffen, setzen uns dann einfach ganz diskret in die letzte Reihe und zücken die Stäbchen, schlagen wir einander vor.

Aber als wir in die Kirche kommen, schlägt uns ohrenbetäubender Lärm entgegen. 

Wir waren wohl nicht die Einzigen, die der Regen in das Gotteshaus getrieben hat. Die Luft ist dicht und stickig, es riecht nach nassem Hund und Haschisch. Man lässt die Rieslingflaschen kreisen. 

Aufgeregte, überzuckerte Kinder rennen mit tropfenden Eistüten herum. Scharf geschlagenene Badmintonbälle zischen durch die Luft. 

In all dem Lärm ist die leiernde Stimme des Pastoren an der Kanzel kaum zu hören: 

“Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Angst, sondern den der Hoffnung.” 

Ist der Priester auch ein Händler der Vier Jahreszeiten, oder warum ist seine Grammatik so komisch? Und außerdem stimmt das nicht. 

Falls es Gott gibt, hat er uns sehr wohl auch den Geist der Angst gegeben. 

Mir und Mister X jedenfalls. Wir verlassen die Kirche schleunigst. Wollen nicht auf den letzten Metern noch Corona kriegen. 

Also gehen wir doch zu mir. Die Kinder sind enttäuscht, weil ich nur Essen für mich dabei habe und darum gebe ich es ihnen und bleibe hungrig.

(stay hungry)

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: