Stützpunkt Donnergott- der Hyperraum bricht auf

Heutzutage spielen sie sowas im Theater, ich zitiere aus den Ankündigungen der aktuellen Spielpläne diverser Berliner Bühnen:

“Am Anfang war der Zufall, die absolute Unmöglichkeit. Und doch sind sie hier und jetzt gemeinsam da im ständigen Dazwischen. Und die bekannte Welt zerfällt. Sechs Bühnenfiguren tänzeln am Rande des Abgrunds und suchen den ausweglos erscheinenden Zyklen des Daseins zu entkommen. Auf der Bühne entfalten sich Witterungen, Jahreszeiten, die still ineinandergreifen, während sich in vier Kapiteln alles gegen das sogenannte Leben und den sicheren Tod wendet. Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden Geburt, Leben, Tod und Reinkarnation: Es geht um die Wiederkehr des Immergleichen, um Alles und Nichts, für Alle und Keinen.”

Oder:

“In einer Kollision aus Party, Konzert, Live-Film und Sprechtheater durchleuchtet das dreiteilige Literaturstück Nihilismus und Zerstörung und sucht darin nach den Spuren einer verschütteten Revolte und der Möglichkeit, das Projekt der Moderne neu zu erfinden.”

“In diesem hybriden Theaterdiskurs mit offenem Ausgang begleiten Sie uns, ein BIPoC Künstlerinnenteam, auf der performativen Spurensuche nach…”

Blablabla…

Ich glaube, das reicht erstmal. Es ist klar, was Sache ist: Keine Charaktere, keine Interaktion, keine Handlung. 

Anonyme Performer:innen repräsentieren namenlose Wesenhaftigkeiten, die durch ein totes und kaltes Universum floaten und sich dabei die ganze Zeit über irgendwas beschweren. 

Dachte ich. Auch weil ich gerade des Regisseurs Peter Zadeks Autobiografie “My Way” lese, also es geht um damals, um die 40er,50er,60er,70er, die Zeiten, als die Schauspieler noch Namen hatten und als man noch konkrete Theaterstücke spielte. Solche mit Menschen, über Menschen mit menschlichen Konflikten und Handlungen.

Ich lese das gern, auch wenn ich seitenlang nichts verstehe, weil ich nicht weiß, wie Uli Wildgruber aussah, oder was eigentlich genau in Hamlet oder Maß für Maß passiert. Ich lasse das so durchplätschern, auch als Kontrast zur Gegenwart und kann das einfach so genießen, ohne mich da mit weiteren Konkretheiten zu belasten. 

Ich google auch nicht nach irgendwelchen Mitschnitten oder weiteren Hintergründen. Ich will da gar nicht tiefer einsteigen.

Die Vergangenheit die dort beschrieben wird, soll heil und rätselhaft und magisch bleiben, so wie das “Theater” itself, als es mir noch was bedeutet hat. 

Denn es war einmal vor langer langer Zeit, in einer weit weit entfernten Galaxis…

…da hatte Theater noch diesen Nimbus.

Es macht solchen Spaß, Zadeks Buch zu lesen.

Dieser Plauderton, diese unglaublichen Möglichkeiten, dieser Widerhall. Inszenierung folgt auf Inszenierung, Stück folgt auf Stück, Stadt auf Stadt, Film auf Film und alle 50 Seiten eine tolle neue Freundin.

Große Bühne, großes Drama, großer Regisseur und große Schauspieler, sechs Wochen Proben, acht Wochen Proben, zwölf Wochen Proben, neun bis 12 Stunden täglich, drei bis vier Assistenten, und dann am Ende eine Wahnsinnsinszenierung, Erweiterung Durchbruch Skandalerfolg, und Schauspieler die ganz neue Möglichkeiten in sich ausloten konnten, zu Legenden werden… von mordsmäßiger unfassbarer überirdischer Präsenz… 

Es macht Spaß das zu lesen, es macht ja zurzeit wenig Spaß in der aktuellen Gegenwart, also abgesehen vom Privatleben natürlich. Und man kann das ja so nicht sagen, weil es so doof klingt, aber es ist eben so.

Die gute alte Zeit ist vorbei, wollte ich schreiben. 

Es gibt keine Theater mehr, die wurden mitsamt dem Kunstbetrieb dekolonialisiert. 

Alles was ich je am Theater geliebt habe, gibt es nicht mehr. Auch die Liebe gibt es nicht mehr und die Theater nicht, wollte ich schreiben. Aber ich dachte, es ist doch Quatsch und Spiegelfechterei, sich so in Rage zu schreiben, aber andererseits, ist doch egal, ist doch auch mal schön, wenn zur Abwechslung mal wieder was Spaß macht, also machte ich weiter:

Seit der Zerstörung der Volksbühne fehlen endgültig und ersatzlos Maßstab, Ideal, Richtung, Inhalt und Form. Ist alles zersplittert. Theater gibt es nur noch physisch, als leere Hüllen, seelenlose Avatare. Die Theaterhäuser wurden Kinos, Konferenzsäle, Spielstätten, Galerien, Turnhallen, Diskotheken, Paneldiskussionstischunterlagen, Multimedia- Fahrradparkhäuser, Fair- Trade- Weihnachtsmarktkulissen. 

Statt Theaterstücken zeigt man jetzt sowas:

“Einsame Avatare versuchen sich in einer hyperkapitalisierten Welt ein Leben einzurichten, während Wohnraum, werbefreie Kommunikation und die Chance auf menschliche Beziehungen verschwinden. Ob und wann hier noch ein Mensch mit Menschen spricht, ist schwer auszumachen. Vielleicht sind das alles nur Chatbots, quasi ein wilder Schlagabtausch von Social-Media-Posts und Memes, die auf sich selbst antworten?”

Wenn ich weiter gesucht hätte, hätte ich noch endlose Beispiele mehr dafür gefunden, was aktuell so an den großen und kleinen Häusern des Landes und weltweit gezeigt wird. Das ist die Tendenz, der Trend, der Lauf der Dinge und den gilt es anzuprangern.

Das Theater gibt es nicht mehr. Es ist nur noch die Gebäude und die sind Hüllen, seelenlose Hüllen, Spielstätte für postdramatische Proklamierungen. Es gibt keine Handlungen mehr, keine Konflikte, keine Figuren, keine Katharsis.

Ungereinigt, ungeläutert, verlässt derdiedas Zuschauer:in den Saal, angespannt wie eh und je. 

So bereiten die Postmoderne, die Postdramatik den Boden für Empathielosigkeit und Aggressivität. So generiert die Kunstproduktion der Gegenwart, diese Armeen von Terroristenfans in der Intellektuellen – Szene, die wegen der schlechten Theater, keinen anderen Weg mehr kennen, ihre Affekte zu kanalisieren, als sich mit Hamas, Isis und anderen “Freieheitskämpfern” zu solidarisieren, wollte ich schreiben.

So erzeugt der postmoderne Geist, jugendliche Massaker- Enabler und Hamas- Finanzierer, die mit ihren Tinderdates in die Volksbühne gehen und bestenfalls nach der Verlobungsfeier im engsten Kreis, mit Catering vom Biobauernhof und Übernachtung im Tiny- House, in die letzte Bastion der Reelness schaffen, in die Feelgood-Theatersimulationen Schaubühne oder Berliner Ensemble. Und zwar, wenn die Schwiegereltern für ein Wochenende aus Memmingen herkommen, da hat man sich rechtzeitig auf die Lauer gelegt und Karten für „Lars Eidinger den Dritten“ ergattert.

Aber das ist nur Lack auf den Ruinen, das zählt nicht, das bringt nichts, das ist nichts.

Es kein Theater mehr, keine Theater, keine Theaterstücke, keine Figuren, keine Situationen und auch keine Schauspieler.

Alle sind nur noch sie selbst.

Früher: Ich denke, also bin ich. Heute: Ich bin, also bin ich. 

Die Bühnen wurden dekolonisiert, sind jetzt offene Plattformen und frei. Die Okkupation durch gewalttätige Handlungs- und Hauptrollensysteme ist beendet. Stattdessen widmen sich Kollektive aktuellen Oberthemen. 

Sexarbeit, Magersucht, Übergewicht, Nägel kauen, Drogensucht werden als Selbstermächtigungstechniken neu bewertet, als Rückeroberung des eigenen Narrativs gegen patriarchale Zuschreibungen. Laut, bunt und kaputt. Mein Körper gehört uns.

Junkies for Palestine. Bitches for Palestine. Victims for Palestine. Fashion – Victims for Palestine.

Es gibt kein Spiel mehr, nur noch Repräsentation. Keine Schauspieler mehr, nur noch Repräsentanten. 

Die Helden der Vergangenheit mussten stark sein, hellsehen, edel sein und mutig, oder wenigstens Stroh zu Gold spinnen. 

Die Superkräfte von heute sind:

Hautfarbe, Herkunft, Übergewicht, Esstörung, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität.

Das Spiel ist aus. Alle sind nur noch sie selbst und weniger als das. 

Früher hieß man Toto und sang “Afrika”. 

Jetzt ist jeder Afrikaner ein pars pro toto. 

No more Handlung, stattdessen Kollagen, Chöre, Choreografien, Körpersprachen,

wollte ich schreiben. 

Höhepunkt eines Theaterabends ist nicht mehr die Eskalation des Konfliktes, oder der bewegend vorgetragene, große Monolog über die Ausweglosigkeit des menschlichen Daseins, sondern die uhrwerkhafte Präzision mit der alle Performer:Innen gleichzeitig auf die Bühne scheißen, genau in dem Moment wenn der Drop vom Band kommt,

wollte ich schreiben und direkt so weitermachen:

Auf die Bühne scheißen, war mal Punk, Provokation und Skandal. Ein direkter Angriff aufs Establishment. Sinnbild für Verkommenheit und Verrohung der Sitten. Der maximale Joke, Anarchie, Aggression, Hate, Kampfansage und genauso wurde es zu Recht von der Mehrheit von Publikum und Kritik aufgenommen: Angewidert und empört.

Heutzutage verfällt man angesichts dessen, mehrheitlich in anerkennende Ehrfurcht und zollt man der heldenhaften Überwindung von Schamgrenzen und der akrobatischen Körperbeherrschung allerhöchsten Respekt.

Früher: Ich denke, also bin ich. 

Heute: Ich scheiße, also bin ich.

Theater heute: Entweder Performance oder Selbsterfahrungs- Impro. Also, mit starrem Blick frontal Richtung Rückwand des einstmaligen Theaterzuschauersaales, (inzwischen Auditorium der Bundeszentrale für politische Bildung und Sharing Community Meetup Space der Flintasektion des bundesdeutschen Antirassismusministeriums)-

Wollte ich schreiben. Aber jetzt hatte ich mich verheddert. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja:

Statt Drama – mit Roboterstimme und starrem Blick ins Leere, aneinander vorbei, Allerprivatestes zu aktuellen Oberthemen preisgeben. Migration, metoo, Magersucht.

(Leere: die als feindliche, unterdrückende, kaputt gelesene, Umwelt. 

Umwelt: Die Erde zehn Jahre nach der absoluten Klimakatastrophe) 

Wollte ich schreiben. 

Weil ich dachte, es reicht nicht mehr, das aktuelle Angebot der Gegenwartskultur zu ignorieren und stattdessen einfach nur die Klassiker zu lesen. Oder es genauso wie alle zu machen, also sich mit starrem Blick ins Leere an den vorderen Bühnenrand zu stellen und  Allerprivatestes zu einem aktuellen Oberthema zu teilen und sich selbst als marginalisierte Repräsentantin einer geknechteten Untergruppe lesen lassen zu wollen.

Aber meine Superkräfte sind doch nicht: arm, alleinerziehend, weiblich, verliebt, verlobt, verlassen, sagte ich mir. Sondern ich kann fliegen, mich unsichtbar machen, extrem gut hören, Leute richtig fies beleidigen, super kochen und Stroh zu Gold spinnen, redete ich  mir ein. 

Und hatte schon wieder den Faden verloren. Dann fiel es mir wieder ein, was ich schreiben wollte, es war im Grunde nochmal dasselbe in grün, aber doppelt hält besser:

Theater heute: Nicht mehr Schauspieler spielen Rollen, sondern möglichst diverse Akteure repräsentieren weiblich oder whatever gelesene Marginalisierte. 

Theater heute, Kunstbetrieb heute: 

Alle nur noch am ackern. 

Kleine Brötchen backen und kleine Häufchen kacken und zwar immersiv und zwar im Kollektiv.  

Man spielt keine Stücke mehr, stattdessen zeigt man “Stückentwicklungen”. 

Regisseure gibts nicht mehr, nur noch Teamleiter:Innen und am Ende werden dann Workshopergebnisse präsentiert. Früher ging man ins Theater, heute bekommt man Power-Point-Präsentationen vorgehüpft.

Das muss gestoppt werden, dachte ich. Ich muss meine Stimme erheben, auch wenn es nicht stimmt, was ich schreibe, irgendwie stimmt es doch, und zwar weil es witzig ist, witziger als alles ander im Vergleich. 

Ich muss mich äußern, denn das was gerade passiert, das führt direkt in den Abgrund, denn das was sich aktuell in den Theatern abspielt und in den Kulturinstitutionen, das ist nicht einfach nur dümmlicher, aber letztendlich gutgemeinter Agitprop, sondern hier wird der Boden für Gewalt bereitet. So wie damals auf der Documenta. Da hing nicht einfach nur widerlich platte und schlechte Kunst herum. Da wurde ja eine gewisse Denkart normalisiert, massenkompatibel gemacht, mit staatlicher Unterstützung. 

Mittlerweile ist Judenhass offiziell gesellschaftsfähig geworden. 

Schämt man sich online nicht, mit Klarnamen tagein, tagaus den wüstesten Scheiß zu verbreiten: “Freiluft- KZ- Gaza, Apartheidstaat Israel, Israel begeht Genozid und so weiter und so fort… 

So geht das jeden Tag hemmungsloser, seit dem hemmungslosesten, öffentlichsten, wüstesten, bestialischsten, abgrundtief bösartigsten Progrom seit dem Holocaust.

International arrivierte Künstler, Schauspieler, Bestsellerautor:Innen aller Herren Länder, verbreiten Tag für Tag islamistische antisemitische Propaganda. An Universitäten sieht man wochenlang zu, wie gegen jüdische Studenten Stimmung gemacht wird. In Paris, London und in den USA werden Juden, oder Menschen die man dafür hält, auf offener Straße niedergestochen und verprügelt. Die Liste ist endlos lang und wird jeden Tag länger.

Kunststudent:Innen, die sich sonst einen Scheiß für Politik interessieren, stattdessen aber für Breathwork, vegane Bowls, MDMA und Sexpositive- Parties und die gerade die dritte Abtreibung in drei Jahren hinter sich haben, interessieren sich plötzlich für tote Babies in Gaza und skandieren sonntags, Seite an Seite mit potentiellen Selbstmordattentätern “Kindermörder Israel” in den Fußgängerzonen der Innenstädte. 

Natürlich meinen die das alle nur lieb und sind die halt verblendet und gehirngewaschen, das ist ja auch ganz gut, dass das jetzt mal so offen zutage tritt, was da so lange im Verborgenen gärte. 

Es geht nicht darum, Hass zu schüren, oder Fronten zu bilden, wollte ich schreiben, aber man muss die Stimme erheben und der Dummheit Einhalt gebieten. 

Aufklären muss man, immer wieder. Egal wie. Denn Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Man muss Aufklärung betreiben, immer wieder, sonst wird aus Postmoderne Vormoderne, das ist es, was ich sagen wollte. 

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