Sommerhaus der Stars, später

Da meine Bettgenossen sich momentan nicht in der Stadt, sich teilweise, sogar außer Landes befinden, muss ich alleine streamen. 

Vorher bin ich kurz auf Bild Online unterwegs und stoße da auf einen Artikel, dessen Überschrift lautet: 

“ICH BIN EIN STAR- HOLT MICH HIER RAUS- DIESE KANDIDATEN ZIEHEN INS DSCHUNGELCAMP 2023”

Einige der Teilnehmer waren zuvor auch schon im „Sommerhaus der Stars- Beziehungen an der Belastungsgrenze” zu sehen, steht da. Sommerhaus der Stars? Schon wieder eine Bildungslücke.

Deswegen habe ich schon wenig später für drei Monate zum Weihnachts- Vorteilspreis bei RTL plus abgeschlossen und könnte theoretisch alle sieben Staffeln streamen. 

Ich fange direkt damit an. Nur Pärchen dürfen ins “Sommerhaus der Stars” ziehen, müssen sich da diversen Challenges unterwerfen. Am Ende bleibt eins übrig und das gewinnt dann 50000 Euro. 

“Ach, einmal mit jemandem so stabil zusammen sein, dass du mit dem ins Sommerhaus der Stars ziehen könntest…”, säuselt mir mein toxisches Unterbewusstsein zu.

“Nein, ich bin bindungsscheu.” antworte ich. “Viel zu viel Verantwortung. Ich komme ja kaum mit mir selber klar. Lass mich in Ruhe, toxisches Unterbewusstsein. Ich will nur ab und zu mal mit einem lieben Menschen was zusammen streamen.”

Ich sehe Sommerhaus und schon nach wenigen Minuten hakts bei mir verstandesmäßig aus.

Wewewewewegen Mamamamamamamario Bbbbbbbbbbbbbasler. 

In den ich mich dermaßen schockartig verliebe, dass diese Verliebtheit alle meine bisherigen und gegenwärtigen gelegentlichen Verliebtheiten obsolet macht. 

Ich ertrinke einmal mehr im dunklen Ozean meiner Sehnsucht und erkenne deswegen endlich und ein für alle Mal, dass man auf Verliebtheiten nichts geben darf.

Verliebtheit ist ein atavistisches Gefühl, dem Stammhirn zugehörig und genauso dringend in die Schranken zu weisen, wie beispielsweise Angst oder Wut.

Auch die Sommerhaus- Bewohner sind Opfer ihrer Emotionen, bzw. ist das komplette Ambiente daraufhin konzipiert, sie zum Amusement der Zuschauer on the edge und darüber hinaus zu führen. 

Dies geschieht unter anderem, mittels Deko, räumlicher Enge, unbequemer Schlafsituation, allgemeiner Unluxuriosität der Star- Unterkunft, vitaminarmer Ernährung mittels Dosenfutter und Grillfleisch. Dies und die täglichen Spiele, scheinen es tatsächlich darauf anzulegen, das Nervenkostüm seiner Bewohner in permanente Anspannung zu bringen, um Konflikte zu provozieren, Dynamiken in Gang zu bringen und so dem Zuschauer maximale Unterhaltung zu bieten. 

Es gelingt nur teilweise, bzw. gar nicht mal so umfassend, vielleicht weil das nun mal Profis sind, oder ich vermute, das Personal ist durch jahrzehntelange Reality- TV Teilname gestählt und setzt Emotionen und gezielt ein, oder man stachelt einander gar sehr gekonnt und absichtlich auf, ebenso wie man einander auch psychologisch durchaus versiert vor laufender Kamera beruhigen kann. 

Ich streame eine Folge mit Eric Blanc. Wir verfolgen den Einzug seines Namensvetters Erik ins Sommerhaus. Eric Blanc findet Eric gut. Weil der diese seltsamen Fake- Hermes- Polyester- Pyjamas trägt und immer die Plastikkrone auf dem Kopf. 

Ich halte den Fernseh- Erik für ein besonders armes Würstchen.

Eric Blanc unterstellt ihm Selbstironie, Intelligenz und großes Selbstbewusstsein.

Ich verstehe, was er meint, lege ihm aber auch nahe, seinen Gedankengang zu hinterfragen, dass er jemanden, der sich selbst mit Plastik gekrönt hat, für besonders selbstbewusst hält. 

Interessant auch, dass ich die Konflikte im Sommerhaus für “echt” halte und von da erstens Rückschlüsse auf das menschliche Dasein an sich zu ziehen versucht bin und zweitens Gefahr laufe, aufgrund dieser Rückschlüsse, mal wieder depressiv zu werden. 

Eric befasst sich mit sowas nicht. Das sei sowieso alles gescripted, alles Drehbuch und Regie und weiter nichts. 

Er fragt mich, für wie viel ich in die Show gehen würde. Er für 500.000 Minimum. 

Für kein Geld der Welt, erwidere ich. Aber nicht aus moralischen Gründen. Ich betreibe ja auch seit Jahren gewerblichen Seelenstriptease, vor mehr oder weniger laufenden Kameras und hatten der Großkünstler und ich nicht kürzlich ernsthaft und wiederholt mit dem Gedanken gespielt, unsere Horizontalitäten bei Onlyfans zu vermarkten? Außerdem ist sowas doch sehr lehrreich, Reality-TV, meine ich. Man lernt da so viel über zwischenmenschliches Dies und Das, wenn auch nur über die untersten Schubladen, aber nicht nur. 

In diesem Text stehen ja nur 0,05 Prozent meiner Reflexionen über das Sommerhaus. Später aber will ich davon lieber nichts mehr wissen, weil das ist es doch nun wirklich nicht wert. 

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