Sind sie zu stark? Bist du zu schwach?

Dienstag.

Berlin.

Ich war ja total platt. Weswegen ich in Urlaub gefahren bin. Aber jetzt bin ich eigentlich immer noch platt und zwar wegen des Urlaubs. 

Also wegen meiner Reisebegleitung, die es schaffte, mir unterwegs auch noch den allerletzten Nerv zu rauben. 

Weil die sich um nichts gekümmert hat und nichts bedacht hat, wegen schlechter Erziehung, oder schlechter Selbsterziehung, oder auch mangels IQ. 

Weswegen ich mich um alles kümmern und alles bedenken musste und mich zusätzlich auch noch mit den pubertären Trotzanfällen der Reisebegleitung auseinandersetzen.

Obwohl ich doch einfach nur Ferien machen wollte, weil ich platt war, musste ich mich um alles kümmern und mir gleichzeitig anhören, dass ich aufhören soll, mich um alles zu kümmern. 

Was aber nicht ging, weil sonst gar nichts gegangen wäre.

Weswegen ich mit der nie wieder wegfahre und ich jetzt aber schon wieder am Flüge googeln bin und mich demnächst, gleich nach, oder vor dem Skiurlaub, den mir Eric Blanc neulich versprochen hat, nach Thailand absetzen werde und zwar alleinalleinallein, um da kein Fingerchen mehr zu rühren und mich um gar nichts mehr zu kümmern, außer mir.

Ich beging den Fehler, mich während eines Telefongesprächs bei der Mutter der Reisebegleitung über die Reisebegleitung zu beklagen, weil meine Wut sich irgendwie kanalisieren musste und da war ich natürlich an der falschen Adresse.

Die Mutter sagte zu mir, ich hätte der Reisebegleitung einfach mehr Verantwortung übertragen müssen und überhaupt, das könne ich nun wirklich nicht erwarten, dass mir irgendjemand mal was abnimmt. Sie sagte das dermaßen dezidiert und ich habe das mit genau der gleichen Betonung und Wortwahl schon so oft gehört, dass ich automatisch zustimmte.

Aber wieso kann ich eigentlich nicht erwarten, dass mir jemand mal was abnimmt? fragte ich mich nach dem Telefonat.

Mir wurde klar, dass ich mir dergleichen schon seit Anbeginn meiner Existenz anhören muss:

Dass ich von anderen nichts erwarten kann und auch nichts zu erwarten habe und dass ich alles alleine schaffen muss und ich stark sein muss und selbständig und dass mir niemals niemand irgendwas abnehmen kann.

Vielleicht war das der Zeitgeist der 70er oder falsch verstandener Feminismus oder einfach deswegen, damit man sich nicht weiter mit mir befassen muss, oder eine frühe Form von genderneutraler Erziehung. 

Also, “Ein Junge weint nicht- Jetzt auch für Mädchen”. 

Oder alles zusammen.  

Aber von niemand nichts erwarten und selbständig sein und stolz drauf, alles allein hinzukriegen und keinen zu nerven und immer selber schuld zu sein und immer die Verantwortung zu übernehmen…

… oder auch abzugeben…

Was soll denn das für ein Glaubenssatz sein. 

Und wieso hat man den mir beigebracht, aber nicht meiner Reisebegleitung? 

Bzw. was hat man der überhaupt beigebracht…

Jedenfalls, ich habe dieses miese Mantra lange verinnerlicht und war lange sinnlos stolz drauf, alles allein hinzukriegen.

Zur Belohnung wurde mir dann gesagt, ich sei ja so super robust und stark. 

Das ist praktisch, denn wenn ich robust und stark bin, dann muss man keine Rücksicht auf mich nehmen, oder Mitleid mit mir haben und überhaupt soll ich mich nicht so anstellen und nicht so empfindlich sein.

Ich habe das verinnerlicht und mir das lange selbst erzählt und mich zum stark sein und Durchhalten und Aushalten angetrieben und dazu, mich nicht so wichtig zu nehmen und nicht so viel zu verlangen und keine Erwartungen zu haben und klarzukommen.

Ich gab mich stark, unabhängig, selbständig und frei und tat so, als würde ich nichts erwarten und versuchte, mich nicht so anzustellen und locker zu sein und cool und um Himmels Willen nicht zu nerven, oder bedürftig zu wirken, oder anhänglich, abhängig oder sonstwie bedrohlich. 

So, wie man mir das beigebracht hatte und man es von mir verlangt hatte, von Anfang an. 

Weswegen natürlich klar ist, dass ich so ausdauernd in toxische Beziehungen gerate. 

Weil ich ja im Grunde gar keine anderen Beziehungsarten kenne.

Toxische Beziehungen haben den Vorteil, dass man da wirklich was über sich selbst lernen kann. 

Der Böse wusste ganz genau, wie ich bin und was ich mir wünsche, diese perverse kleine Ratte. 

Dank ihm wurde mir das auch endlich klar.

Der konnte so unendlich fürsorglich und lieb sein, wenn er wollte. 

Total weich und warm und zärtlich. 

Er nahm mich in den Arm und schaute mir tief in die Augen und streichelte mich und sagte:

“Ja, du willst auch mal Halt und dich fallen lassen und Unterstützung… Jaaaa Baby, das kriegst du jetzt… das wünschst du dir ja so sehr, ne?” 

Dann gab er mir so kleine Küsschen auf die Stirn und die Wangen und streichelte mich weiter und fasste mich überall an… und löste die emotionale Kernschmelze bei mir aus.

Ich wurde zu wehrlosem Wachs in seinen Händen.

Es klappte jedes Mal. Ich ließ mich komplett fallen.

Obwohl, (und/oder weil) ich wusste, dass er das nur macht, um mich zu brechen und mich willenlos zu machen, damit er mich im Anschluss, umso härter und perverser sexuell zerlegen konnte.

Aber trotzdem. Er hatte recht und es ist wahr:

Ich bin nicht stark, nicht robust, nicht unabhängig, nicht frei, nicht selbständig. Sondern schwach, empfindlich, abhängig, anhänglich und bedürftig und ich habe Erwartungen und ich will mich fallenlassen und ich brauche Halt und ich brauche Unterstützung.

2 Kommentare

Kommentieren

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: