Scherereien mit Bäckereien

Berliner Zeitung vom 16.01.2020 Seite 9 / Berlin

Montagfrüh mussten wir zum Bäcker. Die Kinder brauchten was zum Frühstück und für die Schulpause. Zu Hause war der Kühlschrank leer, wir hatten am Wochenende mal wieder alle Vorräte verzehrt. 

Wir hatten verschlafen, weil wir Montagmorgens immer so schwer aus den Federn kommen.  Während wir uns beim Anziehen, Haare kämmen, Zähne putzen, beeilten, ging ich, basierend auf meinen Erfahrungswerten, die Optionen durch: 

Die Schule geht um fünf nach Acht los, aber der Supermarkt mit Bäckerei neben der Schule, macht erst um Acht auf. Außerdem ist die Bäckersfrau im Supermarkt bestimmt wieder alleine am Tresen, weil ihre Kollegin im Hinterraum noch mit den Backblechen herumwirtschaftet und vor uns sind bestimmt wieder vier Bauarbeiter und fünf Rentner in der Schlange, die schon seit zehn vor Acht draußen gewartet haben. 

Andererseits kann man da mit Karte zahlen. Aber es war zu riskant: Die Kinder wollen auf keinen Fall zu spät kommen.

Ich hatte aber kein Kleingeld. Mit meinem 50 Euro Schein traute ich mich aber montagmorgens nicht zu der grimmigen Verkäuferin beim Nazibäcker. So nennen wir die Bäckerei um die Ecke, in die wir manchmal wegen des gedeckten Apfelkuchens gehen. Der Nazibäcker druckt nämlich stolz “seit 1939” auf seine Verpackungstütchen. (Wenn meine Firma 1939 in Deutschland gegründet worden wäre, würde ich das lieber geheimhalten.)

Aber Nazibäcker hin oder her: Montagmorgens beim Bäcker mit einem 50er bezahlen zu wollen, zählt als Verstoß gegen das Grundgesetz, ich weiß.

Die dritte Möglichkeit: Der nette türkische Aufback- Bäcker an der Ecke. Der würde mich wegen des Fünfzigers nicht verhaften lassen, aber bei dem ist es neuerdings so teuer geworden. Außerdem stehen da vor einem immer Leute, die Latte Macchiato wollen und er ist so langsam an der Maschine und dann kommen die Kinder doch zu spät!

In meiner Verzweiflung beschloss ich, neue Wege zu gehen. Wenn wir auf dem Schulweg einen kleinen Schlenker machten, dann wäre da die kleinere zweite Filiale des Nazibäckers. Die würden auf meinen Fünfziger rausgeben müssen, mich verfluchen und ich würde nie wieder diese Straße betreten dürfen, aber was tut man nicht alles für seine Kinder. 

Wir öffneten die Tür, ließen das Glöckchen klingeln, die Verkäuferin lächelte, reagierte nett und entspannt auf die Kinder, die sich zu meinem Graus nicht zwischen Croissant, Pfannkuchen und Bienenstich entscheiden konnten. Sie beriet uns sogar, wies auf Mohnstriezel und Amerikaner hin. Wir wählten aus, ich zahlte mit dem Fünfziger und sie gab klaglos ihr sämtliches Kleingeld her, ihr Lächeln blieb herzlich und sie schenkte den Kindern sogar noch Kekse! Die Kinder waren so bezaubert, dass sie es gar nicht mehr so schlimm fanden, dass sie wegen des kurzen Umwegs und der langen Auswahlprozedur, nun doch zu spät zur Schule kamen. 

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