Recycling ist gut für die Umwelt

Samstag.

Berlin.

Ich habe mir ein neues Bett gekauft, das sieht ein bisschen puffmäßig aus, mit seinem gepolsterten dunkelblauen Kopfteil und genau deswegen ist es superbequem.

An der Wand gegenüber des Bettes hängt mein riesiger neuer Flachbildfernseher und die Fernbedienung liegt auf dem Nachttisch, neben, auf oder unter einem spannenden Liebesroman, den ich gerade in der Mache habe, dem Melatoninspray, den CBD- Tropfen, dem Lavendelöl, dem Massageöl und dem Bergkristallpendel, den Rescue- Tropfen und den Pulsatilla- Globuli, dem Traumtagebuch, dem Skizzenblock, der Lesebrille und der Fernsehbrille, den Ohropax und der Schlafmaske, der Nachtcreme und einer Karaffe Wasser mitsamt Glas und der aktuellen Ausgabe der „Zeit“, dem Radiowecker mit Tageslichtfunktion und den Bachblütenbonbons von Rossmann.

Und wenn ich dann mal wieder im Bett liege und die lichtdichten Vorhänge verschlossen sind, bin ich vollkommen abgeschottet und kann mir ganz entspannt: “Guidos Traumhochzeit” ansehen und “Lego- Masters”, “Voice of Germany”, „Das Supertalent“, „Geheimnisvoller Baikalsee“, “Wunderbare Vulkaneifel”, ARD Frühstücksfernsehen und neulich sogar das erste Mal im Leben eine Dreiviertelfolge “Columbo”…

Columbo:

Ich fands zuerst gar nicht schlecht, bis auf die widerlichen hartgekochten Eier, die er immer dabei hat.

Ich dachte, prima, er hat den Mörder, gute Arbeit, Herr Kommissar, das ging aber schnell, alle Achtung! Aber dann ging es noch Ewigkeiten weiter, weil das war dann doch nicht der Mörder, sondern Columbo musste weiter nerven, um die Wahrheit herauszufinden.

Und ab da wars nur noch so ein Indiziengepuzzel und Columbo kam so ungepflegt stasimäßig rüber mit seinem schlechtsitzenden Trench und seinen schwachsinnigen, an den Haaren herbeigezogenen Fragen zu vollkommen unwichtigen Details.

Ich verlor wegen seiner dummen Fragen, den Überblick über Motive und Abläufe und warum war das überhaupt so wichtig, wer genau jetzt Person X umgelegt hat, davon wird sie auch nicht wieder lebendig und Columbo sollte lieber nach Hause gehen, mit der Schnüffelei aufhören und die Leute in Ruhe lassen.

Ich war also zu dumm für Columbo. Was ja irgendwie eine süße Art von Dummheit ist. 

Also habe ich umgeschaltet und erfuhr dadurch, dass andere Prominente sich unsüße Arten von Dummheit leisteten.

Im WDR- Brennpunkt gabs eine Sondertalkshow über diesen Comedien, der ab jetzt keine Frauen mehr belästigen darf oder sexuell übergriffig werden, weil seine Ex der BILD gesteckt hat, dass er vor 1000 Jahren, also mit 19, mal aus Versehen und besoffen dazu, die mittlerweile wegen Propagierung unkoscherer Rezepte, abgesetzte Skandal- Kochshow: “Kartoffeln mit Quarks” moderiert hat.

Ich finds krass, das man deswegen, das blühende Sexualleben eines sympathischen, hochpotenten jungen Mannes cancelt.

Obwohl er einen bewegenden Super8Film auf XING postete in dem er unter Tränen schwor:  

Er hätte nicht gewusst, um was für ein unkoscheres Format es sich bei “Kartoffeln mit Quarks” gehandelt hätte.

Falls er mit seiner Teilnahme jemanden verletzt habe, tue es ihm leid.

Aber mittlerweile würde er Schürzen nicht mehr tragen, nur noch jagen. 

Wenn man ihn wieder ließe, jedenfalls…

Aber weder der XING- Film, noch der “Fackelzug für Luke”, an dem sich über 250 der besten und solidarischsten Zirkusclowns des Deutschen Reiches beteiligten und der vom Olympiastadion über die Heerstraße bis vor das Hauptquartier des Deutschlandfunks führte, konnten ihn retten. 

An Frauen darf sich der Gebeutelte nur noch sehr sehr heimlich vergehen und auch nur noch dann, wenn er es ernst mit ihnen meint.

Aber ich wollte eigentlich erzählen, was ich im ARD Frühstücksfernsehen gesehen habe.

Da besuchte die Frühstücks- Reporterin nämlich eine Papierfabrik und erklärte alles. 

Ich liebe den Vorgang der Papierherstellung und freute mich darum, zu sehen, wie sie Altpapier zu Brei machten und daraus neues Papier. 

Am Ende bestaunte die Morgen- Moderatorin das Endprodukt. Eine riesige Rolle bräunliches Recycling- Öko- Papier, genauso groß und mehr als doppelt so dick wie sie.

Daraus könne man, sagte der Papierfabrikchef stolz, eine gesamte Auflage der Neuen Osnabrücker Tageszeitung drucken und genau das würde auch passieren.

Und am nächsten Tag kommt die ins Altpapier und das kommt wieder in die Fabrik und wird da recycelt und so weiter und so weiter. 

Während der Corona-Krise hätte die Fabrik allerdings zunehmend Schwierigkeiten mit dem Altpapiernachschub gehabt, fügte der Papier- Direktor hinzu. 

Weil die Corona Krise ja auch eine wirtschaftliche gewesen sei und deswegen nämlich weniger Werbeprospekte gedruckt wurden, gab es weniger Papiermüll und darum konnten sie nicht so viel recyceln wie sie gerne recycelt hätten.

Aber jetzt hätte sich die pandemische/ wirtschaftliche Situation glücklicherweise entzerrt und nun würden wieder beinahe genauso viel Prospekte wie vorher gedruckt und sie hätten wieder genug Altpapierrohstoff fürs Recycling zur Verfügung.

“Aber…” 

hakte die Frühstücksfernsehreporterin scheinbar naiv, aber eigentlich teuflisch nach: 

“..ist das nicht eigentlich besser für die Umwelt, wenn weniger Prospekte gedruckt werden, also weniger Müll erzeugt wird?”

Gelassen, aber so bestimmt, dass sich jede weitere Nachfrage verbot, erwiderte der Papier- Chef: 

“Recycling ist gut für die Umwelt.” 

Er wirkte derart überzeugend dabei, das hier enthaltene dialektische Dilemma, den Fehler im System, die Lücke in der Weltformel, die Existenz eines Abgrundes, in keinster Weise anzuerkennen.

Dass ich mir vornahm, dies von ihm zu lernen. 

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