PULP FICTION

Warum ist es so kalt draußen.

Warum bin ich nicht in den 90ern in Berlin- Mitte unterwegs und zwar im Hochsommer.

36 Grad, mit nackten braungebrannten Endlosbeinen, in nicht zum Wetter passenden, aber doch hammergeilen schwarzen Cowboystiefeln und einem engen Jeansmini und obenrum ein weißes Männerunterhemd, aber drei Nummern zu klein und auch ganz eng und eine Kette um den Hals, also schwarze Lederschnur mit Anhänger, Altsilber mit Onyx u.ä.

Haare lang, Haare offen, Sonnenbrille verspiegelt, Zigarette selbstgedreht. Latschen wir da so rum, im Karree.

Sind nur den Sommer über mal kurz da. 

Ich wollte meinem neuen Boyfriend, dem absolut angesagtesten aller angesagten Britpopstars, mal meine gute alte Heimatstadt zeigen und deswegen.

Die Sonne knallt, ich schlenker meine langen Beine durch die Gegend und er seine.

Alle sehen uns an, weil wir so geil aussehen.

Kriegen wir aber gar nicht mit. 

In diesem letzten guten Berliner Sommer, Mitte der 90er. 

Als wir gleich in den ersten Tagen irgendwie durch irgendwen an diese Wohnung geraten sind. 

Zerkratztes Parkett, himmelhohe Decken, von den Wänden baumeln die Tapeten runter und es gibt zwar fließendes Wasser, aber keinen Strom.

Drei Zimmer mit Flügeltüren verbunden, gehen nach vorne zur Oranienburger raus. 

Wir sind auf der Südseite, die Sonne scheint von früh bis spät in unseren Zimmerfluchtensaal.

Eine Kolonne Bagger ist Richtung Unter den Linden unterwegs und die Wände vibrieren.

Unterm Fenster seit dem frühen Morgen Stimmengemurmel. Die Schlange wegen der Eröffnung der Rossmann- Filiale am Hackeschen Markt windet sich die ganze Oranienburger Straße hinauf.  

Auf der anderen Straßenseite, ragt das Tacheles empor, der schattige Bogen des Toreingangs, ein aufgerissenes schwarzes Maul. 

Die Huren stöckeln ihres Weges und erwidern müde winkend unseren Gruß.

“I wanna sleep with common people like you” sagt er und dann tun wir es.

“This is hardcore.” stöhne ich, als es mir zum unzähligsten Mal kommt.

“Literatur ist Autofiktion, Baby”, flüstert er mir am späten Nachmittag nach dem siebten Samenerguss ins Ohr: “Sonst ist es keine Literatur.”

Wir feiern mit Leuten. Tanzen, trinken Rum- Cola, machen Striptease auf dem

Tisch, legen einander Kobras um die nackten Schultern, verlieren alles beim Poker, trinken Absinth, lassen Skorpione über unsere Hände krabbeln, werden in Schlägereien verwickelt, tanzen den Tanz der sieben Schleier, jemand klaut all unsere Polaroidkameras, am Morgen finden wir mehrere Tausend 1000- D-Markscheine in der Asche der Scherben.  

Sonst nichts.

Alle Fensterflügel und Flügeltüren sind geöffnet. Das Mondlicht glitzert auf den Etiketten der leeren Champagnerflaschen.

Tanzender Staub, Stille. 

Ich verbringe die Tage, mehr oder weniger nackt, in postsexueller Lähmung, vollkommen ausgeknockt und willenlos auf einer Matratze, die wir in der Auguststraße gefunden haben und die da jetzt mitten auf dem Parkettboden liegt. 

Er rauscht energetisiert durch die City und ich bin einfach komplett gelähmt, wegen der Hitze, meiner Selbstzweifel und meinem ständigen Wunsch, mit ihm zu schlafen. 

Wenn ich in der Abenddämmerung aus dumpfen Träumen erwache und er noch nicht zurück ist, schleppe ich mich nach hinten, in die Finsternis der Hinterhofseite, zur Spüle.

Wasche mich unter dem dünnen, vor Kalk fast weißen Wasserstrahl, der aus dem wackeligen Wasserhahn in das wackelige, roststumpfe Spülbecken tröpfelt, wickle mich in einen der grünblauroten Seidenkimonos, die er mir aus Japan mitgebracht hat und taumle hinaus, die Oranienburger hinunter bis zum Hackeschen Markt, wo die weiße Imbissbude steht und ich mir von meinem letzten Kleingeld, ein Bier und gebratenen Reis kaufe. 

Ich stelle mich an den weißen Plastiktisch, esse und trinke und über mir rollen die S- Bahn- Züge ihrem Schicksal entgegen.

Während ich nicht mal ansatzweise auf die Idee komme.

Er ist noch nicht zurück, als ich wieder zuhause bin. Kein Grund zum Heulen, denke ich und tue es doch, bis ich einschlafe.

So vergehen die Tage. So verbringe ich den letzten schönen Sommer in der Geschichte Berlins. 

Dann rauscht er ab. 

Ich bekomme eine funktionierende Beziehung nicht mal in Gedanken hin.

“This is hardcore” dachte ich ein paar Monate und dann bekam ich einen Untermietvertrag für eine Hinterhofwohnung.

Dort, im Erdgeschoss, bei offenem Fenster, rückwärts auf der Schaumgummimatratze aus der Linienstraße, legte ich mich weiter in mein Leben. Auch ohne Sex, kann ich apathisch sein, das war meine neueste Erkenntnis. 

Neben mir verstaubte die neu erworbene elektrische Schreibmaschine. 

Oh Brother mit blauem Farbband, Where Are Thou?

Der Sommerregen rauschte im Baum vor dem Fenster zum Hof. 

Manchmal rief SIE mich aus dem Hackbarths an, dass sie da auf mich wartet, dann ging ich hin. 

Oder ER klingelte an der Wohnungstür, hatte Ecstasy dabei, Rotwein und einen Stapel Bücher für mich: 

-Pleasure Dome 1

-Kritik und Krise

-Das magische Auge

-Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

-Soloalbum

-Remix

Erst spielten wir einige Partien Simultanblitzschach, dann zogen wir los. 

Überall trafen wir jetzt die Wiedergänger meines verflossenen Britpopstars. 

Jungs in Trainingsjacken und mit seitwärts in die Stirn fallenden dunklen Strähnen.

Mit bedruckten T- Shirts, Freitag- Tasche, Adidas- Turnschuhen und dem Studienplatz für Grafikdesign. 

Wenn sie hübsch waren, dann waren sie gay. Ich gab die Suche rasch auf. 

Die und ihresgleichen besiedelten jetzt die geräumigen Altbauwohnungen im Vorderhaus. Gründeten WGs. 

DIE machten die Flügeltüren zu. Schoben Ikea- Kommoden davor. Stellten Kakteen drauf. Pulp Fiction Plakate bedeckten jetzt die Wände, oder Experimente mit Wischtechnik in Orange.

DIE wurden Hauptmieter und berechneten akribisch Quadratmeterzahlen, um die Miethöhen ihrer Mitbewohner festzulegen. 

Bei McPaper waren ständig die Formulare für die Untermietverträge ausverkauft. 

DIE hatten geglaubt, nach Berlin zu ziehen, aber sie waren nicht nach Berlin gezogen, sondern in eine WG. 

Nicht in Berlin mussten sie klarkommen, sondern in der WG. 

Um nicht aus dem Nest zu fliegen, bemühten sie sich um Harmonie um jeden Preis.

Orange, Lavalampe, Jägermeister, Easy Listening. 

Um die WG- Mitbewohner nicht durch zu dumpfe Bässe vom Lernen fürs Staatsexamen abzuhalten.

Fernab der Eltern stellen diese kein Feindbild mehr dar, gegen das es mit Punkerattitüde zu rebellieren galt. Abgrenzung war nicht mehr nötig. 

Mit Berlin war es ab da vorbei.

Das Spießertum entfaltete sich ungebremst in vollster Blüte. 

Ich blieb im Hinterhof und konnte nur noch hilflos zusehen, wie meine Stadt und das Leben in ihr, erst langsam, dann rasend schnell, Glanz, Poesie, Drama, Tiefe und Schönheit verloren.

Wie eine faulige Welle, überrollte die tüchtige Provinz mich und die gleich mir wehrlose, weichgespülte, apathische, gelähmte Hauptstadt.

Aus MTV wurde VIVA, aus zitty wurde Tip, aus Techno wurde House, aus Berlin wurde Berlin, Berlin.  

Seitdem heißen die Berliner Clubs nicht mehr Bunker, Knaack, Tresor, E- Werk, Ostgut, Suicide, Eimer oder Turbine, sondern tragen ländlich mittelalterlich märchenhafte Namen und Tiernamen:

Berghain, Heideglühen, Kater Holzig, Wilde Renate, Beate Uwe, Johnny Knüppel, Burg Schnabel, Kitkat und Kuschelwuschel.

Wer aus der WG in den Club geht, geht also auch nicht aus, sondern einfach nur auf eine größere WG-Party.

ER versuchte, die Trainingsjacken aufzuhalten, erfolglos. Er drohte ihnen Schläge an, doch DIE wandten achselzuckend ab. 

Ich genierte mich, wandte mich ebenfalls ab, hielt mich fern, half ihm nicht, bestritt bei Nachfrage unsere Bekanntschaft und verzog mich still und leise nach rückwärts hinaus, zurück in meine Bude. 

Ein dünnes Rinnsal Blut rann ihm aus der Nase, auch ohne dass er Prügel kassiert hatte. Er krümmte sich wie eine Katze, kotzte Rotwein und die Pille aus.

Dann verließ auch ER die Stadt. Wir sahen uns nie wieder.

Ich und die Trainingsjackenträger blieben. 

Der Morgen dämmerte, ich ging nach Hause, warf mich auf meine Matratze und schwor mir erstens ewige Treue und zweitens nie wieder Ecstacy zu nehmen.

Währenddessen wurden in den WGs von Berlin Mitte Orgien gefeiert und in ganz Neukölln trieben sie es zu dritt. 

Ich aber wahrte Anstand und machte weiter mein Ding.

Ließ mir Blumen schenken, Crémant eingießen, schaltete das dritte Programm ein, trank, schaute “High Noon am Rio Bravo” und ignorierte seine Anwesenheit.

Aber wenn der Kandidat beharrlich genug war, duldete ich es, dass er seine Hand in meinen Hosenschlitz schob und da klemmte er dann aber fest, denn meine Cordhosen hatten unten Schlag, aber oben waren sie sehr sehr eng.

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