Plus3

Donnerstag.

Berlin.

Ich bin manchmal nicht so gut drauf. Also meistens ja und dann aber wieder überhaupt nicht. 

Jemand anderem im Internet ging es auch so und die Person hat dann in einem Forum gefragt, wie das denn sein könne, nach all der Zeit und wie lange das denn noch gehen würde, dieses emotionale Auf und Ab, seitdem ihr was Schlimmes passiert sei.

Diese Antwort fand ich seltsam, aber hilfreich: 

Ob die Person diese Flexi- Leinen für Hunde kennen würde und so wäre das auch mit der Recovery nach einem schlimmen Erlebnis:

An manchen Tagen ginge es einem gut und man würde sich frei und unbeschwert fühlen und ganz weit laufen können und fröhlich mit den anderen Hunden herumtollen. 

Aber man hätte eben immer noch diese Flexi- Leine um den Hals und manchmal, da könnte es sein, dass jemand auf den Knopf drückt und dann rollt sich die Leine blitzschnell ein und wird straff und dann würde man eben wieder genau da landen, wo man schon 1000 Mal war und auf keinen Fall mehr hin wollte, nämlich beifuß, beim Herrchen.

Und dann müsste man ganz langsam und in kleinen Schritten wieder losgehen und wieder ein paar Schritte mehr und wieder ein bisschen weiter weg als vorher, bis wieder jemand den Knopf drückt und dann alles wieder von vorne und irgendwann würde die Leine ausleiern und reißen, aber das würde eben dauern und so lange sei es eben so. 

Die Flexi- Leine. Keine schöne Metapher, aber passt doch.

Wenn das Knöpfchen gedrückt wird, steht man wieder bei Null da und muss alles von vorne durchdenken und verstehen und überwinden, als hätte man es nicht schon tausendmal durchdacht, verstanden und überwunden. 

Hört das denn nie auf? Aber im Internet steht: Doch, das hört auf, aber es dauert. 

Man soll halt aufpassen, dass der Knopf nicht zu oft gedrückt wird, weil es sonst eben länger dauert. 

Man soll aufpassen, wo man hinsieht und wo man hingeht und was man denkt, so lange dadurch Knöpfe gedrückt werden können und man soll aufpassen, was man hört und was man sieht und was man sagt und bestimmte Orte vermeiden und bestimmte Musik nicht mehr hören und so weiter. Es ist doch eigentlich ganz einfach.

Heute nacht um halb 4 hat das Festnetztelefon geklingelt, das klingelt sonst nie und ich wurde aus dem Tiefschlaf gerissen: Anonymer Anruf. 

Ich habe ihn weggedrückt und anonym zurückgerufen und wurde auch weggedrückt  und danach konnte ich nicht mehr einschlafen.

Besser so, denn wenn ich schlafe, träume ich. 

Im Traum ist er freundlich, erwachsen, verantwortungsbewusst und ehrlich zu mir. Er sagt, er sei sehr glücklich mit seiner Frau und es stimmt, es sei nicht fair von ihm gewesen, mir nicht von Anfang an zu sagen, dass es sie gibt, aber so sei es nun mal und er könnte es nicht ändern. Und er würde sie nun mal lieben und mich aber nicht.

Dann erzählt mir von ihren Plänen:

Er und sie würden demnächst zusammen in die obere Etage ihres Hauses ziehen, damit sie die untere Etage vermieten könnten. Es könnte vielleicht etwas eng werden, aber das sei ja nur temporär und er und sie würden sich lange genug kennen, um auf so engem Raum miteinander klarzukommen und sie wären ein gutes Team. Durch die Vermietung würden sie Geld sparen und beiseite legen können, um sich damit eine gemeinsame Zukunft aufzubauen und ein noch größeres Haus kaufen zu können, oder eine Firma zusammen zu gründen und diese Umräumerei momentan, das sei ganz schön viel Arbeit. 

Deswegen  würde er sehr bald wieder hinfahren, aber bis dahin könnten wir beide eine schöne Zeit zusammen haben, er müsste jetzt aber kurz mit ihr telefonieren, er wäre aber gleich wieder bei mir, ich solle mich schon mal ausziehen. 

Sowas träume ich, wenn ich ihn ausnahmsweise schon mal fast vergessen hatte. Beim Aufwachen bin ich komplett erledigt und denke: Die offene Art ist noch schlimmer als die miese Art und überhaupt ist alles schlimm. 

Manchmal schäme ich mich dafür, was ich hier alles hinschreibe.

Dann aber stelle ich mir die Frage, ob Jeff Koons sich manchmal auch für seine Luftballonpudel schämt, oder ob Christo es für seine Einpackorgien tat. 

Könnte doch sein, dass die manchmal nachts aufwachen und denken: 

-Oh Gott, was soll das. Wie peinlich. Den ganzen Reichstag einwickeln.

– Riesige Luftballonpudel aus poliertem Alu? Bin ich bescheuert? 

Das gehört dazu. Und es ist ja auch albern. Man muss trotzdem weitermachen.

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