Plus25

Donnerstag.

Berlin.

Wenn der Moment des Abschieds gekommen ist, kämmt sich die Frau, zieht die Festtagsschürze an, streicht sich über den schon wieder anschwellenden Bauch, stellt sich in den Höhleneingang und wünscht ihrem davon wandernden Mann, gute Jagd. 

Noch ein letzter Kuss und dann geht er fort, Richtung Urwald. Am Waldrand bleibt er stehen und bevor er hineingeht, dreht er sich ein letztes Mal zur Frau um.

Da, ganz weit weg, da steht sie, seine Frau im Höhleneingang hat ihm nachgeschaut und winkt ihm nun zum Abschied. 

Von Weitem ist sie wieder so wunderschön und begehrenswert, das hatte der Mann in den letzten Tagen in der Höhle ganz vergessen und gar nicht mehr bemerkt, wegen des Kindergeschreis und dem Gezeter der Frau, wegen seines Pfeifenrauchs und der Feuersteinsplitter überall.  

Aber wie er sie da so von Weitem im Höhleneingang stehen sieht und wie lieb sie ihm zuwinkt, da ist das Gefühl wieder da. Er will so schnell wie möglich zurück zu ihr und seinen fleischigen Speer in ihre Spalte senken.

Und so muss es auch so sein, warum sollte er sonst wiederkommen und die Beute mit ihr und der Brut teilen, anstatt sie mit irgendeiner Dschungelschlampe zu verjubeln? 

Bis heute kann der Mann die Frau, nur in einem einzigen Moment wahrhaft lieben: 

Wie er sie da von Weitem im Höhleneingang stehen sieht und sie ihm zum Abschied winkt. 

Mit diesem Bild vor Augen wird er den angespitzten Feuerkeil am Stock, auf die Gazelle werfen, das Mammut in die Falle locken, den Bären bezwingen und die Beute zu ihr in die Höhle tragen. 

Deswegen liebt der Mann bis heute, die Frau am meisten, wenn sie abwesend ist, damit er sich nach ihr sehnt und zu ihr zurückkommt.

Die anwesende Frau aber, darf er nicht länger ertragen, als bis er sich bei ihr ausgeruht hat und fit genug ist, um wieder auf die Jagd zu gehen. 

Und auch die Frau erträgt den Mann maximal nur so lange in ihrer Nähe, bis er fit genug ist, um wieder auf die Jagd zu gehen. 

Danach stört er. Sie hat keine Zeit, sich kuhäugig beglotzen und anbeten zu lassen. Sie muss arbeiten.

Den Boden bestellen, die Kinder gebären, die Kinder versorgen.

Würden Mann und Frau einander in Anwesenheit dauerhaft lieben und ertragen, müssten sie elendig verhungern.

Denn wenn der anwesende Mann fähig wäre, eine anwesende Frau zu ertragen und zu lieben und umgekehrt die Frau den Mann, wären sie unfähig, sich voneinander zu trennen. Sie wären die ganze Zeit nur am Vögeln und Gedichte schreiben und der Mann würde nicht mehr auf die Jagd gehen und Beute machen.

Die Frau würde sich nicht um Kinder, Haushalt und Ernte kümmern und dann ginge erst recht alles den Bach runter.

Würden sie einander in Anwesenheit lieben können, würden sie elendig verhungern. Würde die Menschheit schon längst ausgestorben sein.

Daher kann die Frau den Mann nur in einem einzigen Moment wahrhaft lieben: 

Wenn er nach langer Abwesenheit, unerwartet, mit der Beute über der Schulter plötzlich im Höhleneingang steht. Für diesen Moment tut sie alles.

Mit diesem Bild im Kopf, putzt sie die Höhle, kümmert sie sich um die Kinder, mahlt sie das Mehl, backt sie das Brot, hält sie sich permanent für seine Rückkehr bereit.

Wenn der Mann endlich, nach langer, viel zu langer Zeit, eines schönen Abends, wieder unerwartet, plötzlich im Höhleneingang steht, breitschultrig, bärtig, mit einem schönen toten Hirsch über der Schulter, freut sich die Frau so sehr, so sehr, so sehr.

Nur kann sie wegen des Feuers im Gegenlicht, nicht erkennen, ob das da im Höhleneingang wirklich ihr Mann ist, oder ein anderer Kerl mit fetter Beute. 

Aber das macht ja nichts. Hauptsache, es ist wieder jemand da. 

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