Plus23

Wochenende.

Berlin.

Am Samstagmorgen bin ich etwas zittrig auf den Beinen. Vielleicht, weil ich die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen konnte. 

Denn heute ist es endlich so weit. Heute zeigt mir der Großkünstler sein Reich.

Er holt mich mit dem Cybertruck zuhause ab. Nach dem Einsteigen und Anschnallen, als die Musik losgeht, er beschleunigt und die Sterne vom Himmel fallen, wird mir erwartungsgemäß, transzendent zumute. Ich kann mich der Dynamik nicht entziehen. Ich bin Frau durch und durch und als solche, durch Benzin und Besitz und alles andere beeindruckbar.

Aber ich bin nicht das erste Mal im Leben Copilot und weiß daher, was sich gehört:

Ich rolle dem geschickt steuernden Großkünstler Joints, spiele ihm die, von mir für diesen Tag sorgsam vorbereitete Playlist vor und bewundere den zweiten Mond, den er für mich an den Himmel geklebt hat. Kurz nachdem wir die dritte Flasche Champagner angebrochen haben, haben wir die ZONE erreicht. Wir fahren erst über die Brücke und dann durch das PORTAL1. Eine tiefschwarz verrußte Bahnunterführung.

Direkt danach verdunkeln sich unsere Brillen, denn hier scheinen die Sonnen heller. Auf beiden Seiten der Teerallee strahlt radioaktiv verseuchter Nadelwald, noch einmal scharf links um die Kurve und in der sieben Meter hohen weißen Mauer, mit Stacheldraht obendrauf, die nun direkt vor uns aufragt, öffnen sich die Flügel von PORTAL 2. 

Wir fahren durch. Der Großkünstler grüßt die imaginären Torwächter, tippt mit Mittel- und Zeigefinger der linken Hand an den Schirm seines Basecaps. 

Und da ist er. Vor uns, am Ende der Buckelpiste. Des Großkünstlers Big White Cube. 

Ein ehemaliges Asbestwerk, mit mindestens 17 Schornsteinen, welches der Großkünstler seit Beginn des Lockdowns, mit nichts als seiner eigenen Muskelkraft zu Sommersitz, Atelier, Galerie und Waffenfabrik umbaut. 

Der Großkünstler bremst direkt vor PORTAL3, dem zugeketteten, mit mehreren kiloschweren Vorhängeschlössern gesicherten Fabriktor. Er springt aus dem Cybertruck und öffnet die Schlösser, die Ketten fallen rasselnd zu Boden. 

Er schiebt das rostige Gitter nach oben. Nun steige auch ich aus, gehe auch ich durch das Tor, gehe zu ihm ins Zwielicht. Und jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt zeigt er mir, was er hat.

Die Düsenjäger, die Motorräder, die Yacht, die Oldtimer- Sammlung. Die Oldtimer- Rennwagen- Sammlung. Die Kiesgrube, den Kies, den Baggersee, den Bagger. Die alte und die neue Koltan- Mine. Den unterirdischen Bitcoin- Serverpark. Das Labor. Den Tennisplatz, das Atelier, die Soft Machine, die Grasplantage und das Bernsteinzimmer.

Ich bin nur ein einfaches Mädchen aus Ostberlin und der Anblick all dieser Pracht, erregt und schüchtert mich gleichzeitig ein. 

Ich verstumme, erröte, umklammere nervös die vierte Champagnerflasche und pule das Silberpapier vom Flaschenglashals. 

Als wir nach all den anderen Sälen endlich den Saal mit dem Bett betreten, passiert das Unausweichliche, das unermesslich Fürchterliche: 

Der Großkünstler holt sich, was er schon lange haben wollte. 

Ich kann und darf es ihm nicht nicht mehr verwehren und hier würde sowieso niemand meine Schreie hören. 

Wenn ich es wirklich nicht insgeheim auch gewollt hätte, dass ES passiert, dann hätte ich mich niemals hierherbringen lassen dürfen. 

Nach dem Akt bin ich am ganzen Körper voller Striemen und mir tun die Handgelenke weh, auch nachdem er die Fesseln gelöst hat. Mir tut überhaupt alles weh, aber ich sehe ein, dass ich für meinen langen Widerstand bestraft werden musste. 

Der Großkünstler schenkt mir zum Dank ein Paar nagelneue Original- Adiletten.

Nachdem ich geduscht und mir ein Tuch um den Hals gewickelt habe, damit man die Würgemale nicht so sieht, holt der Großkünstler den Lambo aus der Garage, weil der Cybertruck am Ladekabel hängt. 

Dann fahren wir ab.

Wir sind heute Abend noch auf einen Maskenball eingeladen und wollen nicht zu spät kommen. 

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