Plus18

Dienstag.

Berlin.

Reality Check Elternversammlung. Aufeinandertreffen von Single- Mama und Eltern. Aufeinandertreffen von One- Woman- Show auf die Armee der Gebundenen. Die gebundenen, also liierten Frauen und Männer sind durchschnittlich teurer frisiert, aber  grauer. Recht so. Sie lassen den Dingen ihren Lauf. Haare färben kommt nicht in Frage. 

Warum auch? Sie sind in Sicherheit. Wenn der Ehering festsitzt, darf das Make- Up gerne mal etwas dezenter ausfallen. Und: Wo Fülle herrscht, dürfen auch die Körper in die Fülle gehen. Es ist wie es ist und das ist alles in allem ganz ok. Gemüse, Stimmung und Sexualität werden auf die gleiche Art serviert: Gedämpft. 

(schonend gegart um die Vitamine zu erhalten)

Die Single- Mama dagegen: schrill. Ungedämpft. In Schale. Sieht dauernd auf die Uhr. Nachdem alle Infos notiert sind und die Gedämpften sich in eine der üblichen fruchtlosen Frage- Antwort- Diskussionen stürzen, schleicht sie zum Ausgang, wirft sich auf dem Schulklo in noch schrilleres Gewand, High- Heels. Leggings. Pelz.

Fuck, ich sehe aus, wie eine Prostituierte, so war das nicht gemeint. Aber wer gedämpft werden will, muss schrill sein. Krasser Denkfehler. Aber vielleicht will sie in Wirklichkeit nicht gedämpft werden. (Dochdochdoch und zwar schnell) Oder sie ist einfach nur dumm. 

Sie eilt ins Freie. Der Großkünstler holt sie vor der Schule mit dem Motorrad ab. Sie düsen zur Kunst. Sie schlendern durch die Hallen und bewerten die ausgestellten Kunstwerke. Für sie gibt es in Bezug auf Kunst nur ein Bewertungskriterium, sagt die Single- Mama: “Würde ichs mir kaufen?” 

Heute Abend von all den 1000 sehr schönen Arbeiten nur zwei: Den Faltenwurf mit den Rissen und das große Waldstück. Das Waldstück dann ins Badezimmer, den Faltenwurf in den Flur, über die Treppe. 

Am besten gefällt ihr aber die Betonsäule, nur ist die gar keine Kunst, sondern einfach nur eine eckige Betonsäule, die das Galeriedach oben hält. Die Single Mama erklärt warum: Derzeit, wo eh schon alles Zeitenwende, Weltuntergang, Szenario, erträgt sie nicht noch mehr Bedeutungen. Wenn schon der ganze Alltag viral grundiert, doppelbödig, maskiert ist, dann bitte nicht noch mehr Kram mit geheimen Zusatzinformationen/ Symboliken/ Brüchen/ Reflektionen/ Schlagschatten/ Hintergründen/ Verarbeitungen von irgendwas. 

Für sie ist jegliche Kunst derzeit: Nichts als eitles Gepränge, egal wie schön, wie gut gemacht, wie witzig, wie pointiert, wie schlau. Im Gegenteil: Je mehr, desto schlimmer.

Für sie einzig möglich: Ein weißer, schwebender Würfel. 

Ein Objekt, das nichts ist, als was es ist, das auf nichts verweist und weiter nichts darstellt. Das wäre die Kunst der Stunde und mehr wäre nicht zu leisten, in diesen Zeiten.

Ein weißer Würfel, aus absolut glattem Material, vielleicht aus Porzellan, aber das würde schon wieder “Zerbrechlichkeit” markieren und es soll ja nichts markiert werden. 

Sie denkt an den schwebenden Würfel und überlegt, wie man den zum Schweben kriegen könnte. Magnetisch? Auf keinen Fall mit Schnur, das würde schon wieder was bedeuten, nämlich: “Marionette” und sie hasst Marionetten. 

Der Jet- Gum- Kaugummi von Lidl hätte die richtige Oberfläche. Außen glatt, weiß, robust. Innen Gummi arabicum. Ja, der Würfel müsste ein quadratisches Jet- Gum sein. Ein Jet- Gum mit 1×1 Meter Kantenlänge.  Innen Kaugummi, außen eine weiße Zucker- Minz- Schicht. dann würde er auch gut riechen.

Der weiße Würfel. Er schwebt, er besteht aus Kaugummi, riecht nach Minze und dreht sich langsam um sich selbst.

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