Plus16

Dienstag.

Berlin.

Ich war da. Auf Meister Ys Ranch. Im „Kleinen Kreis“. Als kleiner Punkt im „Kleinen Kreis“. Hinein kommt man nur mit persönlicher telefonischer Einladung durch Meister Y, strictly ab 35 und mit gültigem Coronatest.

Fernab von der Zivilisation liegt des Meister Ys Ranch. Sollte der nukleare Winter eintreffen, sollte eine Pandemie die Menschheit flachlegen, hier würde man davon nichts mitbekommen. Wer hier ist, dem kann nichts passieren. Auf Meister Ys Ranch werden wir Eingeweihten, die zum „Kleinen Kreis“ Zugelassenen, revitalisiert.

Meister Y hat die Ranch seit März stetig erweitert. Mittlerweile ist der gesamte Garten Veranda. Bis an den Feldrand reichen die Seitenwände aus alten Fenstern mittlerweile.  An den Fenstern trocknen kopfüber Kräuter, auf den Borden trocknen Pilze, im Schuppen stapeln sich Einweckgläser mit Marmelade. Meister Y kann uns hier alle versorgen, bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Wir, der “Kleine Kreis” liegen in wechselnden Konstellationen, aufeinander auf alten Sofas, lauschen der Musik und philosophieren. Die Luft ist dicht und schwer vom Duft der Kräuter, die wir per Friedenspfeife rauchen. Bässe lassen die Glasscheiben erzittern und peitschen durch den Wald. Eine Phalanx weltberühmter DJs mixt sich auf Meister Ys Geheiß hin, tage- und nächtelang die Seele aus dem Leib. 

Der “Große Eintopf”, unser Hauptnahrungsmittel, köchelt Tag und Nacht, auf dem Propagandagasherd, äh Propangasherd. Ab und zu schnippelt jemand spontan eine Zwiebel klein und wirft sie in die Brühe. Der Topf wird niemals leer, egal wieviel wir davon essen. Ab und zu bringen ich, oder ein anderes Mitglied der Gruppe “sich in die Gemeinschaft ein”, machen den Abwasch, leeren die Aschenbecher, oder wir beteiligen uns an den ständig stattfindenden Tischtennisturnieren. Die wohlwollenden Blicken, unseres unendlich schönen Meister Y sind uns sicher. 

Wir, die Eingeweihten, schlafen alle abwechselnd miteinander und nacheinander, in Meister Ys riesigem Bett, im Kabuff, hinter dem Dancefloor und halten dort im Dunkeln stundenlang Händchen. So eine neue Weltordnungsgesellschaft entsteht schließlich nicht von allein. 

Zwischendurch waschen wir uns im Stahlbad. Meister Y hat es selbst errichtet. Osmosegefiltertes Regenwasser, zum Revitalisieren durch eine linksdrehende Kupferspirale geleitet, tropft in hartem Strahl von allen Seiten auf unsere nackten Körper. So werden wir noch mehr revitalisiert, falls das jetzt überhaupt noch möglich ist. auch diese revitalisiert. Erst waschen wir unsere Körper und danach eine Hand die andere. So sauber war ich noch nie.

Nach und nach revitalisieren wir alles, was uns in die Finger gerät:

Sogar der Aperol Spritz wird vor dem Trinken dreimal umgefüllt, damit sich die Flüssigkeiten auf molekularer Ebene noch weiter verwirbeln und die Teilchen wieder die Struktur der Matrix, der Doppelhelix, der Helix, der Doppelmatrix annehmen.

Revitalisiert, wie wir sind, fantasieren wir davon, jetzt und hier, auf Meister Ys Ranch, eine neue Gemeinschaft der Eingeweihten zu gründen. Wie damals die Lebensreformler am “Monte Vérita”. Wir könnten uns vorstellen, “Rudolf Steinar” Shirts zu weben und diese auf einer supervirtuellen Verkaufsplattform scheinbar zu verkaufen. Supervirtuell bedeutet: Virtuelle Virtualität. Waren, sowie Bezahlung der Waren existieren nur in der Vorstellung.

“Armazon” nennen wir das Projekt.

Jedoch. Ich bin soeben zurückgekehrt. Über 48 Stunden später, als ursprünglich geplant. Es ist kaum möglich, dem Magnetismus des “Kleinen Kreises” aus eigener Kraft zu entrinnen, besonders wenn man vor der Ankunft, tagelang einsam auf dem hohen Ross saß. 

Aber Mutter sandte mittlerweile beinahe minütlich Nachrichten, wann ich denn wiederkäme, um mich wieder um meine Kinder zu kümmern. Nur ein Pfeifchen noch, nur ein Ballwechsel noch, Mutter, funkte ich zurück, wiegte mich zur Musik, lehnte mich an den revitalisierenden Körper von Meister Y und sah in der Ferne meine Züge durch die Heide dampfen, einen nach dem anderen. Wenn Mr. X mich nicht auf seinem Fahrrad gewaltsam zum Bahnhof evakuiert hätte, wer weiß, womöglich wäre ich immer noch dort. 

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