Plus15

Freitag.

Berlin.

“Dereinst” bedeutet sowohl: “in ferner Zukunft” als auch “damals”. Habe ich gelernt, weil ich das nachschlagen musste, neulich, weil ich mir nicht mehr sicher war, ob “dereinst”, “in ferner Zukunft” oder “damals” bedeutet. 

Das Architektenpaar Herzog und de Meuron bauten in Berlin- Mitte, das “VERT am Tacheles”, ein Stadtquartier im Gründerzeitstil, in “subtiler Exzentrik”, mit Concierge- Service und hauseigenem Spa. Also, dass sind doch wohl endlich mal gute Nachrichten, nach all dem Mist, den wir dieses Jahr durchgemacht haben.

VERT verbindet organische Formen mit einem Hauch Extravaganz. 

VERT, grün wie die Hoffnung und es ist nicht alles schlecht, da sieht mans mal wieder. Also man würde es sehen, wenn man die Augen weit aufreißen würde und in der Lage wäre, sich für andere zu freuen, also für die Investoren und diejenigen, welche im Herzen der Stadt, sich so ein schönes Plätzchen ergattern konnten und es muss ja nicht immer alles für alle da sein.

Ach egal. Sozialkritik, Kritik am Städtebau, kommt immer so miesepetrig und neidisch rüber. Oder nostalgisch. Das Tacheles gibts nicht mehr, schon seit 1000 Jahren nicht. Zuletzt war es in den Händen von schrottschweißenden Kleinkünstlern. Denen wollte mans doch in Wirklichkeit auch nicht gönnen, mit ihrem Räucherkerzenzauber und Nippeskram: Männchen aus Gabeln und Schrauben. In den Ateliers lief immer Goa, überall brannten weiße Wachskerzen auf den zusammengeschweißten Lüstern, oder Grablichter wiesen den Weg zu Parties im dritten Stock, zu denen man dann aber doch nicht ging, weil da plötzlich Bierbänke im Weg standen, auf denen rittlings schlechtgelaunte Anarchisten saßen, eine verbeulte Kasse mit Kleingeldschlitz, zwischen die  Schenkel geklemmt, die einem drei Mark abknöpfen wollten, für das Recht, lauwarmes Staropramen in dem finsteren Gang dahinter zu trinken, und dabei CypressHill aus dem CDplayer zu hören. 

Eine andere Alternative scheint es nie zu geben. Entweder total räudig, voller Punks und Plenums und überall riecht es nach Patchouli und Pisse. Und auf allen Wänden steht was mit Ausrufezeichen, oder eben der subtilen Extravaganz mit Fischgrätenparkett und Elekroautoladestation in der Tiefgarage und poliform- Küche.

Was hätte ich denn gerne?  Mir fällt ja auch nichts anderes ein. Zwischen Verwahrlosung und Gated Community gibts doch gar nichts mehr. Im Zweifel natürlich lieber Verwahrlosung, da kann wenigstens jeder mitmachen, aber schön ist das nicht, aber ist auch egal. Muss nicht immer alles schön sein. Ich will mein Tacheles wiederhaben und zwar genau so wie es war, 1995 oder 96,97? So. Jetzt ist es raus.

Ich bin wirklich nicht neidisch. Bilder von Edelwohnungen wecken keine Sehnsucht in mir. 

Im Möbelladen nebenan verschenken sie immer diese Einrichtungsmagazine, die H.O.M.E. und so, die nehme ich mit, damit ich beim Frühstücken, was zum Durchblättern habe. 

Neulich war es mal wieder so weit. Ich griff mir eins der Magazine vom Stapel, ging heim und trank Kaffee und aß Brötchen und blätterte und dachte, Mist, die Ausgabe habe ich doch schon. War aber gar nicht so. War eine andere Ausgabe, war einfach nur ganz genau der gleiche Style. 

Dann habe ich umgeblättert und dachte, huch, Druckfehler, ist ja genau die gleiche Seite wie vorher. Wars aber nicht. War ein anderes Hotel, in einem anderen Land.

Alles alles alles: Erdfarben, grau, Teppich, Sessel, Sofa, alles Ton in Ton, unter den Sesseln dünne Beinchen, oben dicke Polster, Couchtisch aber roh, halbierter Baum, mit Rinde und Moosresten dran, direkt mit dem Trecker aus dem Dschungel ins Wohnzimmer gekärchert. Darüber viele viele viele kugelförmige, kügelchenförmige Lampen wasserfallgleich von der Zimmerdecke stürzend und als Farbtupfer goldene Vorhänge, oder Obstschale auf Kunstbuch. 

Ich würde es “nüchterne Opulenz” nennen.

NÜCHTERNE OPULENZ.

Das ist jetzt original von mir. Ich kann das auch. Ich muss zugeben, auf die 

“Subtile Exzentrik” wäre ich auch gern gekommen, aber wie hätte ich denn, hat mich ja niemand drum gebeten, den Prospekt für VERT zu schreiben. 

Aber jetzt, wo ich den Code geknackt habe, möchte ich weitermachen: 

“Brutale Sensibilität”, 

“Diffuse Präzision”, 

“Stumpfe Brillanz”

“Serielles Unikat”

“Intime Distanz”

“Harmonische Dissonanz”

Ich könnte das noch eine Weile fortsetzen, einfach aus motivierter Absichtlosigkeit oder impulsiver Gelassenheit, beziehungsweise spontaner Besinnlichkeit oder somnambuler Luzidität heraus. Aber welche Produkte ließen sich damit verkaufen? 

 —

Schleichend abrupter Schluss.

1 Kommentar

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Concierge-Service Weck nicht die Erinnerung an das Paris der belle Epoche, sondern man sieht da gleich den Wachmann oder ein ähnliches weibliches Exemplar eines Wachschutzunternehmens. Zu den exquisiten Wohneinheiten kommen dann die langweiligen ewig gesetzten Bewohner. Das Luxusparkett ist mit Fliesenkleber verlegt und die Fenster aus dem Baumarkt. Sowenig wie in den Prospekten eine gute Story erzählt wird, so dürftig ist auch die Bausubstanz.

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