Plus14

Donnerstag.

Berlin.

It’s lonely at the top. 

Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. Was bleibt ist eine Menge Weizen und leider nur sehr wenig Spreu.

Meine kleine Armee kämpft sich wie ich durch Schutt und Asche, das Zusammentreffen im kleinen, allerkleinsten Kreis ist frühestens übermorgen möglich, bis dahin halterlose Stille.

Nur das Ticken der Küchenuhr ist zu hören.

Im Radio lässt sich kein Sender mehr empfangen, das Telefon ist tot, nichtmal der Wasserkocher ist noch an den Stromkreislauf angeschlossen, der Kühlschrank existiert für mich schon lange nicht mehr. Nur die Waschmaschine ist noch auf meiner Seite, brummt und dreht sich, wenn ich es ihr befehle, die Spülmaschine täuscht ein Funktionieren allerdings nur noch vor. Auch sie wird mich bald verlassen. 

Ich kann die Getreuen nur noch an der Hälfte einer Hand abzählen. 

Wie lange kann ein Mensch sich besinnen? So lange er muss, weil ja nicht immer nur kann. 

Jedoch.

(Die Spreu darf es nicht wissen, sonst trennt die sich auch noch von mir, aber ich vermisse den Weizen.)

Wo ist sie hin, die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit von Berlin- Mitte in subtiler Exzentrik?

Wie schön war es, sich die Fußnägel lackierend, auf dem Sofa zu sitzen, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, an einem Gläschen Asbach Uralt zu nippen und die Unzuverlässigkeit der Postboten zu beklagen. Die Hortensien im Vorgarten standen in voller Blüte. Eine Fliege brummte gegen das Glas der halbgeöffneten Verandatür, die frischgestärkten Gardinen wiegten sich im Wind, die Knie schmerzten vom Parkettbohnern, die Kopfhaut kribbelte, die Lockenwickler saßen fest.

Schön war die Zeit und noch viel schöner ist die Erinnerung daran. Aber wenn diese Zeit des Unglücks und der Einsamkeit vorüber ist, wird die Erinnerung an sie noch schöner sein.

Denn dies ist eine Zeit der Hoffnung und überglänzt von Vorfreude auf das kommende grenzenlose ewige Glück.

Denn dem Chaos wohnt die Verheißung einer zukünftigen Ordnung inne, der Ordnung aber die Angst vor deren Zerbrechen.

Damals auf dem Sofa wusste ich um mein Glück. Aber die Angst, es zu verlieren, verdunkelte meine Tage.

Das Telefon, das Sofa, die Veranda, die Hortensien, die Lockenwickler, die Stimme am anderen Ende der Leitung, sind für immer verschwunden, existieren nur noch in meiner Erinnerung und bringen meine Augen manchmal zum Tränen, wie Rauch. 

Nun weiß ich um mein Unglück, aber die Hoffnung auf sein Verschwinden, lässt meine zerstörte kleine Welt rosig erstrahlen, in einer immerwährenden Morgendämmerung. 

Und ich weiß genau:

Wenn ich dereinst, ganz in weiß, von mein Traumprinzen zum Altar geführt werde und die ewige Seligkeit beginnen wird, werde ich mich nach dem Hier und Jetzt zurücksehnen, als ich noch frei war und von diesem Moment nur träumen konnte.

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