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Freitag.

Berlin.

Wieder zu Hause. Obwohl wir mit dem Zug hergekommen sind, habe ich Jetlag. Meine inneren Organe vibrieren noch von der Fahrerei, der Boden schwankt, ich schwanke. 

Ich war so lange weg und deswegen fällt mir mein Computerpasswort nicht mehr ein. Ich muss jemanden anrufen, der es kennt. Er sagt es mir. Es ist ganz einfach: 

“ruth”. 

Ich mache den Browser auf und schrecklich, schrecklich, schrecklich, da sind noch alle meine offenen Tabs von Anfang Juli, als ich abgereist bin. Bloß nicht hinsehen, bloß schnell alle wegklicken und neue, bessere, andere Tabs öffnen. 

Als es dunkel wird und es draußen nicht mehr so heiß ist, gehe ich mit den Kindern spazieren. Wir blinzeln und tapsen und staunen und können es immer noch nicht glauben, dass wir wirklich endlich wieder hier sind, Zu Hause, in unserem Prenzlbergchen und wir sind ein bißchen euphorisch und hampeln herum und zeigen uns gegenseitig kleine Hunde und neue Restaurants.

Da sitzen Leute an den Tischen und essen und im Park sitzen Leute und vor den Spätis sitzen Leute und auf den Bänken und auf den Wiesen und auf den Mäuerchen und den Stufen sitzen Leute. 

Wir gehen und gucken und staunen und taumeln und stoßen gegen Laternen, Poller, Schultern, Hausecken. 

Aber es tut nicht weh, weil wir noch Geister sind, also noch gar nicht richtig da. 

Sind wir noch nicht hier, oder ist der Prenzlauer Berg nicht mehr da? 

Meine Hood sieht so unecht aus. 

Die riesigen Bäume, die breiten Bürgersteige, die großen Häuser wirken wie Kulissen. 

Und die seltsamen Leutchen, mit ihren übertrieben individuellen Looks, die sich hier tummeln, Eis essen, Bier trinken, als wäre es das Normalste von der Welt, wie Schauspieler.

Aber die tun nur so normal, in Wirklichkeit wundern sie sich auch, dass sie hier sind. In Berlin. Auf der Kastanienallee. 

Its still magic, seit 1995, still magic, dass sie es aus Bielefeld oder Barcelona hierhergeschafft haben.

In Paris ist man elegant, oder eben nicht. In Berlin ist man originell oder eben nicht. 

Die Männer sind originell mit ihren Bärten, witzigen T- Shirts und bunten Sneakern und die Frauen sind originell, mit ihren blassen gestressten Gesichtern, die so gar nicht zu den gewagt asymmetrisch geschnittenen Frisuren und Nischendesignerkleidchen passen wollen.

Wir gehen einkaufen. Im Rewe haben sie irgendwie an der Gemüseabteilung herumgeschraubt, aber die Äpfel und Radieschen liegen noch da, wo sie hingehören, nämlich da, wo sie immer lagen: Äpfel vorne links, Radieschen hinten rechts.

Den Edeka haben sie abgerissen und stattdessen stehen da jetzt zwei Sandhaufen, leider noch unzugänglich hinter einem Baustellenzaun. Wir hoffen, der kommt bald weg, denn die Sandhaufen stehen ja schon fix und fertig da und die Kinder und ich wollen da gerne raufklettern und uns Berlin von ein bisschen weiter oben betrachten. 

Beim Lidl haben sie die Öffnungszeiten geändert, der hat nämlich schon geschlossen, als wir kurz nach halb 11 dort ankommen. Der macht neuerdings um 21 Uhr zu. Oder war das schon immer so? Ich weiß es nicht. Es ist alles so lange her.

Also muss ich nochmal schnell zu Rewe.

— 

Apropos schnell: In Berlin sind die Kassierer viel schneller als in Frankreich und die Kunden entsprechend auch.

Ich halte den ganzen Betrieb auf, weil ich mit dem Einpacken nicht hinterherkomme und dann meine Karte so langsam aus dem Portemonnaie fummle. Aber das merke ich erst, als es zu spät ist, sich zu stressen oder hektisch zu werden, nämlich als alles bezahlt und verpackt ist.

Erst da bemerke ich, dass aufgeatmet wird, dass Geduldsfäden zum Zerreißen gespannt waren, dass alle mich angestarrt haben und sich irgendwas dachten, während ich meine Beute verstaute und zwischendurch auf mein Handy geguckt habe wegen Whatsappchat und überlegt habe, ob mein Aldibeutelchen reicht, oder ich mir noch eine Tüte kaufe, aber die war so klein und da habe ich sie wieder zurück gelegt und dann die Sachen nochmal anders in meinem Beutel verpackt, also das Brot rausgenommen und die Milch reingetan, denn das Brot kann man ganz gut extra tragen, aber so ein Tetrapack Milch aus dem Kühlregal fast sich unangenehm an, wenn da die Tropfen drauf kondensieren. 

Es hat also ein bißchen gedauert, aber warum sollte ich mich späten Abend und dazu noch in dieser Hitze, an der Supermarktkasse beeilen? 

Das bringt doch nichts, panisch Joghurt und Tomaten zuerst in den Beutel zu stopfen und das Mineralwasser und die Marmelade obendrauf. 

Aber sowas geht hier natürlich nicht. Damals, vor meiner Abreise nach Frankreich wusste ich das, war ich gut trainiert, habe ich die Einkäufe schon beflissen und pragmatisch in der richtigen Reihenfolge aufs Band gelegt und so, und die Karte bereitgehalten, und immer gut aufgepasst, dass niemand wegen mir warten muss und jeden gehasst, der nicht so effizient war, wie ich.

Aber in Frankreich macht man sich mit derlei Eifrigkeiten lächerlich und bekommt dadurch auch keinerlei anerkennende Kassiererschwingungen gesendet. 

Die französischen Supermarktkassierer sind nämlich dermaßen langsam, es ist nicht zum Aushalten, es ist zum Durchdrehen, es ist zum Schreien. 

Da hörte ich beim Warten diese Stimme in meinem Kopf toben und zetern, während ich finster auf die unfähigen unschnellen Kassiererhände stierte. 

“Mach hinne, du Schwachmat!” sagte die Stimme.

“Du Spatzenhirn musst doch nur kassieren und weiter nichts, das ist dein Job, abkassieren, also stupideste Routine, du machst den ganzen Tag nichts anderes und du hast es trotzdem überhaupt nicht drauf, wie dumm kann ein Mensch sein. 

Mach hinne, scann schneller, und du Oma, zahl schneller, pack schneller, geh schneller, warum bist du überhaupt hier, bloß weil du noch nicht tot bist, muss ich warten und mein Leben verplempern.

Ich will schnell weg, schnell bezahlen, schnell einpacken, schnell nach Hause, schnell alles in den Kühlschrank stopfen, schnell kochen, schnell essen, schnell satt werden, schnell trinken, schnell besoffen werden, schnell einschlafen, schnell aufstehen, schnell wieder einkaufen gehen und immer so weiter, bis der ganze Mist ENDLICH vorbei ist und ich schnell tot umfallen kann.

Aber irgendwann denkt man das in Frankreich beim Einkaufen eben nicht mehr, weil es gar keinen Sinn hat, böse zu gucken und schlechte Vibes zu verbreiten, weil die das Problem gar nicht kapieren würden.

Also habe ich gelernt, zu warten, ohne zu warten. Das war keine bewusste Entscheidung, es ist einfach so passiert.  

Ich war ganz bei mir, bin in meine Energie gekommen, ich habe den MOMENT gelebt.

Jetzt bin ich wieder hier und deswegen ist es vorbei mit dem Warteschlangen Zen.

Auch ok. Kommt man schneller wieder raus aus den schrecklichen Supermärkten. 

Kann man schneller an schöneren Orten schönere Momente leben.

4 Kommentare

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ich liebe diese Texte und freue über jede mail die einen neuen Text ankündigt / ich wüsste nicht, welche anderen Emails, die etwas ankündigen, das derzeit schaffen /// merci!!! + Grüsze, Frank

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