Noch48Tage

Sonntag.

Noch 48 Tage bis zum Lockdown 2. Der Countdown läuft. Bei Eintrag 48 habe ich das Corona Tagebuch beendet. Also fange ich mit Tag 48 wieder an und zähle ab heute rückwärts.

Ich habe im Netz einen Artikel gelesen, der sich damit befasst, was man eigentlich Bill Gates vorwirft und warum die Vorwürfe Unsinn seien. Der Artikel war aber so verfasst, dass man nach dem Lesen denkt: Huch!, der bastelt ja wirklich an Mikrochips rum. Der ist ja wirklich einer der größten Geldgeber der WHO.

Artikel hin oder her, ich beschließe, einfach auch weiterhin, nicht daran zu glauben, dass Bill Gates mittels WHO den Mythos von einer Pandemie pusht, um Impfstoffe zu verkaufen. Ich grüble sowieso schon zu viel herum, ich kann mich jetzt nicht auch noch in sowas reinsteigern.

Drosten/ Merkel/ RKI sollen meine Leitsterne in der Pandemie bleiben. Denen höre ich auch nicht zu, auf die habe ich auch keinen Bock. Wer sind die überhaupt?

Drosten, das ist doch der mit dem Podcast? 

Merkel, das ist doch die mit den Ministerpräsidenten?

RKI, das sind doch die mit den Zahlen?  

So wie ich die pandemischen Gesamtzusammenhänge verstehe, läuft das ab jetzt so ab: 

Lockerung/ Lockdown2/ Lockerung/ Lockdown3/Lockerung/ Lockdown4/…

Bitte setzen Sie die Reihe bis Ultimo selbständig fort.

Ich brauche mal wieder eine Pause. Das ist und bleibt konstant. Dass ich eine Pause brauche. Darauf kann ich mich verlassen. Pause geht immer. Herumliegen und schlafen und andersherumliegen und weiterschlafen. 

Wegen der Pause bringe ich Spongebob und Patrick für eine Nacht zur Tante. Ob ich da noch ein bißchen bleiben werde, fragt Patrick mich unterwegs. 

“Nein, glaub nicht, ich geh gleich wieder, ich brauch ne Pause. Warum fragst du?” 

“Weil ich will, dass du noch ein bisschen in der Küche sitzenbleibst und mit der Tante redest.” 

“Ach ja? Wieso denn?” 

“Weil ich dann noch ein bisschen mit dir kuscheln kann.”

“Ja, aber falls ich mit der Tante rede, dann können wir sowieso nicht kuscheln. Weil wir ja sonst nichts Privates besprechen können, die Tante und ich, wenn du dabei bist.” 

Patrick schaut traurig. 

“Alle haben Privat.” sagt sie. “Spongebob und die Cousine und du und die Tante. Ich will auch Privat.” 

“Du bist noch zu klein für Privat.” 

“Nein, bin ich nicht! Ich will auch Privat!” 

“Sei froh, dass du kein Privat hast. Privat ist nervig. Das willst du nicht. Warts ab, wenn du größer bist, wirst du auch Privat haben. So toll ist das nicht.”

Patrick glaubt mir nicht. Na, die wird schon sehen.

Wieder daheim, lege ich mich tatsächlich sofort ins Bett. Als ich nach 15 Stunden Tiefschlaf wieder erwache, ist es beinahe schon Zeit, Spongebob und Patrick wieder abzuholen. Schon bei dem Gedanken wird mir schwach zumute. Ich bin immer noch so müde. Ich brauche noch eine Dosis Pause. Sonst kann ich einfach nicht, sonst gehts einfach nicht. 

Ich beschwöre meine Schwester per SMS. Sie muss die beiden noch länger behalten! Sie windet sich, sie sträubt sich, aber dann bekomme ich es hin: Aufschub. Mutter wird die Kinder für eine Nacht wenigstens noch, nehmen.

Ich rufe Eric Blanc an. Kann man schon Flüge buchen. Können die Kinder zu ihm. Es gibt jetzt doch wieder Flüge, habe ich gehört. Berlin- Paris, Paris- Berlin.

Eric Blanc verspricht Air France anzurufen. Ob sie mittlerweile Unaccompaigned Minors mitnehmen, will er fragen. Zwei Stunden später meint er, er sei wegen des Feiertages nicht durchgekommen. Ich rufe die Air France Webseite auf.

„Man kann doch einfach buchen!“ rufe ich ins Telefon. „Man kann die Option anklicken. Sie nehmen unbegleitete Kinder mit! Es geht jetzt wieder!“ Er könnte Spongebob und Patrick Dienstag in Paris am Flughafen abholen.

„Ich zahl das, ich klick da jetzt drauf. 335 Euro. Eric? Ist das ok für dich?“

Oh Gott, die armen Kinder. Ich werde das psychisch nicht schaffen, sie zum Flughafen zu bringen. Ich werde tränenüberströmt zusammenbrechen. Aber ich kann nicht mehr. Aber es wird nicht passieren. Die Kinder bleiben hier bei mir.

Denn ihr Vater, Eric Blanc windet sich wie ein Aal.

„Moment, warte doch. Ich muss das checken. Vielleicht gibt es auch billigere Flüge.“

„Aber wieso denn? Eric!

Ich bin hier am Ende der Kapazitäten meiner Grenzen und du schacherst herum?“

Eric Blanc will versprechen, bis Montag was herausgefunden zu haben.

„Nicht erst Montag, bitte. Jetzt. Checke jetzt. Ich kann nicht mehr, verstehst du das nicht? Ich habe den Kindern nichts mehr zu bieten.“

Eric verspricht. Aber später schreibt er, er hätte bei der Polizei angerufen und die hätten ihm gesagt, die Grenzen seien noch geschlossen. Blödsinn. Natürlich dürfen Kinder zu ihrem Vater reisen. Aber ich kann Spongebob und Patrick nicht einfach ins Flugzeug setzen, wenn Eric Blanc sich so sträubt.

Die armen Kinder. Wie allein sie sind.

Die Mutter kann nicht, der Vater will nicht.

Ich schlafe weiter, weiter und weiter und als ich erwache ist auch die zweite Nacht vorbei, ist es schon Samstag. Mutter hat gesmst. Heute Nachmittag bringt sie die Kinder zurück. 

Es ist nicht nur schon Samstag, es ist sogar schon Samstag- Nachmittag. Gleich sind sie wieder da, gleich wird Mutter sie zurückbringen. Spongebob und Patrick. Mit ihren großen Augen. Werden sie mich anstarren. Werden sie mich Sachen fragen.

Gleich.

Werde ich für sie da sein müssen.

Werde ich ihnen das Gefühl geben müssen, das Leben sei nicht total sinnlos, eine einzige ermüdende Farce, eine Ansammlung von lächerlichen Zufällen, gefolgt von erbärmlichen Zuständen.

Die ganze Zeit von früh bis spät, von jetzt bis in alle Ewigkeit, von Lockerung bis Lockdown, werde ich für sie verantwortlich sein, wird ihr Glück in meinen zittrigen, schwachen Händen liegen.

Gleich.

Werde ich wieder ganz alleine für sie zuständig sein.

Sie haben nichts mehr, außer mir.

Keinen Vater, keine Schule, keine Kita.

Sie haben niemanden und ich habe niemanden.

Es gibt nur Spongebob, Patrick und mich und sie dürfen es nicht merken, dass es keine Außenwelt und keine Zukunft mehr gibt.

Nur noch sie und ich, ich und sie.

Nur noch Hammer and Dance. Lockerung und Lockdown. Forever.

Gleich sind sie da, gleich geht es immer so weiter.

Mama, was war los? Mama, ich hab Hunger. Mama, bringst du mir ein Glas Wasser? Mama, machen wir eine Collage? Mama, mir ist langweilig. Mama, kuck mal, was ich gebaut habe. Mama, wann stehst du auf?

Mama? Mama? Mama!!!

Ich reiße mich zusammen. Ich stehe auf. Ich dusche. Ich räume die Spülmaschine ein. Gleich sind sie zurück. Gleich klingelt es an der Tür. Gleich werde ich wieder funktionieren. Ich schmeiße ein Tab in die Spülmaschine und drücke auf Start. Es rauscht und rumpelt.

Eine neue Zwischenzeit beginnt.

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