Noch41Tage

Sonntag.

Bin kurz im Internet. Statt “90er Jahre Horror” lese ich „90 Jahre Horror“. So weit ist es schon mit mir gekommen. Dabei ist es doch nur Youtube und es geht um Einrichtungsfails der 90er. Ich schaue ins Video rein und wieder raus. Kann mich nicht konzentrieren. Muss mal wieder andere Sachen machen. Nichts Besonderes. Aufräumen und so, wie immer. 

Es ist Abend, warm und draußen ist alles ist fast wieder normal. 

Restaurants öffnen wieder, Läden sind wieder auf, Schulen gehen wieder los. Hinterm Hinterhof wird gebrüllt. Jugendliche trinken zusammen im Freien. Toxische Männlichkeiten, meckerndes Gekicher, Scherbengeschepper.

Aber für mich kommt die Normalität zu spät.

Sie ist mir fremd geworden. Ich vertraue ihr nicht mehr. Sogar die Normalität ist nicht mehr normal, seit CORONA. Ist eine Normalität unter Vorbehalt. 

Die Normalität und ich, sind wie ein Paar, dass sich auseinandergelebt hat über die Jahre und es jetzt noch einmal für ein Wochenende miteinander probiert hat. Aber das Feuer ist raus. 

Die Leidenschaft ist verflogen. 

Ich glaube, die Normalität und ich, wir werden uns trennen, so traurig es ist. Es war ein langer und schleichender Prozess. Die Normalität und ich haben einander schon lange nicht mehr wahrgenommen und dadurch haben wir uns einander entfremdet. 

No hard feelings: Ich wünsche der Normalität alles Gute. Wir hatten eine schöne Zeit, aber jetzt glaube ich, es geht mir ohne die Normalität besser.

Obwohl, man könnte auch sagen, ich bin sehr wütend auf die Normalität und will deshalb nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich vertraue der Normalität nicht mehr. Sie war zu lange weg und hat sich nicht bei mir gemeldet und deswegen jetzt braucht sie jetzt auch gar nicht mehr anzukommen. Ich habe Angst, dass ich mich wieder an sie gewöhne und genau dann, wenn ich ihr wieder vertraue, verschwindet sie wieder sang- und klanglos?

Wofür hält sie sich? Denkt sie, dass ich hier herumsitze und warte, dass sie wieder zu mir zurückkommt? Das kann sie vergessen. 

Mit der Normalität und mir ist es ein für allemal vorbei, ich will jetzt zu einer neuen Realität übergehen.

In einem anderen Youtube Video geht es um die Anti Corona Proteste in Stuttgart an diesem Wochenende. Eine Demonstrantin kommt zu Wort und spricht mir aus dem Herzen:

“Ich möcht total gerne zu einer neuen Realität übergehen, nach Corona, die die Menschen zusammenführt und nicht trennt.”

Oh ja, hoffentlich ist sie bald da, die neue Realität. Hoffentlich ist sie gut im Bett.

Demnächst werden Spongebob und Patrick doch zu Eric Blanc fliegen. Wenn alles klappt. Es fehlen für den Grenzübertritt extremst wichtige Dokumente. 

Sie sind spurlos verschwunden/ 

Die Geburtsurkunden.

Und die sonstigen Nachweise ihrer Existenz. Ich wühle mich suchend durch meine Schubladen und stoße auf Dokumente, die in meinen früheren Leben mal wichtig waren. Bescheide, Widersprüche, Anträge, Nachweise, gewonnene und verlorene Prozesse. Papierene Auslöser schlafloser Nächte. 

2014, 2017, 2011, wo sind sie hin, diese Jahre? 

Ich: Scheinbar immer irgendwie im Stress. Trotzdem immer irgendwie auch entspannt.

Ich finde nicht, was ich suche, aber stelle fest:

Es wurde dann doch immer alles irgendwie und im Laufe der Zeit gewöhnt man sich dran und verlässt sich drauf, dass alles trotz allem immer gut ausgeht und so ist es ja auch und so war es und so wird es sein.

Neulich zum Kaffee bei Mr. F., ähnliches Thema. 

Mr. F. und ich therapieren einander immer wegen unserer toxischen Beziehungen. 

Mr. F. jammert und ich jammere und zwischendurch überschütten wir uns mit Bewunderung und Komplimenten und geben uns dadurch die Liebe, die uns unsere “Objects of Desire” so bösartig verweigern. Wir haben eigentlich ein großartiges Leben, sagen wir zueinander.

Wir sind frei, machen den ganzen Tag Kunst, also, was wir wollen und den Liebeskummer gönnen wir uns als Input, weil es uns Hochbegabten und Tiefsensiblen sonst viel zu langweilig wäre. So kann mans auch sehen und so sehen wir das dann. Wenigstens, so lange wir uns sehen. 

Ich halts kaum aus, dass Spongebob und Patrick bald fort sind. Nachts, wenn sie schlafen und ich aufräume, umarme ich ihre Plüschtiere und netze sie mit meinen Tränen und tagsüber drücke ich meine Kinder ständig an mich und kann nicht mehr, vor Kummer. 

Es ist gut, dass sie wegfahren, aber wie soll ich das nur aushalten, dass sie wegfahren. 

Ich will doch, dass alle immer bei mir sind. Irgendein Mann und die Kinder und ich und ich will alle umsorgen und ich will, dass wir zusammen essen und fernsehen und Ausflüge machen, und wenn es warm ist, zusammen an See und dann da picknicken und abends Gesellschaftsspiele spielen und einander was vorlesen und sich zeigen, was man gebastelt hat und der Mann schraubt am Sonntag was an die Wand, oder schleppt den Einkauf die Treppe rauf und kocht uns was Schönes und wenn die Kinder schlafen, dann trinken wir zusammen Rotwein in der Küche. Oder er liest ihnen was zum Einschlafen vor und ich liege derweil in der Badewanne und im Herbst fliegen wir alle zusammen nach Kreta und warum kriege ich das nicht hin und bald ist es vorbei und Spongebobs und Patricks Kindheit ist zu Ende und ich bin Anfang Fünfzig oder Ende 100 und hatte nie, oder nur sekundenweise,  das Familienleben dass ich mir erträumt habe. (Habe ich es mir je erträumt?) 

Immer aufs falsche Pferd gesetzt, oder höchstwahrscheinlich, (fragt doch mal den Bösen oder Eric Blanc, wie sie das sehen) das falsche Pferd gewesen.

Naja, aber man soll ja gleich glücklich sein, habe ich vor Kurzem im Internet gelesen und annehmen, was man hat und habe es auch gleich meiner Schwester erzählt und die war dann auch sofort davon überzeugt, dass es so sei. 

Also, wenn man immer denken würde: “Wenn das und das so und so wäre, DANN sei man erst glücklich.”, dann wäre man nie glücklich, weil immer etwas fehlen würde und anders sei.

— 

Man soll also mit dem glücklich sein, was man hat und sich damit zufriedengeben und nicht immer neidisch auf andere sein und so weiter und dann würde alles gut gehen und  sowieso “Be careful of what you want.” Aber warum denn eigentlich. Egal. Für ein paar Tage sollte das Mantra funktionieren. jedenfalls war ich sofort mit allem zufrieden, was ich habe und meine Schwester auch.

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