Noch40Tage

Montag.

Deutschland steht coronamäßig im internationalen Vergleich sehr gut da, sagt mein Sohn, der manchmal internationales Medien- Internet sieht. 

Ja, bei uns werden sie skeptisch beäugt und verlacht, der Jens Spahn, Head of Health Ministry und die Chancellorette Angela Merkel.

Aber: ”The German Miracle”, so nennen sie es da drüben, im Amiland,  unsere geringe, jedenfalls bisher geringe Covid19 Todeszahl, also Sterberate, fänden die impressive, sagt mein Sohn, und der muss es wissen, denn er ist jung und studiert Digitale Medienkultur. Und Jens Spahn könne richtig gut englisch, kann fließend Sachen sagen im MSNBC, würde man gar nicht denken, wenn man den so sieht, er wirkt ja nicht gerade wie die hellste Kerze an der Tanne, aber international dann doch: 

Ein heller Spahn, verblüffend erstaunlich.

Die armen Amis. Von der dritten Welt aus gesehen, läuft es natürlich very good in Germany. Und jetzt schon massivste Lockerungen, nach verhältnismäßig moderatem Lockdown! 

Man vergleiche unser easy Abgehänge mit den wochenlang fast komplett eingesperrten Spaniern, Italienern und Franzosen mit ihren Hangars voller Not- Klappliegen und den Straßendesinfizierern. 

Bei uns nichts dergleichen. Auch keine nächtlichen Leichentransporte wie in Bergamo und New York. 

75 Jahre nach Ende des WW2 macht Deutschland in bezug auf Leichenberge also endlich mal was richtig.

ANGELA MIRACLE. Warum fällt nur mir diese geniale Bezeichnung für unsere geliebte Bundeskanzlerin ein? 

ANGIE MIRACLE. Titelblatt. Einfach nur diese beiden Worte, über oder unter einem Bild von ihr, fröhlich lächelnd, Strahleaugen, Rautenhändchen, bunter Blazer.

Gönnen wir uns uns diesen Triumph, bis das RKI uns weckt. Wenn im Sommer alle anderen Länder wieder am Raven sind, dann ist bei uns wieder alles dicht. Ab heute noch 40 Tage, bis die Zahlen wieder zu alarmierend werden. Und dann wird es nicht ohne Bundeswehr, Wasserwerfer und strikteste nachbarliche Überwachung gehen. Das sage ich die ganze Zeit und deswegen jetzt auch schon wieder und darum geht es hier ja auch. Noch 40 Tage dürfen wir täglich frischer, frommer, fröhlicher, freier Aerosole inhalieren, bis das Kartenhaus zusammenbricht, bis jeder seine Autoprämie erhalten hat.

— 

Warum wieso woher so viel Negativität? Ich dachte, ich hätte gute Laune und jetzt will ich schon wieder mein Volk in Ketten sehen, kann es kaum erwarten, bis es so weit ist? Ist aber nicht böse gemeint. Ist einfach nur Sehnsucht. 

Also ich projiziere, weil ich in Wirklichkeit selbst gern in Ketten gelegt werden will, oder was? 

Ja, ich will Verantwortung abgeben und in die Schranken gewiesen werden. Damit ich aufhöre, die ganze Zeit herumzugrübeln. Damit endlich mal Ruhe im Oberstübchen ist und ich in Ruhe mein Vormittagsschläfchen halten kann.

Das werde ich brauchen, denn jetzt ist gerade noch Nacht und ich kann nicht schlafen. 

Bin doch wieder zu gestresst. Es ist wegen der vielen Variablen. Wird man Spongebob und Patrick morgen früh ins Flugzeug nach Frankreich lassen? Wird der Flug stattfinden? Wird man sie aussteigen lassen? Werden die Vollmachten genügen und die Pässe und werden sie glücklich sein dort und wann kommen sie wieder. Was mache ich, wenn es nicht klappt und arbeiten muss ich auch noch, ich hab eine Deadline  und wollte nicht der Böse heute oder morgen herkommen, was hat er denn nun schon wieder, was habe ich ihm getan, was ist denn jetzt schon wieder los. 

Da niemand mich in Ketten legt, muss ich gegen die Panik auf meine alten Tricks zurückgreifen. Ich atme tief aus und ein. Ich finde meine innere Mitte, ich zähle sieben Gegenstände im Raum auf, um in den Moment zu kommen. Filzstift, Notizbuch, Stehlampe, Vorhang, Wasserglas, Morgenmantel, Ladekabel. 

Da ist er, der Moment. Ich bin drin. Helles Licht vom Rechnerbildschirm, gestraffte Wirbelsäule, Geräusch meines Atems, leichtes Asthma, wie immer, wenn ich mich auf meinen Atem konzentriere, auf die Bewusstwerdung des leichten Asthmas folgt starkes Asthma. Zum Glück ist Wodka im Wasserglas, rein damit. 

Das erinnert mich an einen anderen Moment vor etlichen Jahren, als ich zufällig bei Sonnenaufgang Toy und Boy im Kater Holzig traf und wir zusammen auf der Terrasse chillten. Die beiden natürlich mit Sonnenbrille auf und auch sonst supercool, aber ich ohne Brille und auch sonst nicht ihre Liga. 

Die beiden schwiegen, die langen Beine ausgestreckt, einer links von mir, einer rechts und vor uns der rote Sonnenball über der Spree und mir war so warm und wohlig zumute, also ich hatte wohl irgendwie einen Laberflash, weil damals noch keinen Blog, also textete ich irgendwas über die Menschheit an sich. Bis Boy mich unterbrach. 

Der sehnige, große, blonde, überdurchschnittlich attraktive Typ, erhob sich, nickte und sagte ebenso gütig, wie lässig: 

“Na Ruth, bei dir ratterts die ganze Zeit im Kopf, hm?” 

“Ja, ähm, hm.” stotterte ich. Noch nie hatte ich mich so verstanden gefühlt. 

“Kenn ich.” sagte Boy, legte mir kurz und warm seine Hand auf die Schulter, drückte freundschaftlich zu und dann schlenderten die beiden einfach so davon und ich blieb da so sitzen und sah weiter auf die Spree und in meinem Kopf ratterte und ratterte und ratterte es. —

Von mir aus müssen die Berliner Clubs also nicht wieder aufmachen, mit ihren stinkigen, überschwemmten Klos und alles aus Brettern zusammengenagelt und überall diese schrecklichen blassen Mädchen mit blaugefärbten Haaren und Plateauschuhen und aus Russland oder Italien von zu Hause weggelaufen, nur um dann hier auf Keta und in Fetischklamotten ungeil auf der Tanze herumzuschwanken. Und waren nicht sowieso alle in Fetisch neuerdings und alle am drängeln, weil da hinten ist die Bar und die Schlange zum Klo geht schon am Einlass los und alle Boys gay oder druff und immer so laute Musik die ganze Zeit. 

Ich bin zu sensibel für Berliner Clubs, ich bin zu sensibel für mein Leben. War es schon immer. Mein psychisches System erträgt keine Ungewissheit, keinen Stress oder Druck, das kommt daher, weil ich als Kind nicht pfleglich behandelt wurde. Man hat mich herumgeschubst und zu viel allein gelassen. 

Hatte ich nicht eigentlich schon immer Angst, vor allem und jedem? Vor Punkern, Pennern und Polizisten, davor, dass unser Haus abbrennt, vor Skeletten, vor Krokodilen, vor Vampiren, vor Werwölfen, vor Atombomben, vor Krieg, vor Einbrechern, vor dem Suppenkasper, vor poltrigen Männern mit Vollbärten und lauter Stimme, vor Kerzen, vor scharfen Messern, vor Elias Canettis “Fackel im Ohr”, als Mutter das las. 

Ich dachte irgendwie, die Fackel würde von der Decke fallen und und sich brennend in mein Ohr bohren, WEISS ICH DOCH NICHT WARUM, aber 

deswegen schlief ich wochenlang mit Decke über den Ohren und außerdem zusätzlich mit um die Daumen herum geballten Fäusten, falls der Schneider aus dem Struwwelpeter kommt, mit der Schere, um mir die Daumen abzuschneiden. DABEI HABE ICH NOCH NICHT MAL AM DAUMEN GELUTSCHT. Nur Nägel gekaut.

Ich sag ja nur wie es ist, obwohl das extrem peinlich ist, so eine Kindheit als nägelknabbernder Schlappschwanz gehabt zu haben und diesen Mustern von Verlassenheitsängsten und Unglückspanik auch noch mit Ü40 ausgeliefert zu sein. Also diese abstoßende Erbärmlichkeit immer noch nicht abgelegt zu haben und im Fall der Fälle, wenns hart auf hart kommt, zu schrumpfen, also zu sein wie der Hulk, nur umgekehrt.

Warum heißen die Dinger Viren, na weil WIR alle sie kriegen können, sonst hießen sie ja Euren, oder Ihren. 

Aber sie heißen VIREN, Einzahl VIR- US, aus deutsch “Wir” und englisch “Us” zusammengesetzt, als ein international verständlicher Begriff, für die grenzüberschreitend Immunitäten auslösenden Todesteilchen. 

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