Noch ein neuer Text

Neulich Abend war mir furchtbar langweilig und ich dachte, nein, ich kann auf KEINEN FALL schon wieder nur mit lieben Freunden was trinken gehen. Es muss mal wieder richtig was passieren, die laue Nacht schreit nach Action. 

Darum stieg ich in die U- Bahn, Richtung Nahem Norden, um mit einem bedauernswerten, weißen, alten Mann zu schlafen, den ich mag und sofort mochte, weil er mir quasi sehr offen von Anfang an, sein Innerstes anvertraut hat.

Ich habe sofort Gefühle für ihn entwickelt, sowohl starke, als auch gemischte Gefühle.

Erst Mitleid, dann Schuld und Scham, sowie Wut, Geilheit, Abscheu, Scham, Selbstmitleid, Trauer, Scham, Schuld und Mitleid again.

Also, er ist immer wieder unwiderstehlich für mich geblieben, auch weil er bei jedem unserer Treffen, nicht mit neuen Enthüllungen sparte.

Er hat zum Beispiel, schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht und trotz seines hervorragend funktionierenden Immunsystems und seines kräftigen Körperbaus, diverse Krankheiten, Unfälle, OPs und Folge- OPs überstanden.

Schon in den wenigen Wochen unserer Bekanntschaft, plagten ihn Durchfall, Rückenschmerzen, Zahnweh, Kopfweh, sowie leichtes und hohes Fieber, Schwermut u.v.m.

Daher erwidert er mein Lächeln nicht, wenn wir uns treffen, hat er kein freundliches Wort für mich, nichtmal das klitzekleinste Kompliment.

Mein Haar ist der einzige Körperteil von mir, den er beim Sex berührt. 

Er benutzt es nämlich als Griff, also um damit meinen Kopf an der gewünschten Stelle zu positionieren und wenn das geschehen ist und sein Schwanz sich in meinem Mund befindet, zieht er mit beiden Händen an meinen Haaren und bewegt dadurch einerseits meinen Kopf, um die Geschwindigkeit zu koordinieren, mit der er seinen Penis in meinem Mund auf und niedergleiten lässt, andererseits, hält er mir die Haare auch aus dem Gesicht, um freie Sicht darauf zu haben, wie sein Schwanz in meinem Mund verschwindet und wieder erscheint, denn das Optische spielt ja auch eine Rolle. 

(Beim ersten Mal habe ich noch gedacht, dies sei der Anfang eines langen Vorspiels, wie es die Männer in meiner Welt sonst, egal ob sie zur Erzeugung von gemischten Gefühlen neigen oder nicht, normalerweise gern praktizieren.)

Aber sehr schnell wird sein Griff um meine Haare fester, sein Atem schwerer, seine Stöße heftiger, so dass seine Eichel quasi schon meinen Gaumen fickt.

Jetzt muss ich mich sputen, wenn ich von der Sache auch noch was haben will.

Also mache ich mich los, obwohl er doch gesagt hat, dass er eigentlich gerade in meinen Mund spritzen wollte, ziehe mir schnell das Höschen aus und setze mich auf ihn, damit ich wenigstens die Reibung der letzten und heftigen Schwanzstöße mit meiner kleinen Schatzkiste aufnehmen kann. 

Aber bevor es zu diesem Höhepunkt kommt, betrinken wir uns und führen interessante Gespräche.

Das heißt, er kritisiert mich mit kalter Stimme, hinterfragt alles, was ich erzähle, unterbricht mich und erklärt mir, was ich wirklich meine und sagen will. Dazwischen streut er Reiseberichte, Geschichten von Kontaktabbrüchen, Schwangerschaftsabbrüchen, Selbstmorden, Krebserkrankungen, entgangenen Chancen, unbeantwortet gebliebenen Briefen, verlorenen Jahren an schlimmen Orten und den bewundernswerten Leistungen Putins und Lukaschenkos.

Und so zieht sich das dann über Stunden, vom frühen Abend bis tief in die Nacht hinein, hin. 

Wenn er nicht spricht, ist es still in seiner klösterlich kargen minimal Designermöbel- Wohnung, weil er keine Musik mag und auch draußen, auf den die Wohnung umgebenden Straßen herrschen Leere und Stille.

Ich halte durch, breche das Schweigen nicht, halte das Gespräch nicht in Gang. Ich habe aufgegeben.

Versuche nicht mehr, witzig zu sein, oder mich zu rechtfertigen, etwas richtig zu stellen, abzustreiten, oder ihm zu sagen, dass ich nicht so bin, wie er denkt, oder ihm sonst irgendwie zu gefallen.

Ich traue mich nicht. Ich will ihn nicht verletzen. Er fühlt sich so schnell angegriffen, oder er versteht meine Witze nicht, oder er findet dumm, was ich sage, denn er verschränkt dann die Arme und sein voller Mund wird zu einem strengen Strich.

Ich schweige.

Hier komme ich zur Ruhe. Hier bin ich nur noch ich, bzw. die für die er mich hält.

Ich habe aufgegeben und befinde mich nun in einem Zen- artigen Zustand der Leere. 

Ich schaue in die blauen Augen, die mich so kalt und feindlich anstarren, spüre den Schmerz, seiner von Mama, all den anderen Weibern und aktuell mir, zutiefst verletzten, zerfallenden Seele und merke, wie Mitleid in mir aufsteigt, wie Bläschen in einer frisch geöffneten Pepsi- Cola.

Ja, ohhhh ja, er wirft mich plötzlich beinahe um, dieser Wunsch, ihn zu trösten und in die Arme zu nehmen. Mir wird ganz weich in Knie und Schritt davon. Wenn ich nicht fürchten müsste, angewidert zurückgestoßen zu werden, würde ich es tun. 

Ich kenne diesen Trick, aber er hat trotzdem funktioniert, sonst wäre ich nicht hier, täte ich mir das nicht an.

Männer wie er sind nämlich eigentlich keine Männer, sondern “Bedauernswerte” und darum werben sie um die Frau nicht mit Charme, oder Potenz oder Blumen, sondern sie benehmen sich der Frau gegenüber unterirdisch und kombinieren dies aber mit gezielten Offenbarungen aus traumatischer Kindheit und von grausamer Exfreundin, sowie Berichten von aktuellen und überstandenen Krankheiten und sonstigen Gebrechen oder Unglücksfällen im nahen und fernen Umkreis.

Verwirren dadurch ihr ihr Gegenüber, in diesem Falle mich und setzen es anschließend der hochgefährlichen, willenlos machenden, unsichtbaren

“Radioaktiven Mitleids Strahlung” aus.  

Die “Radioaktive Mitleids Strahlung” entsteht beim Bedauernswerten, durch die, aufgrund von Kindheitstraumata oder Charakterschwäche, oder beidem, instabile und daraufhin sich in einem permanenten Zerfallsprozess, befindliche Seele. 

In kürzester Zeit ist ein Grenzwert von 850 Bequerel überschritten, hat der Bedauernswerte das Gegenüber komplett verstrahlt.

Infolgedessen, wird das Gegenüber dermaßen vom Mitleid mit dem bedauernswerten Aggressor übermannt, dass es sich dazu verpflichtet fühlt, ihm alle Gemeinheiten zu verzeihen und ihm darüber hinaus, komplett zu Willen zu sein und ihm jederzeit auf den kleinsten Wink hin zur Verfügung zu stehen und mehr als kleinste Winke wird es nie bekommen. 

Denn bei geschicktem Einsatz der Radioaktiven Mitleids-Strahlung, ist ein mehr als minimales Engagement seitens des bedauernswerten Aggressors überhaupt nicht nötig, um sein Ziel zu erreichen, das Gegenüber dauerhaft zu unterjochen und konstant zu demütigen. 

Jahrelang konnten Männer mich mittels Radioaktiver Mitleids Strahlung bei der Stange halten. Und so wird es bleiben, warum sollte sich das je ändern.

Ich kenne mich: Ich bin aus Erfahrung dumm.

Auch wenn ich es dieses Mal etwas eher als sonst gemerkt habe, dass ich es schon wieder mit einem Bedauernswerten zu tun habe, der mich auf diese Art an sich binden will, habe ich mich trotzdem leichtsinnig immer wieder seiner hohen Strahlendosis ausgesetzt.

Dabei will ich das doch gar nicht mehr.

Unerwidertes Mitleid empfinden und mich am Bedauernswerten auf- und wundreiben und damit über kurz oder lang, auch noch einen seelischen Zerfallsprozess bei MIR einleiten und dadurch, zusätzlich zu seiner Strahlung, auch noch von der, NOCH gefährlicheren „Radioaktiven Selbstmitleidsstrahlung“ zersetzt werden.

Nachdem ich mir im Morgengrauen, noch den eingangs geschilderten Geschlechtsverkehr ergaunert habe, gebe ich mir darum einen Ruck und verlasse den Bedauernswerten. 

Aber es ist hart. Ich vermisse ihn so. Er tut mir so leid. Denn Radioaktive Mitleidsstrahlung hat eine hohe Halbwertszeit.

Ob ich will oder nicht. Ich sehe ihn immer noch da liegen. Als ich fortging. Zur Wand gedreht, wie vor Schmerz zusammengekrümmt und vollkommen erstarrt.

Schlafend, oder sich schlafend stellend. 

Darum bekam ich natürlich keine Antwort auf meinen Abschiedsgruß, keine Regung, als ich meine Hand auf seine Schulter legte. 

Ich schrieb ihm deswegen, von tiefem Mitleid erfüllt, noch einen lieben Zettel, bevor ich aus der Gruft in die Luft ging. 

Die Sonne ging auf, strahlte mich anders an und so kehrte das Leben in meinen radioaktiven, durch unmoderierbare Gefühle von Mitleid, Scham und Schuld verkrampften Körper zurück. 

Es war 5:30 und ein wunderbarer Morgen.

Ich war draußen, ich fühlte mich frei und ich beschloss mal wieder, nie wieder zu ihm zurückzukehren. 

Bis jetzt bin ich stark geblieben. Aber es ist hart für mich. Er fehlt mir. In meinem Herzen ist ein Loch. Es tut weh.

Ich schrieb ihm und er antwortete nicht. Ich rief ihn an und er ging nicht dran.

Und er tut er mir immer noch so leid.

Ohje ohweh, der Arme. Womit habe ich das verdient.

1 Kommentar

Kommentieren

Oh, bin ich froh, dass ich älter geworden und nun weniger strahlenbelastet bin. Manche Dinge werden später wirklich besser. Aber früher war es wirklich ganz, ganz schlimm.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: