Nicht ich las mein Buch, sondern mein Buch las mich. 

Freitag.

Berlin.

Ich lese “Lieben” von Knausgård , bei dem die detaillierte Beschreibung eines  Kindergeburtstages mitsamt Hinweg/ Rückweg und Abendessen, klingt, wie der totale Horror und ein klassisches Drama dazu und genauso ist es ja auch. 

Aufgrund des höchstsensiblen Schriftstellers dünnem Nervenkostüm wird alles existenziell: 

Vergessene Kinderschuhe, andere Eltern, trockener Kuchen, Windeln wechseln, in Räume sehen, Blickachsen vermessen, in Fluren stehen und Jacken suchen.

Aber warum lese ich das, wo ist da der Mehrwert, das ist ja ganz genau mein Leben, was er da beschreibt: 

Dieses unaufhörliche “Sich- In- Der- Brandung- Befinden” und dabei aber ganz und gar kein Fels sein. 

Aber dann fuhr ich kurz weg, denn ich durfte und sollte und wollte in Halle aus meinem Roman vorlesen. 

Die Hinfahrt in der Bahn war tiefsterbensdeprimierend. Nicht wegen Halle oder der Lesung oder wegen mir. Es war einfach nur wegen der Maskenträgerei. 

Man sieht niemanden an und niemand sieht einen an, denn da gibt es nichts zu sehen, nur weiße oder hellblaue Flächen und darüber blutunterlaufene ängstliche Äuglein…

Man fühlt sich also getrennt von allem und auf sich zurückgeworfen und bis in alle Ewigkeiten isoliert. 

Bleibt man doch, mangels jeglichen Austauschs in sich eingesperrt, mit seinen eigenen langweiligen ätzenden schon tausendmal gedachten Gedanken. 

Es ist die reine Folter. 

Als ob das noch nicht reicht, kommen in der Bahn noch die Lautsprecherdurchsagen dazu: 

“Sehr verehrte Reisende … bla… bla… bla…Maske Maske Maske Maske…”

Ist ja alles richtig so. Muss ja so sein. Kann ja niemand was dafür. 

Nur zusammen bleiben wir gesund. 

Nur gemeinsam können wir unsere Leben retten, damit wir uns noch lange mal am Arsch lecken können. 

Apropos: 

Es kann gut sein, dass ich im nächsten Jahr keinen Sex haben werde, hat mir die Taroskopkartenleserin auf Youtube vorhergesagt. 

Erst dachte ich: 

Um Himmels Willen, wie schrecklich. 

Aber dann war ich erleichtert. 

Kein Sex- keine Probleme. Endlich. Was für eine Befreiung. 

Aber wer glaubt schon Taroskoplegungen bei Youtube?

Es besteht also auf jeden Fall Hoffnung. Egal ob was passiert, oder nicht.

In Halle fand ich das Hotel nicht und schrieb dem Veranstalter deswegen und drohte damit, dass ich nicht mehr lange suchen würde, woraufhin er mich anrief und mich geduldig ans Ziel lotste . 

Ein großer Fortschritt für mich. 

Früher (WANN?) hätte ich nichts gesagt, mich allein durchgebissen und es allein geschafft und niemanden mit irgendwas behelligt.

Das hatte man mir beigebracht und so war es von mir erwartet worden und was hatte ich davon gehabt?

Nichts.

Und jetzt aber beklage ich mich, wenn was nicht klappt und werde dabei sogar zickig und mir wird geholfen und dabei geduldig geblieben. 

Und das ist gut. Das ist besser als nichts.

„So ist das eben: Wenn keiner mich liebt, müssen mich alle lieben“, dachte ich, obwohl das in diesem Zusammenhang überhaupt nicht passte.

Dann nahm der Abend seinen Lauf und die Nacht und der Vormittag auch und ich dachte das, was ich in Kleinstädten immer denke: 

“Oh wie wunderschön es hier ist und wie nett die Leute alle sind. Ich zieh sofort her, endlich ehrlich und richtig leben!” 

Und: 

“Hilfe! Ich krieg keine Luft mehr, ich will SOFORT nach Hause und vorher alles in dem Kaff kaputthauen.”

Auf die Lesung selber hatte ich mich null vorbereitet. Das bringt nichts. Worauf soll ich mich denn auch vorbereiten? Ich kenne mein Buch, weiß was ich geschrieben habe und lese nun eben daraus vor. Nämlich erst den Anfang und dann mal sehen. 

Aber vielleicht hätte ich mich doch vorbereiten sollen. Denn es passierte etwas Merkwürdiges: 

Nicht ich las mein Buch, sondern mein Buch las mich. 

Es war krass. 

Ich hatte gar keinen Abstand zu meinem Werk. Alles was da stand, passierte in diesem Moment nochmal und es trug mich total weit weg.

Ich las vor, als wäre ich eine Schauspielerin und wäre mein Roman ein Hörspiel und sprach, ohne zu wollen, die Dialoge mit verteilten Rollen und hörte seine Stimme dabei so deutlich, als wäre er nie aus meinem Leben verschwunden und ich kam aus diesem Modus nicht mehr raus und war wieder mittendrin, als hätte ich die Sache nie verarbeitet, als wäre sie noch ongoing außerdem. 

Beim anschließenden Publikumsgespräch passierte dasselbe. 

Auch hier gab es keinen Abstand mehr. Leute offenbarten sich und ich offenbarte mich und es wurde extrem persönlich und man bekam das nicht mehr zurück, auf eine literarische oder kulturelle Ebene. 

Ich weiß nicht, ob das gut ist, oder schlecht war und ob auch andere Schriftsteller diese Erfahrung schon gemacht haben und ob es dafür eine Bezeichnung gibt.

Danach gingen wir einen trinken, das Publikum und der Veranstalter und alle anderen und ich und es wurde ein veritables Besäufnis und wieviel Lesungen dieser Art würde ich gesund bleiben? 

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