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Freitag.

Berlin.

Ich betreibe SELFCARE. Seitdem ich erkannt habe, dass ich zwar nicht die anderen, wohl aber mich selbst kontrollieren kann, ist dies das neue große Ding für mich. Ich mache Sport, rauche kaum noch, ernähre mich konsequent gesund, esse kein Fleisch mehr und trinke mindestens zwei Liter Wasser am Tag.  

Ich bin kaum noch im social media aktiv und lese stattdessen mehr Bücher. Ich mache lange Spaziergänge, gehe vor Mitternacht ins Bett und stehe vormittags auf. 

Der unbekannte Fremde, mit dem ich mich neulich zum Zwecke des Kennenlernens verabredet hatte, sagte mir, er hätte seit zwei Wochen ein für allemal mit dem Kiffen aufgehört. Dies wäre sein zweiter Anlauf in 30 Jahren. Beim letzten Mal hätte er aber nach einigen Monaten wieder damit angefangen, weil er festgestellt hatte, dass sich dadurch für ihn nicht grundsätzlich etwas geändert habe. 

Die Welt sei ihm trotzdem permanent schräg und seltsam erschienen und er hätte sich gesagt, wenn das so sei, dann könne er auch weiterkiffen. 

Daraufhin schwiegen wir und inhalierten sehnsüchtig die übers Kanalufer wehenden Schwaden brennenden Grases, denn ein paar Meter neben unserer Decke kiffte eine Gruppe Araberjungs.  

Dann rückte der Fremde näher, wagte einen genaueren Blick auf meinen BH und bat mich um die Erlaubnis, mich zu küssen und zu ohrfeigen. Ich gewährte es ihm.

Wir küssten einander und als die Araber kurz nicht in unsere Richtung schauten, scheuerte er mir eine. Ich erschauderte schmelzend, woraufhin er mich seinen Willen spüren ließ, in dem er mir beim Weiterküssen kräftig an den Haaren zog.

Also, alles wie gehabt. Nichts hat sich geändert.

Als ich nach Aufräumen, Jogging und Gymnastik, auf meinem neuerdings geputzten und bepflanzten Balkon, auf der neuerworbenen, in Dänemark im 60er- Jahre- Stil designten Sitzbank, mit dem hellgrauen Sitzkissen, Platz nehme. 

Als ich meine Heidelbeer- Haferflocken- Cashewnuss- Sojamilch BOWL auf dem ebenfalls neuerworbenen marokkanischen mit swimmingpoolbauen Mosaikkacheln gefliesten Balkontischchen mit den geschmackvoll patinierten gusseisernen Beinen abstelle.

Weil ich zum Stil- Teil der “Süddeutschen” greife, um darin zu lesen.

Flasht der Gedanke auf, was mir das neue Behaviour eigentlich bringt. 

Auch nach ein paar Wochen Soberness ist doch alles wie immer: 

Mir tut alles weh. Ich bin slightly müde und slightly depressiv. Demnächst werde ich nach Neukölln fahren, um mich dort im WG- Zimmer einer Hinterhofwohnung für ein paar Stunden von dem kennengelernten Fremden schänden zu lassen. 

Warum um Himmels Willen sollte ich nicht in meine Bad habits zurückfallen, wenn richtiger Spaß doch nur einen Telefonanruf oder einen kurzen Spaziergang entfernt liegt? 

Dann ließen sich die Mood Swings wenigstens begründen, (Blame it on the Boogie) und müssten sich nicht einfach auf existentielle Ernüchterung schieben lassen.

Aber es wäre schade um meine neue Sensibilität.

Mittlerweile bringt mich schon der Morgenkaffee schräg drauf. Ich werde ihn weglassen müssen.

Wie auch Weizen- und Milchprodukte. Die vertrage ich nicht, scheint mir, die habe ich wahrscheinlich noch nie vertragen.

Tee geht auch nicht mehr. Eine Tasse grüner Tee am Tag und ich kann nachts nicht mehr durchschlafen. 

Wenn es egal ist, ob MIT oder OHNE, dann muss die Antwort nicht zwangsläufig: 

Na dann eben MIT heißen. Ab jetzt heißt die Antwort:

Na dann eben OHNE.

Weil OHNE kickt wie MIT.

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