microdosing protokoll teil 3

Mittwoch

Berlin

Dass ich dem Typen den ich gestern getroffen habe, so viel erzählt habe, liegt nicht an ihm. Ich erzähle allen immer zu viel. Oversharing nennt man das. Ich treffe jemanden und dann lege ich los. Genau dafür sind Rentner weithin gefürchtet, also fürs Leuten ungefragt die ganze Lebensgeschichte erzählen.  

Meistens meldet sich in solchen Fällen ein leises Stimmchen in meinem Kopf. “Halt die Fresse” sagt das Stimmchen. Aber ich hör nicht drauf. „Lass mich doch reden“, antworte ich dem Stimmchen „…und halt selber die Fresse.“

Ich weiß wieder, wovon ich vorgestern Nacht geträumt habe. Nämlich dass ich gegen mich selbst “Mensch ärgere dich nicht” spielte. Ich habe das nicht nur ansatzweise geträumt, als Idee, oder Gag. Sondern ich habe das komplette Spiel geträumt. Rote gegen grüne Männchen. Jeder einzelne Wurf und jedes Feld das da vorgerückt wurde und zwar komplett von Anfang bis Ende des ersten Drittels. Also einer der Grünen war kurz davor nach Hause zu kommen, aber er hatte einen Roten im Nacken und ich hatte gewürfelt und war gerade am Auszählen, ob ich mich lieber rauswerfen sollte, oder versuchen sollte, Vorsprung zu bekommen, als ich schweißgebadet erwachte.

Die erste Packung von zwei Packungen der psychedelischen Pilze, ist an Tag drei fast aufgebraucht.

Ich halte mich ansonsten aber streng an die Regeln auf der Packungsbeilage (no alcohol, caffeine, or drugs)

und verzichte auf Alkohol. Ich trinke nichts, außer gestern Abend zwei, drei Glas des pfälzischen Spätburgunders, den ich zu diesem Zwecke in meinem Aldibeutel mit zum Treffpunkt “Späti” genommen hatte.

Denn ich trinke kein Späti- Bier mehr und irgendwas muss man am Späti doch trinken und darum nahm ich Glas und Flasche mit, weil ich da kurz den Rich treffen wollte, der Bier am Späti trank und mich deswegen gefragt hatte, ob ich hinkomme.

Ich sage das nur, wegen des Witzes, dass aus dem Spätburgunder, Spätiburgunder wurde und Spaß muss sein.

Wenn ich Rich treffe, höre ich auch kein Stimmchen im Kopf, das „Halt die Fresse zu mir sagt“, denn wenn ich Rich treffe, komme ich nicht zu Wort, höre ich also nur dem Rich sein Stimmchen und das ist ja auch mal ganz schön und dann kam das Ordnungsamt und scheuchte die Menschentraube, die sich vor dem Späti gebildet hatte, auseinander und ich ging rasch wieder nach Hause.

Als ich zu Hause ankam, bemerkte ich, dass ich gar nichts mehr merke. Also weder merkte ich irgendwas von den angeblich psilocybinhaltigen Pilzen, noch vom Spätiburgunder und ging früh zu Bett.

Nichtmal besonders gute Laune bekomme ich von den Pilzen, denn als ich heute Morgen mit dem Fahrrad einen kleinen Schlenker fuhr, weil da ein bärtiger Mann seinen Wagen einparkte, liefen mir sofort die Tränen übers Gesicht, weil ich bei seinem Anblick an jemand anders mit Bart denken musste, der auch einen Führerschein hat und es war so, als wäre die Sache mit ihm erst gestern passiert, oder als würde er mich direkt vor einer Sekunde verlassen haben und nicht vor ein paar Monaten. 

Also habe ich mir erstmal einen Kaffee gekauft, obwohl man das nicht soll, wenn man die Pilze nimmt.

Aber was sollen denn das für Pilze sein, wenn ein bißchen Kaffee ihre Wirkung zerstören könnte.

Es war ja auch nur Cappucchino, also mehr Milch als Kaffee und was bringt Kaffee eigentlich.

Ich merke davon jedenfalls nichts.

Ich bemerke die Wirkung von Cappucchino nur in dem Moment, in dem ich ihn trinke, weil sich das angenehm anfühlt, weil er gut schmeckt, besonders, wenn ich sehr viel Zucker auf den Milchschaum gekippt habe. Der Capucchino vom Barista aus der Oderberger schmeckt so gut, dass ich das nächste Mal lieber gleich zwei nehme. Aber ich werde davon auch nur so lange was merken, wie sie sich in meinem Mund befinden. 

Ich liebe Kaffee und besonders Cappucchino und besonders den vom Barista aus der Oderberger, aber um länger was davon zu merken, müsste ich den wohl konstant den ganzen Tag trinken, also konstant durchgehend den ganzen Tag lang Capucchino im Mund haben und das geht ja nicht. 

Ich merke nichts. Weder Pilze, Burgunder noch Kaffee können mich entnüchtern.

Zuhause habe ich den Wellnessgedanken aber fortgesetzt.

Das ist gut, denn ich habe viel zu tun, extrem viel zu tun und dabei soll mir die konstante psychedelische Pilzzufuhr eigentlich helfen, also sie soll mir Kraft geben, zur Bewältigung meiner Aufgaben und mich nicht in unbewältigte Traumata zurückbefördern, oder zum Cappucchinotrinken verführen, aber gegen Wellness und Selfcare ist nichts einzuwenden und darum habe ich mir sofort nach der Ankunft zu Hause, den alten zerknautschten Ligne Roset Sessel aus Schaumstoff auf den Balkon in die pralle Vormittagssonne gewuchtet und verharrte dort vollkommen untätig.

Und verdrängte auch die Erinnerung an die Worte des bärtigen Mannes, den ich vorletztes Jahr um die gleiche Zeit etwa, mal nachts nach Hause schicken musste, wegen nächtlicher unerträglicher Unverschämtheit und als er ging, sagte er noch, dass ich ein Spatzenhirn hätte und er sich eigentlich vormittags noch auf meinem Balkon hatte sonnen wollen.

Daran muss ich, Pilze hin oder her, jedes Mal denken, wenn ich mich auf meinem Balkon sonne, wenn ich mein Spatzenhirn in der Sonne brate, dann denke ich kurz an ihn und sein Spatzenhirn und dann gar nichts.

Das soll man auch, das steht auch auf der Pilzpackung:

„Spend time in nature and become aware of your breath“

Ich zog mich also aus und legte mich in den weichen Sessel und sonnte mich und streckte mich aus und wurde mir meines Atems bewusst und legte die Arme über den Kopf und löste das Haar, also ich nahm den Zopfgummi raus und band meine Handgelenke damit zusammen.

Wie praktisch, dachte ich. So gefesselt konnte ich die Arme entspannen, konnte ich einfach so ausgestreckt daliegen, mit über dem Kopf zusammengebundenen, entspannt abgelegten Armen.

Ja, dachte ich. Wenn niemand mich fesselt, muss ich mich eben selber fesseln. Und wenn kein Mann mich liebt, dann muss ich mir die Liebe eben überall suchen, als wäre ich eine Nonne oder Christin, oder sonstige religiöse Person.

Muss ich mir die Liebe aus den Sonnenstrahlen holen und aus dem Vogelgezwitscher und aus meiner weichen Bettwäsche und muss ich sie aus dem Cappucchino saugen und aus dem Anblick meiner nackten Beine extrahieren und aus dem Gefühl meiner mit dem Haargummi gefesselten Handgelenke und aus der Erinnerung und aus allem anderen sonst.

Mir fiel das Zitat von Lauren Eden ein: 

“When you are not fed love on a silver spoon, you learn to lick it off knives”. 

Ich würde zum “knife” noch “rusty” hinzufügen, denn wenn es schon ein silberner Löffel ist, dann muss es auch ein rostiges Messer sein. 

Ich weiß auch nicht warum, das ist mein Unterbewusstsein, mein Unterbewusstsein will es so, mein Unterbewusstsein will, dass das Messer rostig ist. 

Vielleicht wegen der phonetischen Nähe zu dem verschollenen rotbärtigen alten Mann mit den schmutzigen Geheimnissen, der also ein Ritter Blaubart ist, bzw. ein Ritter Rotbart, oder Rostbart, oder auch “Ritter Rost”, also ein “Rusty Knight” eben und von da ist es nicht weit zu den lusty nights mit dem rusty knight, in denen ich lernte, Liebe und auch sonst so manches von ihm zu lecken. 

Aber die Liebe für alle, die vom rostigen Messer, das ist die göttliche Liebe, die Liebe für die Armen, die Liebe, die überall zu haben ist und um sie zu spüren und sich von ihr getragen zu fühlen, bedarf es der allumfassenden mythologischen Urkraft der psychogenen Pilze, von der ich nichts merke.

1 comment

  1. Liebe Frau ❤berg,

    Aber der Leser merkt, dass Sie was merken müssen, am Schreibstil. Der ist so locker pilzig heiter, also müssen die Pilzlein doch ihre Wirkung zeigen. Die haben sozusagen ne Doppelwirkung, ein mal auf die Person, welche sie konsumiert und auf die Person, welche die Texte der Pilznascherin liest.

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