Microdosing Protokoll Teil 19

Ostermontag.

Berlin.

Mit der Freiheit ist es nun vorbei. Gleich kommen Spongebob und Patrick wieder zurück. Mutter sagte am Telefon, dass alles ok gewesen sei. Bis auf den letzten Abend. Bockig seien die Kinder gewesen. Hätten sie angelogen. Behauptet, sie hätten sich schon die Zähne geputzt, aber hatten sie gar nicht. 

“Macht gar nichts.” sagte ich. “Wollt ihr nicht noch etwas bleiben?” 

Aber Mutter lehnte überraschenderweise mein Angebot ab, noch etwas mehr Zeit mit ihren schlechtgelaunten Enkelkindern im Schneeregen, in einer ausschließlich ofenbeheizbaren Zero- Komfort- Kate mit Außenklo zu verbringen

Mein Roman lässt niemanden kalt. Regelmäßig gestehen Leser*innen das kleine grüne Buch “verschlungen” zu haben, oder es in “einem Rutsch durchgelesen”, oder wie im Rausch in einer Nacht verzehrt zu haben. 

Dabei hätten sie lachend und weinend, die Protagonist*innen aufwecken, anschreien, kneifen, schlagen, schütteln und verdreschen wollen.

Überhaupt seien Protagonistin und Protagonist eine Schande für die ganze Gattung. 

Kein Mann will nach der Lektüre meines Buches, mehr dem männlichen Geschlecht des Protagonisten angehören und alle Frauen schämen sich, ebenfalls Weib zu sein, wie die Protagonistin. 

Das ist doch ein schöner Erfolg. 

Was für eine durchschlagende Wirkung. Auch wenn man bedenkt, dass es sich um einen Roman handelt und keinen Tatsachenbericht.

Die heftigen Reaktionen zeigen mir, dass es richtig war, die zugrundeliegenden Tatsachen zu entdramatisieren, die Abgründe zu verflachen, die Fallhöhe rauszunehmen. 

Meistens ist es ja umgekehrt.

Also wenn aus Stoffen Literatur wird, dann bemüht man sich um Zuspitzung, Dramatisierung, Verdichtung und Übertreibung. 

Nicht so bei #wmmemuw.

Da musste ich untertreiben, abflachen, entdichten. 

Sonst hätten die Story nur Akkreditierte mit Presseausweis, im Strahlenschutzanzug mit Quarzhandschuhen unter ärztlicher Aufsicht und durch Attest bescheinigtem Nachweis geistiger und körperlicher Gesundheit, sowie aktueller Impfbescheinigung, auf Antrag lesen dürfen. 

(Wenn sie vorher -notariell beglaubigt- unterschrieben haben, dass sie über Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre aufgeklärt wurden und infolgedessen auf rechtliche Schritte gegen die Autorin, aufgrund von möglichen psychischen oder physischen Folgeschäden durch die Lektüre, verzichten und die Autorin keine Haftung für etwaige derartige Schäden übernimmt.)

Zum Abschluss noch eine Fake- Lebensweisheit, die nichts mit dem Zuvor- Geschriebenen zu tun hat:

Dass man gleich das richtige Bauchgefühl hatte, weiß man immer erst, wenn man nicht drauf gehört hat.

2 comments

  1. Das mit dem Bauchgefühl klappt jetzt auch andersrum. Ich hatte das leise Gefühl, und die Angst, und ich bin dadurch gegangen, ohne mich zu riskieren, mich in dem Abgrund zu werfen. In der Realität: Vorgestern den potentiellen nächsten Fuckboy losgeworden, ohne mich diesmal verletzten zu lassen. Ich war dieses Mal bei mir. Es war verwirrend, ja. Es hat mich zwei Wochen gekostet, um mich zu verstehen. Die verletzende Geschichte davor war drei Jahre, die davor acht. Das nur am Rande. Es geht auch andersrum. Von dieser letzten Erfahrung habe ich gelernt, meinem Bauchgefühl zu vertrauen und mir die Zeit lassen, die Zeit nehmen, aber mir allem auszusprechen, wenn meine Grenzen absichtlich übergangen werden, ohne dass ich das erlaubt habe oder wollte. Als die Geschichte aufflog, war ich erst geschockt, und dann mächtig stolz auf mich. Ich hatte nie diesen Stolz gefühlt. Ich mag es. Ich mag es, mich zu fühlen, von innen. Nicht wie mich die anderen wahrnehmen und versuchend, mich anzupassen, um gemocht zu werden. Es sind ganz andere, neue Erfahrungen. Es ist hoffnungsvoll, wie der Frühling.

    1. Gratuliere.Ja, man muss den Schuften Einhalt gebieten. Gibt ja keine soziale Kontrolle mehr. Irgendwann hat man gelernt die Red Flags zu sehen und rechtzeitig auszusteigen. Traurig, aber wahr.

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