Microdosing Protokoll Teil 16

Montag.

Berlin.

Ich habe schon wieder einen freien Abend.

Habe aber meinem Schwarm nichts davon gesagt, weil ich jetzt erstmal durch mit meinem kleinen Spielchen bin.

Welches Spielchen? Na das: 

Ich laufe uninteressierten Blödmännern hinterher und schreibe ihnen peinliche Nachrichten, oder unterwerfe mich ihnen bei fortschreitender Bekanntschaft, auf jede von ihnen gewünschte oder auch nicht gewünschte Art, um zu sehen, ob und wie sie sich die Blöße geben, sich mir daraufhin überlegen zu fühlen und wie weit sie es dann treiben, wenn sie sehen, dass ich sie gewähren lasse.

Und vielleicht war es das, was Jesus damit gemeint hatte, dem Gegner auch noch die andere Wange hinhalten zu sollen. 

Nicht etwa, um aus der Auge um Auge- Zahn um Zahn- Nummer herauszukommen.

Sondern, weil Jesus so pervers war wie ich. 

Weil er sehen wollte, ob der Angreifer wirklich so weit gehen würde, nochmal zuzuschlagen und sich damit endgültig und nachweislich ins Unrecht zu setzen und weil Jesus sich dann daran ergötzen wollte, wie sich der Gegner, durch den einfach auszuführenden Zusatzschlag, auf die ihm noch zusätzlich extra hingehaltene Zweitwange, des von ihm für blöd gehaltenen Gottessohnes, mit Schuld und Schande belud und dadurch weniger Jesus, sondern viel mehr sich selbst, entwürdigte und beschmutzte.

Ein perverser kleiner Trick, so wie er auch in dem Comicstrip von F. K. Waechter in seinem Buch: “Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein.” zu besichtigen ist: 

Zwei Männer sitzen miteinander am Tisch und der eine sagt zum anderen: 

Ich glaube, mein Kopf schrumpft, kannst Du mir helfen? 

Und der andere sagt: Solche Probleme meistere ich mit einem Finger! und schnipst ihm dann den Schrumpfkopf einfach weg. 

Woraufhin der andere den echten Kopf aus dem Sakko herausstreckt und sagt: Angeschmiert!

Aber das Spielchen ist auf Dauer langweilig, weil ich ja nie auf richtige Gegner treffe. Also nur auf so halbbewusste Zombies, die richtungslos durchs Leben taumeln und dabei zufällig mit mir zusammenstoßen und das gar nicht bemerken, das hier eine Wange getroffen wurde und zwar meine. 

Und wenn ich mich denen, aufgrund meines perfiden, perversen Sadismus nochmal absichtlich in den Weg lege, um sie beschmutzen und zu demütigen, dann merken sie das natürlich auch nicht, dass sie gerade korrumpiert und entwürdigt werden, sondern dann stoßen sie komplett unberührt eben nochmal mit mir zusammen und das wiederholt sich so lange, wie ich Lust auf dieses traurige Schauspiel habe und wie lange meine linken und rechten Wangen das aushalten.

Weiter ist da nichts. Vermutlich war es das, was Hannah Ahrendt mit der “Banalität des Bösen” meinte.

Aber ich kann ja an meinen freien Abenden auch mal Wäsche aufhängen, oder Musik hören oder weder noch.

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