Microdosing Protokoll Teil 15

Sonntag.

Berlin.

Meine Ehre heißt Treue, da bin ich nicht anders als die SS. Verliebt ist verliebt und ich verliebe mich doch so selten und deswegen habe ich meinem Plattformcrush nochmal geschrieben. 

Nämlich, dass ich heute Abend überraschenderweise doch Zeit hätte.

“Mist! Jetzt habe ich mir doch schon was anderes vorgenommen, verdammt!” antwortete er. 

“Oder eine Andere 😭” antwortete ich und erzitterte innerlich. 

Jetzt hatten wir also unsere erste Beziehungskrise, obwohl wir uns doch noch nie begegnet sind und uns, außer zwei bis drei durch Verbalverkehr erzeugten Orgasmen, noch nichts miteinander verbindet. 

Aber er konnte mich diesbezüglich beruhigen und so sehe ich einem wahrscheinlich baldestmöglich stattfindendem Treffen gelassener entgegen. 

Obwohl ich trotzdem vermute, dass seine Ehre nicht Treue heißt. Andererseits hat er ein Auto und ein Haus und davon will ich was abhaben und darum muss ich an der Sache dranbleiben, obwohl ich weiß, dass es keinen Sinn hat und ich schon jetzt alles verdorben habe. Also, mein Beziehungs- und Sexualleben der Situation von Kafkas Landvermesser in “Das Schloss” gleicht.

Was solls, dachte ich, wenn wir schon dabei sind, schmutzige Wäsche zu waschen, kann ich meinem Crush auch gleich noch schreiben, dass ich sowieso nicht den Eindruck habe, dass er an real life Treffen interessiert wäre, was er aber bestritt, woraufhin ich sagte, dass ich hoffnungsfroh einem konkreten Datevorschlag seinerseits harren würde und seitdem harre ich hoffnungsfroh vor mich hin und ging an meinem freien Abend früh schlafen.

Auch aus gesundheitlichen Gründen. Ich kann mich nicht jedes Wochenende makrodosisch zerlegen lassen, wenn ich mich doch danach nicht regenerieren kann und wieder in voller Kraft als alleinerziehende Mutter zur Verfügung stehen muss und möchte.

Insofern kann ich auch froh sein, dass ich weder geistig noch körperlich zerlegt wurde. Also durch eine Person, die es nicht ernst meint. Damit würde ich doch noch weniger zurechtkommen, bei meiner aktuellen Labilität, dass jemand NACH, statt ANSTATT der Zerlegung auf Abstand geht. 

Insofern kann ich meinem Plattformcrush dankbar sein, dass er mich nicht treffen kann und mich somit vor mir selbst beschützt, denn Sex ist eine zu harte Droge, um davon abhängig zu sein.

Aber ich bins ja trotzdem, auch wenn sie mir verwehrt wird. Wahrscheinlich deswegen, weil ich an den falschen Orten danach suche. Obwohl ich dachte, eine Dating- Plattform wäre der richtige Ort dafür.

Aber ich habe auch keine Lust mehr, weiter zu suchen. Aus Angst, wieder enttäuscht zu werden, weil ich doch dafür gar keine Kapazitäten mehr habe. Wodurch mir die Lust und somit die Leichtigkeit fehlt, mich auf die Suche nach dem zu begeben, was ich so gerne hätte und so sehr entbehre und so unbedingt bräuchte, um mich komplett zu fühlen und den Anforderungen des Lebens gelassen entgegen zu blicken.

Nach Enttäuschungen soll man immer aufstehen und weitermachen, wie Sisyphos. Oder “besser scheitern”, wie es Beckett empfahl. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht mal das gelänge mir. Also, statt besser zu scheitern, würde ich immer schlechter scheitern. 

Aber ich weiß, das wird so lange passieren, wie ich zu hohe Erwartungen habe. Ich müsste also, mit mit Lust und Leichtigkeit und weniger Erwartungen, an anderen Stellen nach Möglichkeiten zur Befriedigung meiner Gelüste, oder gar nach der Liebe suchen und dafür müsste aber die Pandemie beendet werden und Eric Blanc sich wieder die Kinderbetreuung fifty-fifty mit mir teilen.

Aber das sind Parameter, die ich nicht ändern kann und auf die ich keinen Einfluss habe.

Ich lasse die Dinge deswegen weiterhin auf sich beruhen, obwohl es mir manchmal vorkommt, als würde ich es keine Minute länger aushalten, die Dinge auf sich beruhen zu lassen.

2 comments

Kommentar verfassen