Meine schlimmste Lesung

Als ich am Sonntagmorgen ins Taxi Richtung Bahnhof stieg, dachte ich noch, ich hätte alles im Griff. Obwohl ich in der Nacht nicht geschlafen, sondern sie in einem leicht räudigen Berliner Techno- Punk-Schuppen durchtanzt hatte, in einem abseits liegenden Industriegebiet, irgendwo im Nirgendwo. Wieso es mich dorthin verschlagen hatte und mit wem eigentlich, weiß ich nicht mehr.

Um die Mittagszeit herum würde ich Studenten in einer Kreisstadt östlich von Berlin drastische Stellen aus meinem Roman vorlesen, dachte ich. Man hatte mich und andere Künstler zu einem "Humoristischen Uni-Kulturfrühstück in der Mensa" eingeladen. Jeder von uns sollte zweimal fünf bis zehn Minuten einen Text vorlesen oder etwas singen, je nachdem eben. Angenehm, nett und easy, dachte ich, und leichtverdientes Geld dazu. Und vor allem überhaupt kein Grund, am Vortag früh ins Bett zu gehen.

Mein Debütroman "Wie man mit einem Mann unglücklich wird" ist voller Sex, Drugs & Rock 'n' Roll. Also genau wie ich und mein studentisches Publikum an diesem Sonntagmittag, glaubte ich. Vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich feiere ich danach mit denen weiter. Ganz bestimmt werde ich gar von einem heißen polnischen Maschinenbaustudenten abgeschleppt. Und dann werden wir Sex auf einem wackligen Kiefernholzbett im Studentenwohnheim haben. So schwebte es mir in krassester Deutlichkeit vor, und ich freute mich darauf.

Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Kleider schon auf dem dunkelgrauen abgetretenen Spannteppich verstreut liegen. Im Anschluss spielen wir Ballerspiele an seinem hochgetunten PC, sagte ich mir. Ich hatte schon seit Jahren nichts mehr mit einem PC- Inhaber. In Berlin haben ja alle nur noch Macbooks. Ich war euphorisch.

Bis zu dem Moment, als ich den Taxifahrer bezahlen wollte und mir auffiel, dass ich im Club sowohl Handy als auch Portemonnaie verloren hatte. Zum Glück konnte ich den Fahrer überreden, mich zwecks baldestmöglicher Überweisung der Schuld auf Facebook zu adden. Ob und wie ich das Zugticket bezahlt habe, erschließt sich mir nicht mehr. Aber immerhin erreichte ich, wie geplant, um die Mittagszeit besagte Kreisstadt.

Es war kalt hier, viel kälter als in Berlin und somit kälter als erwartet. Und der Weg vom Bahnhof zur Uni war viel weiter als vermutet. Wahrscheinlich, weil ich mich einige Male verlaufen habe. Weil ich unterwegs niemandem begegnete, den ich nach dem Weg hätte fragen können. Als ich endlich das Universitätsgebäude betrat, einen im Optimismus der 50er-Jahre strahlenden Bau der Ostmoderne, war ich trotz der Kälte verschwitzt, entnervt, übermüdet und abgekämpft. Ich wusch ich mir in einer Toilette hastig das Gesicht und erneuerte Make-up und Mascara. Dann erklomm ich die breiten Treppenstufen nach oben. Meine Schritte hallten durch die weitläufige Menschenleere, als ich Richtung Mensa eilte.

Die Veranstaltung hatte schon begonnen. Im Vorübergehen schaffte ich es noch, mir im Flüsterton von einer seitwärts aus einer Luke schauenden, unnötig mürrischen Großküchenfee eine Flasche des örtlichen Biers zu ergattern. Die Kollegen warfen mir gestresste Blicke zu, als ich in ihrer Mitte Platz nahm, an einem seitlich von der Bühne gelegenen Tisch. Dort saßen wir, sozusagen Schulter an Schulter, Auge in Auge mit unserem Publikum.

Ich sah nun, dass es aus mehreren Hundert oder gar Tausenden - überwiegend grauhaarigen - Menschen bestand. Kein heißer Maschinenbaustudent weit und breit. Stattdessen Scharen von rechtschaffenen gepflegten ostdeutschen Rentnerpaaren. Dazwischen rotwangige Enkelkinder, schätzungsweise höchstens zehn Jahre alt.

Sie waren gekommen, um Brötchen mit Käse zu verzehren und dabei mit Reimen und Sanftheit beglückt zu werden

Man hatte die Mensatische zu kilometerlangen Tafeln aneinandergeschoben, auf denen sich bis zum Horizont Thermoskaffekannen und blasse Brötchenhälften reihten, sowie Aufschnittplatten mit Salami, Butterkäse und schmückender Petersilie. Dazwischen dunkelroter Marmeladenglibber in gefüllten Schälchen. Kaffeedunst und Geschirrklappern überwölbte die Szenerie.

Oh weh, dachte ich. Die haben ihr Leben lang hart gearbeitet und befinden sich nun im wohlverdienten Ruhestand. Die haben ein Anrecht auf positive, schöne und hochwertige Unterhaltung. Die sind hergekommen, um Käsebrötchen zu verzehren und dabei mit Melodien, Reimen und Sanftheit beglückt zu werden. Und vielleicht auch mit ein paar zum Nachdenken anregenden, zarten Impulsen. Vorgetragen von soliden, nüchternen und integren Menschen, bescheidenen Arbeitern im Weinberg des Herrn.

"Ich kann denen doch nichts aus meinem von neurotischer Toxizität, krankhafter Geilheit und triebgesteuerter Verblendung triefenden Roman-Albtraum vorlesen", dachte ich. "Ich kann sowieso nicht auf die Bühne", dachte ich. "Oh nein. Das geht nicht, das passt nicht. ICH, eine bis zum Anschlag mit illegalen Drogen vollgepumpte Berliner Kaputte, ohne Portemonnaie, Handy und Verstand."

Während Kollege nach Kollege die Bühne betrat und auf einfühlsame Naturgedichte mildes politisches Kabarett am Piano folgte, durchblätterte ich zunehmend nervös mein Machwerk. In der Hoffnung, darin plötzlich auf eine besinnliche Naturbeobachtung zu stoßen oder wenigstens auf eine launige kleine Alltagsglosse. Ich blätterte und blätterte und blätterte. Aber auf jeder Seite war nichts als eitel Krankheit, Gier, Perversion und psychische Gewalt.

Der Lokalmatador trug seine aktuelle Regionalzeitungskolumne im örtlichen Zungenschlag vor, zwei Typen in Streifenpullis und Schiebermütze sangen scherzhaft Gereimtes zu Ukulele und Gitarre. Weder das Armageddon noch ein plötzliches Erdbeben und nicht mal eine Terrorwarnung wollten mich vor meinem Auftritt bewahren. Schließlich war ich dran.

Wankend betrat ich die Bühne und schritt ich zum Mikrofonständer. Meine Hände zitterten, ich hatte Probleme mit der Atmung und das Gefühl einer nahenden Ohnmacht. Aber es musste ja sein, es ging ja nicht anders. Also zog ich es durch. Ich öffnete mein Buch und las, was zu lesen war. Mit dem spärlichen Applaus war es schon vorbei, bevor ich die Bühne verlassen hatte.

Als ich kurz danach in der Pause allein im Foyer durch die Glasfenster auf die Plattenbauten gegenüber schaute, stand plötzlich einer der komischen Streifenpulli-Musikanten neben mir. Er war mir gefolgt, und es gelang ihm, mich in eine Art Geplauder zu verstricken.

Kann sein, dass ich mich währenddessen fragte, ob sein Haar unter der Schiebermütze schütter zu werden droht. Kann aber auch sein, dass ich für ein paar Sekunden froh über seine Gesellschaft war. Aber so froh dann auch wieder nicht.

Denn als er mich plötzlich umfing und versuchte, mir seine Zunge in den Mund zu stecken, schob ich ihn geschockt weg. "Spinnst du? Was soll das?", rief ich. "Ich dachte, ich probier's mal bei dir", erwiderte er mit schamlosem Gleichmut oder gleichmütiger Schamlosigkeit. Ich ließ ihn stehen.

Trotzdem steckte er mir während des zweiten Veranstaltungsteils eine zellophanumhüllte CD zu. Die neueste Scheibe des Duos. Seltsamerweise habe ich die CD mit nach Hause genommen, anstatt sie gleich vor Ort zu entsorgen. Ich habe sie erst vor Kurzem weggeworfen, als sie mir beim Aufräumen plötzlich in die Hände fiel. Nach wie vor jungfräulich mit Zellophan umhüllt. Witzige Fische mit Lesebrille schmückten das Cover.

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