Lyrisches Ich

„Georg ließ den Blick schweifen, stand da, die Stirn an die Scheibe gepresst, welche nur noch von wenigen Artefakten trockener grauer Kittklümpchen in dem klapprigen halbverwitterten Fensterrahmen gehalten wurde. Einst war er über und über und über von hellblauer Farbe bedeckt gewesen, nun schimmerte an etlichen Stellen das von der Sonne gebleichte, über hundert Jahre alte Fichtenholz hindurch. Hinter dem Glas befanden sich die Ausläufer eines verwilderten Gartens, der jäh hinter einem halb niedergetrampelten Lastenzaun endete, der mit letzter Anspannung schräg in die Landschaft ragte, wie ein verfrühtes Ausrufezeichen.

Aber der Feldweg strebte desungeachtet weiter, in ungerührtem Slalom bis hin zur Flußbiegung, die sich hinter den gebeugten Kronen der Grauweiden erahnen ließ.

Es war still an diesem Morgen, doch in der pollengeschwängerten Luft, die das Haus mit Georg und allem was darin war, genau so freigiebig füllte, wie die es von allen Seiten wie Vorboten umgebenden Hügel, war schon die unbarmherzige Frequenz der Mittagshitze erahnbar.

Georg nahm es nicht wahr. Er hielt einen kleinen Gegenstand ins Licht.

Misstrauisch musterte er die letzten Tropfen brennbarer Flüssigkeit, im transparenten Bauch eines herkömmlichen blassroten Feuerzeuges. Ein Allerweltsartikel, aus chinesischer Massenproduktion, eines von unzähligen identischen Klonen, die werweißwo werweißwieviele Funken emissionierten.

Es war einst von Samira beiläufig erworben worden, in den späten Abendstunden eines lang vergangenen Herbsttages. Georg hatte es am nächsten Morgen neben dem Bett entdeckt, nachdem sie gegangen war, sie hatte sich mit einem langen Kuss verabschiedet und das Feuerzeug nicht mitgenommen.

Nun hielt er es in den Händen, es war rot wie diese Blumen, die Samira so liebte, eine seltene Sorte, er kam nicht auf den Namen.

Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, dem Feuerzeug ein Flämmchen zu entlocken, um die letzte Filterlose anzustecken, die er aus einem zerknüllten Päckchen gefischt hatte.

Nachdem er ein paar tiefe Züge inhaliert hatte, dabei dem graublauen Rauch nachsinnend, der sich freudig im Inneren der kleinen Stube ausbreitete, wie freigelassene Schlittenhunde am Nordpol nach einem Jagdtag, verschwand er ebenso rasch wie er aufgetaucht war. Für ein paar Sekunden blieb er im Ausgang stehen, seine hagere Silhouette füllte den Türrahmen wie ein Gemälde.“

Ja, dieser Text ist von mir. Ich hab den Dreh jetzt raus.

Ich kann mir ab jetzt deutsche Gegenwartsliteratur aus den Fingern saugen, ja sie einfach so, mirnichtsdirnichts aus dem Ärmel schütteln 😍

Und das, nachdem ich mich eine Nacht lang mit der Materie befasst habe. Atemberaubend!

Hä? Wie? Was meint sie? Was ist los???

Am besten ich fange noch mal an.

Also:

Nach einer oberflächlichen nächtlichen Recherche, also der Durchforstung von über 30 Leseproben von hochgelobten Titeln, die in den letzten drei Jahren bei namhaften Verlagen, luchterhandrowohltfischerdiogenes etc.pp erschienen sind, habe ich folgenden Gesamteindruck:

Seit @lottmannjoachims Buch „Happy End“ hat sich nicht viel geändert, in der deutschen hochwertigen Gegenwartsliteratur.

Höhere Töchter und Söhne, immun gegen und unberührt von jeglicher Art von Esprit oder Lebendigkeit, verfassen seitenweise lyrische Natur- Wetter- und Weg- und Möbelbeschreibungen.

Licht fließt, Himmel liegt, Seegras liegt herum, Tropfen tappen, Räume atmen Abwesenheit.

Es wird viel Gras gemäht und immer blättert irgendwo Farbe ab.

Dazwischen geht es um Schuld, Krankheit, Tod, Verlust und dunkle Vergangenheit.

Lebenswege überkreuzen sich und kein Möbelstück, keine Pflanze bleiben unerwähnt.

Über hunderte Seiten werden so in einem gleichbleibenden Tonfall melancholischen Singsangs, in gleichmäßig plätschernder Abfolge, Haustüren, Couchgarnituren, Menschen, Mahlzeiten, Erinnerungen, und diverse Mikrohandlungen aneinandergereiht.

Ohne Spannungsbogen, Witz, Tempowechsel, oder Gedankengänge, dafür ausgesprochen lyrisch und metaphernreich.

Schlüssel werden in Schlösser gesteckt, Straßen machen Kurven, erblickt man Gesträucher, geht man über Wiesen, erinnert man sich an die Großmutter, werden Schultern gezuckt, Treppen erstiegen und spürt man Sand, Sonne, Wind an diversen Körperteilen.

Es handelt sich um Roman gewordene manufactum- Kataloge.

Nach dem ich beim Durchscrollen zum dritten Mal auf abblätternde Farbe und Windböen stieß, konnte ich der teuflischen Versuchung, Screenshots zu machen, nicht mehr wiederstehen.

Ab da war ich auf der Jagd nach “Stellen”, also auf der Suche nach den krassesten Beschreibungsorgien. Jetzt lag es auf der Hand, das Material zu remixen, zu einer Art Literaturporno quasi.

Dabei wie erwartet, festzustellen, wie leicht sich diese Texte ineinander mergen lassen, als würden sie nicht aus verschiedenen Büchern stammen, sondern als wären diese Bücher einfach nur Teile eines einzigen Romanes, war äußerst befriedigend.

Aber lesen Sie selbst:

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