Lohnt sich das?

Anstatt mich produktiv- kreativ zu betätigen, oder aufzuräumen, oder mich endlich um meine Angelegenheiten zu kümmern, sehe ich mir nächtelang das Format des bayerischen Rundfunks: “Lohnt sich das” auf Youtube an. Hier geht es um Berufe -Bäckereifachverkäuferin, Gitarrenlehrer oder Unternehmensberater beispielsweise. Also wie so jemand lebt und was er dabei verdient. Ich sehe und staune über den Lifestyle der Protagonist:innen. 

23jährige im ländlichen Raum, mit Acht- Stunden- Woche in fester Beziehung. Die mit Freundin/Freund zusammenleben und gemeinsam auf ein Eigenheim sparen. Die abends in kahler Küche miteinander am Esstisch Wurstbrote zum Abendbrot verzehren. 

Mittagspause, allein im Büro, am Schreibtisch, das Essen aus der Fußgängerzone oder der Kantine. Die Plastikschale neben die Tastatur gequetscht. Es sieht immer so aus, als wäre es permanent etwas zu kühl in den Innenräumen. Die unglaubliche Hässlichkeit der Interieurs. Die Oberflächen der Schreibtische. Das helle Holzimitat. Diese offenen Regale mit den Ordnern. Die Thermofenster. Die Aussicht. Wohnungstüren und Einbauküchen aus Holzimitat. Die Messerblöcke. Der graue Kachelboden. Das L- förmige Sofa und die Schwarz- Weiß- Fotodrucke an den Wänden. Mit Kieselsteinen drauf. Die porentiefste Sauberkeit. Wie im Krankenhaus. Aber es sieht alles so fußkalt aus. Genau wie die Salate, die sie sich pflichtbewusst und stolz schnippeln. Mich fröstelt beim Anblick der geschälten Gurken und den holländischen roten Paprikaschoten auf den Ikea- Plastikschneidebrettchen. Absolut nette Leute. Oh nein. Das ist einfach nicht meine Welt. 

Meine Welt ist natürlich auch nicht meine Welt. Neulich meinte ich zu einem Freund, dass es mir leichter fällt, meine Gefühle unter Drogeneinfluss zu meistern, also, nicht auf einen schlechten Trip zu kommen, wenn ich LSD nehme, als in der Realität nicht schlecht drauf zu kommen. In der Realität fühle ich mich manchmal so schwach, so verletzlich, so fragil, macht mir alles dermaßen Angst, dass ich mich einfach nur ins Bett legen will und mir die Decke über den Kopf ziehen und es auch tue, weil ich in dem Zustand doch sowieso nichts zustande bekäme. Schon deswegen wäre eine fünf Tage Woche mit acht Stunden Tagen nichts für mich. Da müsste ich mich ja andauernd krank schreiben lassen, wegen Unpässlichkeit. Aber als sozialversicherte Festangestellte, bekäme ich das von der Krankenkasse bezahlt, aber so passiert nichts und bekomme ich nichts und mein Konto ist leer und wird immer leerer und das macht mir Angst und deswegen kann ich mich erst recht nicht bewegen. 

Das ist natürlich ein Teufelskreis. 

Ich versuche, mich mit Selbstdisziplin, Atemübungen, Meditation, Vitaminspritzen und Bewegung zu befreien. 

Außerdem erhoffe ich mir viel davon, dass das Wetter irgendwann besser wird und ein Wunder geschieht.

Geldprobleme sind der Preis der Freiheit, sage ich mir, um mich zu trösten. 

Gehören klassischerweise zum Künstlerleben dazu. 

Wenn mir Geldmangel wirklich Angst machen würde, dann könnte ich ja auch eine solide Ausbildung abgeschlossen und einen normalen Job ergriffen haben und des Abends in trauter Zweisamkeit Wurstbrote verzehren und danach nochmal mit dem Hund raus. 

Aber das eine schließt doch das andere nicht aus. Es gibt doch auch arrivierte Künstler und ich bin einfach nur gescheitert und sonst gar nichts. Faul, feige, unverantwortlich und ein schlechtes Vorbild für meine Kinder und eine schlechte Mutter, weil ich ihnen zum Beispiel keinen Skiurlaub bieten kann, obwohl sie den mehr als verdient hätten und was können die für meinen gescheiterten Lebensentwurf?

Aber mit diesen Gedankengängen darf man gar nicht erst anfangen, ist doch klar. Sowieso, das sind Teenagergedankengänge, nichts Neues. Ich muss aufhören, das zu denken, denn davon bekomme ich nur Tinnitus oder Teenietusund sonst gar nichts. 

Ich brauche doch einfach nur unbeirrt und gutgelaunt, meinen Weg weiterzugehen. Brauche doch nur nicht gegen die Angst ankämpfen, mich aber von ihr auch nicht umwerfen lassen. “Stell dir einfach vor,” sage ich mir, “du wärest auf Trip und müsstest dich wieder gut drauf bringen. Also steiger dich nicht rein, sondern denk an was anderes und tu endlich was.”

“Ja klar, nachher, wenn ich endlich ausgeschlafen habe und ich nicht mehr so müde müde müde bin.” Naja und so dreht sich das im Kreis. Teenitus halt, sag ich doch.

In einem der sehr guten, sehr hilfreichen Selbsthilfebücher die ich gelesen habe,(wenigstens das!) stand in einem Kapitel, dass man natürlich keine Beziehung führen kann, wenn man mit so einem permanenten Gefühl eines Liebesmangels herumläuft, weil den ja im Grunde niemand stillen kann und deswegen würde man dann immer wieder entweder in toxische Dynamiken geraten, oder in gar keine. Man müsste also gewissermaßen die Bindungssehnsucht, den Bindungswunsch erstmal überwinden, bzw. aus sich selbst heraus stillen, um dann frei und mit klarem Blick im Außen agieren zu können usw. usf. 

Über Geldmangel gab es kein Kapitel, aber ich vermute man kann die Problematik und deren Lösung eins zu eins übertragen: Man muss den Geldmangel, die Geldangst, die Geldsehnsucht erstmal in sich überwinden, bzw stillen, bevor man sich in eine stabile Beziehung zum Geld begeben kann. Wenn man hingegen permanent das Gefühl hat, in Sachen Wohlstand zu kurz gekommen zu sein, man neidisch auf Wohlhabende blick, man das Gefühl hat, in bezug auf Geld zu kurz gekommen zu sein, vom Geld zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, vom Geld ausgenutzt zu werden und dergleichen, dann kann es mit dem festen und sicheren Einkommen ja nicht klappen.

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Ich habe gestern zwanzig Pfennig gefunden auf der Straße. Also diese neuen Pfennige. Die waren ganz nass. Regen oder Hundepisse. Ich habe sie in meine Hosentasche gesteckt. Ohne sie vorher abzutrocknen.

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