Lichter an Enden von Tunneln

Sonntag.

Berlin.

Unbehagen hatte sie bei ihrem neuen Hobby, dem Anfertigen von perspektivisch mehr oder weniger korrekten Zeichnungen erfasst.

Es lag zum einen daran, dass sich die “Natur” dem Blickwinkel der Perspektive zu beugen schien.

Dass sie deswegen ganz einfach, mittels ein paar Hilfslinien fiktive Dreidimensionalitäten erzeugen konnte. 

Immer wenn sie jetzt den Blick hob oder senkte, sah sie nur noch, wie sich alles ringsum verjüngte. 

Die Welt fühlte sich seither eng an. Wohin sie auch sah, wie weit der Blick auch reichen mochte- alles war geschrumpft, reihte sich brav an Hilfslinien in Richtung Fluchtpunkt auf.

Es half auch nichts, den Fluchtpunkt zu wechseln. Sklavisch ordnete sich alles im Handumdrehen nach dorthin unter.

Die Reihe Pappeln in der Ferne: Klein. Die Sterne am Himmel: Noch kleiner. Das Licht am Ende des Tunnels: Winzig. 

Eine Straße entlangzugehen war jetzt, als fließe sie durch Trichter, bewege sich durch immer weiter verjüngende Tunnel. 

Wie Alice im Wunderland, die vom falschen Keks abgebissen hat, fand sie sich am Ende aller Wege vor ihrer winzigen Wohnungstür wieder, zog den Schlüssel aus der Hosentasche, so winzig, dass sie ihn kaum mit ihren monströs breiten Fingern ergreifen konnte und kroch auf allen Vieren in endlose Gemächer.

Dazu kam:

Wie irritierend leicht es ihr fiel, freihändig außerordentlich gerade Linien zu zeichnen, erzählte sie des Weiteren, ihrem Gesprächspartner…

Einem Unbekannten, dem sie vor einer oder zwei Zigarettenlängen auf einem Balkon begegnet war…

Ohne Zittern und Zagen verband ihre rechte Hand souverän weit auseinanderliegende Punkte. 

Warum entdeckte sie dieses verborgene Talent außerordentlicher zeichnerischer Präzision  erst jetzt und wohin sollte das führen?

Es mache ihr Angst, sagte sie dem Fremden, dass sie das Zeichnen derart befriedigen würde. 

Bisher habe sie ihren Lebensweg im großen und Ganzen jedenfalls…als einen immerwährenden Aufstieg und ewiges Voran begriffen.

„Echt?“ sagte er.

Ja.

Sie hätte ihn gern gefragt, nach welchem Konzept er lebe, aber erst in dem Moment, als sie sich an das Gespräch erinnerte. Nicht in dem Moment ihres Gespräches.

Aber dieses neuentdeckte Talent, passe nicht ins Bild.

Diese Gabe würde sich nicht mehr verwerten lassen, ihr nicht zum ersehnten Wohlstand oder stabilem Glücklichsein verhelfen können.

Ihr aber stattdessen, die Endlichkeit ihres Daseins vor Augen führen, denn was sollte sie jetzt noch damit anfangen.

Ihre Zeit war begrenzt und sie musste sich sputen, um auf ihrem eigentlichen Gebiet noch was zustandezukriegen, wenn überhaupt. 

Aber zeichnen? Das wäre ein Potential, dass sie nicht mehr würde nutzen können oder wollen.

Zu spät sei es, um sich jetzt noch das Können anzueignen, welches nötig wäre, um es auf diesem Gebiet noch zu etwas zu bringen.

Sie hätte nicht genug Potential, um sich dieses Potential zunutze zu machen. Alles in dieser Richtung wäre Zeitverschwendung und wovon und wann sollte sie dann ihre Miete bezahlen?

In der Kunst genüge es, Potential zu haben, erwiderte ihr Gesprächspartner. Aber ob man auch etwas können müsse, bleibe dahingestellt.

Die gigantischen Schlachtengemälde im Louvre beispielsweise. 10×7 Meter. Jedes Pferd perfekt und jedes Pferdehaar perfekt (mit Pferdehaarpinseln) gepinselt.

Die ließen einen doch kalt. Fügte ihr Gesprächspartner hinzu. Trotz perfekter Komposition und Ausführung.

Vollendete Kunstwerke seien hermetisch, sagte er.

Von der Glattheit des Perfekten würde der Blick abprallen.

Man übergehe darum derlei monumentale Meisterwerke, denn die vollendete Kunst sei keine mehr. Sei ab einem gewissen Grad der Vollendung zu Handwerk verfestigt und zu Fleißarbeit geronnen. 

Man renne durch die Säle, bis man an einer hastig gezeichneten Bleistiftskizze in einer Vitrine hängenbleibe.

Und sei dann sowieso sehr müde auf einmal.

Dieser Gesprächspartner dachte sie, der könnte sie vielleicht auch sonst interessieren.

Sie schaute ihn an und versuchte, zu erfassen, ob er eventuell in Frage käme. 

Aber sie konnte sich diese Frage nicht beantworten.

Obwohl er so dicht neben ihr saß, dass ihre Knie einander berührten, erblickte sie in ihm nichts weiter, als einen weit entfernten, sehr kleinen Fluchtpunkt.

Mehr konnte sie nicht erkennen.

Seitdem sie die Perspektive entdeckt hatte, (oder etwas früher oder etwas später), hatte sie die Perspektive verloren.

Was hieß: Sie sah nur noch Perspektiven und sonst gar nichts. 

Wohin auch immer ihr sehnsüchtiger Blick sich wendete:

In jeder Richtung sah sie nur Tunnel, an deren Enden winzige Lichtlein blinkten.

Außerdem irritierte es sie, wie leicht ihr dieses Gespräch fiel. 

Präzise verbanden sie miteinander sprechend, weit voneinander entfernt liegende Punkte.

Ihm ging es ähnlich.

Schon zu lange dauerte ihr Gespräch.

Man näherte sich beinahe einem gewissen Punkt.

Aber dies hier war eine Party und deswegen konnte das nicht ewig so weitergehen, man musste also den Absprung finden, sonst würde es so aussehen, als ob es auf etwas hinauslaufen würde.

Aber sie wusste nicht, ob dieser Mensch beispielsweise überhaupt gut aussehend war und wie sie selbst rüberkam, das hatte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Gespür und außerdem waren solche Typen immer liiert und er sowieso nicht ihr Typ und er hatte zuviel Niveau für das Naheliegende und ob da etwas nahelag, konnte sie nicht sagen, denn sie fühlte nichts dergleichen.

Daher nannten sie einander hastig ihre Namen und suchten anschließend schleunigst das Weite. 

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