Kein Brot, kein Böllerverbot

Mein Herz ist rein, mein Konto ist leer. Jedoch, womit es füllen? Aus welchem Quell soll ich schöpfen? Wie überhaupt noch jemals wieder etwas Monetisierbares erschaffen?

Ich bin so ausgeglichen mittlerweile, dass meine Kreativität versiegt ist. Statt irgendwas oder wenigstens mich zu produzieren, liege ich im Bett und lese.

Ich schalte tagelang nicht den Rechner ein. Vernachlässige meine Social- Media- Accounts. Gehe spazieren. Unterhalte mich mit Fremden. Besuche alte Freunde. Höre zu und erzähle was. Bin und bleibe gelassen. Mache mir keinerlei Notizen. 

Der Rachedurst, die Enttäuschung, der Liebeskummer, das Gefühl des ungerechterweise Zukurzgekommenseins, die Sucht nach Aufmerksamkeit und Bestätigung, das Selbstmitleid, der exhibitionistische Mitteilungsdrang und die Langeweile, der opfernarzisstische Hyperkritisierdrang sind weg. Kein Antrieb zum Schöpfertum ist mir geblieben. Aber das ist ja total egal. 

Was mich stattdessen nervt, ist die Politik, die den Ereignissen immer nur hinterherhechelt, bzw. so tut, als ob und dann doch nichts tut.

Wegen Silvester debattieren sie jetzt über ein Böllerverbot, was es sowieso nicht geben wird, weil ja alle der Meinung sind, dass es das nicht geben kann.

Oder man stellt Forderungen nach mehr Bodycams für die Polizei, oder oder oder.

Wenn ich mich recht entsinne, hat sich die Polizei vor ein paar Jahren noch erfolgreich mit Händen und Füßen gegen besagte Bodycams gewehrt, als es nämlich darum ging, dass diese auch dafür eingesetzt werden sollten, um Polizeigewalt zu dokumentieren. 

Wie überrascht sie jetzt alle tun. Hat sich niemand im Vorfeld Gedanken gemacht? Hat keiner was geahnt, hätte man nicht Polizeipräsenzen erhöhen, Sozialarbeiter proaktiv werden lassen, Ausrüstungen verbessern, Szenarien vorherahnen können?  

Musste der Staat seine Diener und Bürger in offene Messer laufen lassen? 

Oder ist sowas einfach nur eine weniger löbliche Nebenwirkung von Demokratie: 

So komplett unvisionär zu sein, im Gegensatz zu Diktaturen, wo das Leben der Menschen brutalst von oben her auf möglichst lange Sicht gesteuert wird. 

Kurz nach Silvester bin ich mit der U8 nach Neukölln gefahren und die U8 transportiert ja bekanntermaßen ein sehr diverses und migrantisches Publikum. Eine Fahrt mit der U8 ist immer intensiv, lässt selten kalt, im positiven, wie im negativen Sinne. (Man sollte mal ein Musical: “Linie 8” schreiben, als zeitgemäße Fortsetzung von “Linie1” sozusagen.)

In der U8 hingen, wie in allen Berliner U- Bahnen, diese Monitore mit dem U- Bahn- Fernsehen, was ja im Grunde gar kein schlechtes Programm ist, also eine krude Mischung aus Kulturtipps, Sport, Wetterbericht, Störungsmeldungen und Zeitungsschlagzeilen. 

Eine dieser Schlagzeilen stammte vom reißerischen Boulevardblatt B.Z. und lautete sinngemäß, dass die unkontrollierte Migration nach Deutschland dringendst schleunigst eingedämmt werden müsse und ich zuckte innerlich zusammen und schaute mich um und hoffte so sinnlos wie instinktiv, dass das gerade keiner von den zahlreichen migrantischen Mitfahrer:innen gelesen hatte. Also, stell Dir vor, Du kommst in ein Land, egal ob “unkontrolliert” oder nicht und du fährst U- Bahn und da wird öffentlich auf Monitoren irgendwie reißerisch gegen dich und/oder deinesgleichen gewettert, bzw. du wirst als dich und deinesgleichen bezeichnet, oder du fühlst dich als dich und deinesgleichen bezeichnet, und zwar als etwas Einzudämmendes.

Was die Zeitungen drucken, dagegen ist schwer was zu machen und soll es auch nicht, aber so ein U- Bahnwaggon wird ja nicht von der Springer- Presse betrieben, sondern von der BVG und die ist ja mehr oder weniger in staatlicher Hand, meines Wissens und darum sollte die bei sowas nicht mitmachen, dachte ich. Sowas kann sich hochschaukeln, und Yoga und Meditation genügen nicht jedem als Tool zur Regulation der Emotionen.

Bevor ich U8 gefahren bin, bin ich U2 gefahren und der Waggon war leer und an einer Station stieg eine alte Frau mit Maske ein und die ist direkt auf mich zugeschossen und fauchte mich an: „Maske! Maske!“. Zuerst habe ich nicht reagiert, aber sie blieb vor mir stehen und hakte nach: „Haben Sie keine Maske? Sie müssen eine aufsetzen!“

Ich sagte zu ihr, sie soll sich doch woandershin setzen, wenn sie das stört und dachte dann kurz, ob ich mich woandershin setzen soll, weil sie doch alt ist und vielleicht nicht gut zu Fuß, aber da hatte sie schon aufgegeben und schräg gegenüber von mir Platz genommen, wobei sie wütend unter ihrer Maske weiterbrabbelte und ich betrachtete ihr durchgestyltes Erscheinungsbild und kam zu dem Schluss, dass es ihr nicht um ihre Gesundheit ging, sondern um die Gelegenheit zur Zurechtweisung und ich dachte daraufhin des Weiteren, dass ich mich schon viel zu viel mit ihr befasst hatte und deswegen dachte ich dann an was Anderes und an der nächsten Station füllte sich der Waggon und ab da gab es einige mehr ohne Maske und es waren auch Männer dabei und zu denen sagte sie natürlich nichts und sie sagte überhaupt nichts zu niemandem und da tat sie mir kurz leid, aber dann nicht mehr.

Weil ich dachte, bei mir allein traut sie sich und zwar sofort als Allererstes und ganz impulsiv, aber wenn ich viele, oder gar ein zwei Meter großer Tätowierter mit dicken Muskeln und fettem Hund gewesen wäre, hätte sie nichts gesagt, von wegen keine Maske und immer bekommen es die alleinstehenden und die alleinreisenden Frauen aufs Dach und zwar von allen, egal ob von Mann oder Frau, fremd oder einheimisch, jung oder alt, weil da trauen sie sich nämlich alle, Sprüche zu machen und mal spontan Dampf abzulassen und ich prangere das an und da muss ein Umdenken stattfinden und wir haben noch einen langen Weg vor uns, oder irre ich mich und alle hacken ohne Ansehen von Äußerlichkeiten gleichermaßen aufeinander herum?

Jedenfalls:

Ich bin froh, dass bei den Berliner Silvesterknallerkrawallen keiner gestorben ist und warum darf zu Silvester jeder überall nach Herzenslust und frei nach Gusto mit Knallern um sich werfen, aber im ÖPNV ist Masketragen immer noch Pflicht, aber wenn man mit dem Flugzeug aus China kommt, muss man sich nicht testen lassen und wieso wird kein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.

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