In zu weiter Ferne, zu nah.

Donnerstag.

Berlin.

Das Abendprogramm vom Mann aus der Zukunft: Thaimassage bekommen, dann meditieren, dann “Opfer” von Tarkowski streamen, dabei kiffen und GN8.

Deswegen kam er nicht in den Park, wo sie mit Superman auf einer Bank saß. Sie waren nicht lange dort, ein halbes Stündchen vielleicht, dann musste sie weiter und Superman zurück nach Hause, wo er sich gemeinsam mit Superwoman eventuell noch einen Wim Wenders Film ansehen würde. 

Sie wollte schon seit Längerem mal was in Richtung Spiritualität ausprobieren, daher hatte der Erzählerin die Idee ganz gut gefallen, sich an diesem ganz normalen Wochenabend einen Wim- Wenders Film anzusehen.

Sie konnte es daher gar nicht erwarten, nach Hause zu kommen und wählte dann bei Amazon Prime Wenders`

“In weiter Ferne, so nah” aus, in der Hoffnung, dadurch kurz mal blockierte Energien lösen zu können, in Resonanz zu gehen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Als der Großmeister Y und sie einander kennenlernten, hatte er sie in den Kitkat- Club mitgenommen, in den sie sich bis dahin noch nie zuvor getraut hatte, weil sie fürchtete, dort aus Versehen Fremde miteinander ficken zu sehen und dies war eine Erfahrung, die sie eher weniger machen wollte. 

Sie waren auch nicht deswegen dort, der Großmeister Y und sie, sondern aus anderen Gründen. 

An dem Tag war auch gar keine Fetischparty, also konnten sie in normalen Klamotten rein, aber die Fetischleute und so weiter, waren ja trotzdem da.

An der Seite des Großmeisters schritt sie über den Dancefloor und ihr war seltsam zumute, aber unangenehm seltsam und sie ließ ihren Blick so rasch wie möglich schweifen und sie hatte Angst, vor dem was sie sah, oder sehen könnte und sah deswegen lieber nicht so genau hin und sie hielt die Hand des Großmeisters fest umklammert.

“Nicht werten!” rief er ihr tröstend ins Ohr und er meinte damit, sie solle die Eindrücke ohne inneren Zensor passieren lassen, also sich leer machen, keine Haltung einnehmen, das was sie sah, durch sich hindurchfließen lassen, es einfach nur zu akzeptieren, nein, auch das nicht, sondern es einfach nur geschehen lassen, ohne es zu bewerten und somit den Eindrücken nicht die Möglichkeit zu geben, Eindruck zu hinterlassen.

Sie tat, wie ihr geheißen und das half etwas und die beiden sind ja dann auch bald wieder von dort weggegangen.

Als sie nun an diesem ganz normalen Abend, ein oder zwei Jahre später, “In weiter Ferne, so nah” von Wim Wenders auf Amazon Prime streamte, ging es ihr wie Proust beim Madeleine- essen, denn sie fühlte sich plötzlich exakt so wie damals, als der Großmeister Y sie in den Kitkat- Club mitgenommen hatte. 

Ihr war seltsam zumute, aber unangenehm seltsam.

“Nicht werten” flüsterte sie sich tröstend zu und sie versuchte, nicht so genau hinzusehen und sie hat den Film ja dann auch bald wieder ausgeschaltet. 

Um nun ihrerseits einen kulturellen Beitrag zum zwischenmenschlichen Miteinander in der BRD zu leisten, zog sie ihr neues Kleid von Manko aus und verschickte im Anschluss per Messenger unaufgefordert erotische Bilder von sich an ehemalige Liebhaber.

Nicht von diesen wurde sie dafür kritisiert, wohl aber jedoch von sich selbst.

Also, nicht kritisiert im eigentlichen Sinne, sondern eher wohlmeinend hinterfragt.

Woraufhin sie in sich ging, bezüglich ihrer Beweggründe und herausfand, dass sie nach wie vor, an den Folgen der zurückliegenden maßnahmenbedingten Isolation litt und dass dieses Leiden sich durch einen übermäßig starken Vergangenheitsbezug äußerte.

Die Vergangenheit war für sie sozusagen: „In zu weiter Ferne, zu nah“.

„Ich muss diesen Zustand beenden und zwar sofort.“ sagte sie sich, denn in Wirklichkeit, so wurde ihr nun klar, sehnte sie sich nicht nach der Vergangenheit, sondern nach der Gegenwart.

Um dorthin zu gelangen, musste sie schleunigst aufwachen und deswegen so schnell wie möglich einschlafen. Leider war sie überhaupt noch nicht müde.

Aber grundsätzlich stand ab jetzt die Richtung fest.

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