Im Bannkreis der radioaktiven Archive des WTF

Ich kenne Leute, die würden sich NIE Essen bestellen. Aus ideologischen Gründen, oder warum auch immer. Die würden sich niemals Essen bestellen und sich auch keine Einkäufe nach Hause liefern lassen. Weil sie das unmoralisch finden, dem Lieferdienstmenschen gegenüber, sagen sie. Weil sie da mal irgendwas gelesen haben, von wegen Ausbeutung. Das sind meistens auch die Leute, die damals jahrelang nicht mehr zu Lidl gegangen sind, weil es da mal so einen Skandal wegen Videoüberwachung des Personals und Druck und Ausbeutung und schlechten Arbeitsbedingungen gegeben hatte. 

Die sind deswegen nicht mehr zu Lidl gegangen, sondern nur noch zu Kaisers. 

Als es dann den Skandal bei Kaisers gab, wegen der Kündigung wegen des Pfandbons, sind sie aber trotzdem weiter zu Kaisers gegangen, weil ihre ganze Moral schon für die heldenhafte Lidlabstinenz draufgegangen war. 

Und jetzt finden diese Leute Lidl wieder ok, auch weil es Kaisers inzwischen nicht mehr gibt. 

Dafür finden sie es jetzt aber unethisch, sich Essen liefern zu lassen, auch wegen Mindestlohn und Antisklaverei und aus diesen Gründen haben sie oft auch kein Smartphone oder kein Paypal oder keine Kreditkarte oder kein Datenvolumen und dagegen ist überhaupt nichts zu sagen, also das stört mich kein bisschen. 

Also es hat mich mal gestört, weil ich denen dann nicht den Code schicken konnte, also den für Neukunden, bzw. die mir nur Fragezeichen geschickt haben, oder genervt waren und wegen denen sind mir dann aber die 15 Euro anwerbePrämie flöten gegangen.

Obwohl die doch auch was davon gehabt hätten, nämlich genauso viel wie ich, also 15 oder anfangs sogar 20 Euro Neukundenbonusrabatt.

Anstatt sich zu bedanken, sagten sie, ich soll sie mit dem Quatsch in Ruhe lassen, sie bräuchten das nicht, sie würden zu Lidl gehen, wenn sie essen wollen.

Eigentlich hätte ich zu denen sagen müssen: “Ok, aber wenn du den Code nicht nutzen willst, dann gib DU mir die 15 Euro, WTF.”

Aber das ist lange her. Die Euphorie ist verflogen. 

Essen bestellen, Lebensmittel geliefert bekommen reizt mich nicht mehr. Der Lack ist ab. Natürlich spürt die Gegenseite das und wie eine nervöse Frau, wenn sie merkt, dass der Mann dabei ist, das Interesse zu verlieren, bombardiert man mich mit Nachrichten. 

Kein Tag vergeht, ohne dass mir die diversen Lieferdienste zu deren ersten und treuesten Kundinnen ich mich einst so begeistert zählte, verzweifelte Nachrichten schicken. 

Man bietet mir Rabatte, Sonderpreise, Extrawürste, Gewinnspiele, Sparaktionen, Purzelpreise. 

Und wenn ich mich dann doch mal wieder erweichen lasse, um der guten alten Zeiten willen, erscheinen im Sekundentakt Mitteilungen auf meinem Handy: 

Ruth, Deine Bestellung ist angekommen, ruth,deine Bestellung wird verpackt, ruth, deine Bestellung wartet auf einen Fahrer, ruth, deine Bestellung wurde abgeholt, hallo ruth, deine Lieferung verzögert sich, hallo ruth, dein Fahrer ist bald da, hallo dein Fahrer ist jetzt da, huhu dein Fahrer war da. Danke, dass du bei uns bestellt hast, schatz. Wie fandest du das Essen? baby, Wieviel Sterne gibst du dem Restaurant? du rutheschnute, Wie fandest du die Lieferung? ruthi, Wie fandest du den Lieferanten? duuuuuu…Bitte vergiss nicht, die Lieferung zu bewerten. ey Ruth, du hast die Lieferung noch nicht bewertet, wie fandest du deine Lieferung gestern? manns Ruth, du hast noch zwei Stunden Zeit, die Lieferung zu bewerten. liebe ruth, Danke, dass du neulich bei uns bestellt hast. ruthruthruth, Weil du neulich bei uns bestellt hast, bestelle doch heute wieder etwas bei uns. Wie hat dir die Lieferung neulich gefallen? Ruth, wie waren wir? Ruth, nutze jetzt unser Sonderangebot nur für dich, für eine Lieferung ohne Lieferkosten. Ruth! Ruth! Bist du sicher, dass du heute nichts mehr bestellen willst? Ruth, lass dir dieses Angebot nicht entgehen. Ruth, wir vermissen dich. Ruth

Und geschmeckt hat es mir dann aber auch nicht mehr so gut wie am Anfang. 

Und dann hatte ich die Nase voll und obwohl ich noch nie irgendwas bewertet habe, weder gut noch schlecht, wollte ich es jetzt tun, ein Stern fürs Restaurant, weil man null Sterne nicht geben kann und wo ich schon mal dabei war, auch gleich noch einen Stern von fünf für den Boten, weil der nämlich 20 Minuten später gekommen war, als angekündigt.

Aber die Kinder haben gesagt: 

“Nein! Der Arme! Das kannst du nicht machen!” 

Also habe ich es nicht gemacht und auch den einen Stern fürs Restaurant haben die Kinder verhindert. 

Sie meinten, es schmeckt doch und wenn mir gelbes Curry mit Huhn nicht schmeckt, dann hätte ich eben was anderes bestellen sollen und dann haben sie mich gefragt, ob ich von ihrem PadThai probieren will, aber das hat mir auch nicht geschmeckt, aber sie fanden es gut. 

Aber ich fand es schlecht und ich werde da nie wieder bestellen und überhaupt nie wieder was bestellen. 

Nein, es ist vorbei und es macht keinen Spaß mehr und es ist wie immer im Kapitalismus und seinen toxischen Beziehungen. 

Am Anfang wird einem der Himmel auf Erden vorgegaukelt und dann committed man sich und lässt sich drauf ein und dann stellt sich heraus, dass man nur ausgenutzt und betrogen wird und auf einmal werden die Portionen kleiner und das Fleisch labbrig und sie geben sich keine Mühe mehr, weil sie sparen müssen und sie glauben, dass sie einen an der Angel haben und man stellt fest, dass man nichts mehr wert ist und dass nur die Neukunden die Rabatte kriegen und man als Bestandskunde aber draufzahlt etc pp wem sage ich das.

Weil ja auch die Burger neulich nicht gut waren und ich habe von meinem sogar die Hälfte liegengelassen, sowas ist mir in meinem Leben noch nicht passiert, dass ich einen Burger nur zur Hälfte gegessen hätte. 

Und neulich waren zwei matschige Avocados in meiner Lebensmittelbestellung. Beim Auspacken habe ich gemerkt, dass die ganz dunkel und weich waren, aber dann musste ich losgehen und als ich vor dem Haus stand und auf meinen Begleiter wartete, habe ich die Avocados in der App reklamiert und früher, am Anfang- hat man da prompt eine Erstattung bekommen, was ich sehr fair fand und was dann den Ärger über die verdorbene Ware rasch gemildert hat. 

“Kann ja mal passieren”, dachte man sich und auch: “Wow! Hoffentlich nutzt das niemand aus und lügt den netten Lieferservice an und zerstört so die Vertrauensbasis und das wäre doch auch gemein den Arbeitern gegenüber, die sich da Mühe geben und den Leuten alles eins zu eins in die Tüten packen und darauf achten, dass da nichts vertauscht wird und nichts fehlt und dass nichts vergammelt ist und so weiter und wenn doch, dann ist das ein Versehen, was eben mal passieren kann und dann wird das eben anstandslos erstattet nach Treu und Glauben und mit einer höflichen Entschuldigung.” 

Das waren goldene Zeiten, aber die sind vorbei. 

Ich saß schon im Auto, als mir der Kundenservice wegen der Avocados antwortete. 

Erfreut schaute ich aufs leuchtende Handy, war mir sicher, man hätte mir die Avocados erstattet, stattdessen heuchelte ein gewisser Marco Dank für meine Nachricht und verlangte ein Foto. Nicht von mir natürlich, sondern von den Avocados namens Hass.

Ich schrieb Marco zurück, dass ich unterwegs bin, aber ich ihm das Foto asap schicke.

Mein Begleiter war genervt, weil ich seitdem ich neben ihm im Auto saß, nur aufs Handy starrte, aber das war keine böse Absicht, so nicht geplant, ich wollte mir ja nur schnell die Avocados erstatten lassen und wie hätte ich diese Reklamation denn verschieben können? Vergammelte Avocados müssen sofort gemeldet werden, wenn man die erst am nächsten Vormittag meldet, dann denken die doch, man will sich drei Euro erschleichen. 

Sie könnten sagen, tja – was willst du? So sind Avocados nun mal – gestern Abend waren sie genau richtig, aber heute früh schwarzer Matsch, das ist der Lauf der Dinge, reklamier den bei Gott, aber nicht bei uns, du Clown. 

Um meinen Begleiter zu besänftigen, erklärte ich ihm den Sachverhalt und erwog, zuhause anzurufen, um den Leuten da zu sagen, dass sie mir bitte ein Foto von den matschigen Avocados schicken, damit ich das dem Marco schicken kann und der mir dann den Preis erstattet. 

Bis ich mit meiner Schilderung fertig war, hatten wir unser Ziel beinahe erreicht und befanden uns schon kurz vor der Parkplatzsuche, was schade war, denn ich hätte mich mit ihm gern über andere Sachen unterhalten, als über matschige Avocados. Außerdem war mir ein bisschen schlecht, weil mir immer ein bisschen schlecht davon wird, wenn ich beim Autofahren aufs Handy gucke. 

Mir war ein bißchen schlecht und wir waren fast da und ich wollte gerade wegen dem Avocadofoto nach Hause telefonieren, obwohl mir der Gedanke am das nun zu führende Telefonat keineswegs behagte. 

Die würden mich doch für bescheuert halten, wenn ich denen sage, dass sie die matschigen Avocados in der Küche fotografieren sollen und mir das Bild schicken. 

Wieso das denn? würden sie fragen. 

Und: Hä? Welche Avocados? 

Und dann würden sie sagen, dass da keine Avocados sind und ich würde sagen, doch die liegen auf dem Tisch. 

Und sie würden sagen, nein, da liegen keine Avocados und dann würde ich sagen, ja dann liegen sie eben auf der Ablage, irgendwo da halt, beeilt euch, ich brauche das Bild. 

Und dann würden sie minutenlang nach den Avocados suchen und ich würde in der Zeit warten müssen, mit dem Handy am Ohr, weil die ja dann auch nicht einfach sagen, ok, wir schicken dir das Bild wenn wir die Avocados gefunden haben. 

Natürlich nicht, sondern sie würden das Handy irgendwo hinlegen und mich warten lassen und dann irgendwann würden sie sagen: 

Hier sind keine Avocados und ich würde dann scharf einatmen und währenddessen überlegen, ob ich wütend werden oder aufgeben soll und wenn ich mich entschieden habe, würden sie sagen: 

Ach so, du meintest die Avocados auf dem Tisch. igitt. Die sind aber total matschig.wieso sollen wir die fotografieren?

Aber ich kam sowieso nicht zum Telefonieren, weil mein Begleiter jetzt ein Machtwort sprach und sagte, ich könne das Avocadofoto auch nachher oder heute Nacht oder morgen an den Marco schicken und ich sagte: 

“Ja klar” und glaubte es ihm sogar in diesem Moment. Aber er hatte mich ausgetrickst. 

Er wollte einfach nur meine ungeteilte Aufmerksamkeit haben, auf die er ein Recht zu haben glaubte, weil er mich ja schließlich mit dem Auto von zuhause abgeholt hatte und ich gestand ihm dieses Recht natürlich zu und empfand ja selbst mein Verhalten schon sehr hart am Rande des guten Benimms. 

Aber wie hätte ich denn ahnen können, dass diese Avocado- Angelegenheit solche Ausmaße annehmen würde? 

Ich legte den Fall wie gewünscht vorerst ad acta und dachte im weiteren Verlauf des Abends nicht mehr daran.

Erst als ich stunden später betrunken ins Bett fiel und aus schlechter Gewohnheit, warum auch immer, ich sollte das wirklich nicht mehr tun, bei Insta vorbeischaute und dann kurz auf FB und auf Twitter und zu guter Letzt meine Mails checkte, las ich Folgendes:

“huhu ruth, danke dass du dich an unseren kundenservice gewandt hast. Wie hat Dir unser Kundenservice gefallen,liebe Ruth? Bitte bewerte uns in der App. Konnten wir dein Problem lösen? Wieviel von eins bis fünf Sternen möchtest du uns in den folgenden Kategorien geben? Freundlichkeit/ Reaktionsgeschwindigkeit/Problemlösung?”

Der Schrieb kam von noreply und ohne Unterschrift und unter der betont entspannten Nettigkeit, erspürte ich einen zugleich gekränkten und aggressiven Unterton.

Hatte Marco diese Nachricht geschrieben? Oder die App?

Ich hatte mein Versprechen gebrochen und ihnen kein Bild geschickt. 

Jetzt hielt man mich dort bestimmt für eine Betrügerin, eine nervige und frustrierte Bestandskundin, die auf Rache aus ist. Eine von denen, die sich mit Lügen über angeblich matschige Avocados, Geld und Aufmerksamkeit erschleichen will.

Aber mir war es egal. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen. No hard feelings. Ich schlief den Schlaf der Gerechten.

Als ich dann morgens in die Küche kam, lagen die Avocados immer noch da und ich dachte, was solls und ich machte jetzt endlich das Foto und sah mir das Foto an und dachte, da kann man nichts drauf erkennen, die sehen aus wie normale Avocados, die werden mir nicht glauben, dass sie matschig sind und deswegen dachte ich, ich muss die Avocados aufschneiden, um das schwarze Innere zu fotografieren und ich tat es, griff zum Opinel und schnitt auf, jetzt quasi ohne hinzusehen, wie ferngesteuert, sah erst hin, als es zu spät war und ich beide Früchte gespalten hatte. 

Aber oh Schreck, das Innere leuchtete in frischestem Grün, die waren einfach nur perfekt reif gewesen und nicht matschig, sondern weich.

Na schön, ja wirklich wirklich sehr sehr schön, sehr sehr gut, na um so besser.

Aber so früh am Morgen hatte keiner von uns Lust auf Avocados, weswegen sie dann liegenblieben und binnen Kurzem oxidierten und schwarz wurden. 

Nachmittags hätte ich also überzeugende Fotos von den matschigen Avocados machen können, aber das wäre mir nicht redlich vorgekommen.

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