Ich komme eigentlich immer klar, auch wenn ich nicht klarkomme. 

Donnerstag.

Berlin.

Es war alles ganz schlimm. 

Pappkameraden umzingelten mich.

Kein Gegenüber, nirgendwo. 

Mir war, als lebte ich nicht in Berlin und sei ich nicht mehr Ruth Herzberg, sondern ich sei Nicole Kidman in Dogville, oder Alice im Wunderland, oder Kevin allein zu Haus. 

Ich traf, trotz redlichstem Bemühen, mich nicht unterkriegen zu lassen und beharrlichstem Glauben an das Gute im Menschen, nur auf moralisch verkommene, seelisch zerstörte Zombies, Menschenattrappen und korrumpierte Kürbisbirnen.

Dann hielt ichs nicht mehr aus und mich darum fern.

Versteckte mich, hob nicht mehr ab, ging nicht mehr ran, schrieb nicht zurück.

Erhoffte nichts mehr, ertrug nichts mehr, erstrebte nichts mehr. 

Das Leben, eine Abfolge von Beleidigungen, Zumutungen und Peinlichkeiten. 

Der Planet zu dünn besiedelt. Viel zu wenig Menschen, aber viel zu viel Feiglinge, Egoisten und Verräter. 

So musste Stalin sich gefühlt haben, weswegen er den eisernen Besen schwang und seine Kader nachts vom KGB abholen ließ. 

Diese Möglichkeit hatte ich leider nicht. 

Ich war einfach nur permanent überanstrengt, unterfordert, gelangweilt und überreizt. 

Im Kopf hatte ich nichts weiter, als aus dem Zusammenhang gerissene Rilke- Zitate, die einfach immer passten, von früh bis spät murmelte es in mir, eine ewige Litanei:

“Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt, ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.”

Aber sonst gings mir gut. 

Ich komme eigentlich immer klar, auch wenn ich nicht klarkomme. 

Eine Depression diagnostizierte ich mir nicht, dazu fühlte ich zu viel und bei Depressionen ist man doch eher so grau und abgestumpft, habe ich gelesen. 

Also, im Grunde hatte ich nichts weiter als schlechte Laune, sagte ich mir, infolge von allgemeiner Erschöpfung. Außerdem fehlte mir noch irgendwas.  

Aber ich kam nicht drauf, was und es war mir auch egal, denn woher und von wem und wann sollte ich es bekommen, also dachte ich einfach nicht mehr daran, dachte nur noch 

“Rilke, Tiger, Haus, Stäbe, Wort. Gute Nacht.” 

Aber wegen sowas muss man nicht zum Arzt.

Wenn jemand am Verdursten ist, helfen ja auch weder Pillen, noch Therapie.

Bei Durst hilft es nicht, mit jemandem darüber zu sprechen, was man fühlt, wenn man an Wasser denkt. 

Oder darüber zu reflektieren, wie genau sich der Durst anfühlt, welche Form und Farbe er hat, oder festzustellen, dass der Durst daher kommt, dass man als Kind mal ein Glas Apfelsaft verschüttete. 

Es hilft nicht, einen Brief an seinen Durst zu schreiben, oder zu ermitteln, wo genau im Körper man den Durst spürt und dann zum Durst hinzuatmen.

Es hilft nicht, dem Durst zuzuhören oder dem Durst einen Namen zu geben.

Es bringt nichts, zu lernen, seinen Durst zu akzeptieren, zu lernen mit dem Durst zu leben, zu seinem Durst zu stehen, sich zu fragen, wovor man sich eigentlich mit dem Durst beschützen will.

Es hilft nichts, den Durst loszulassen. Es hilft nichts, sich die Erlaubnis zu geben, durstig zu bleiben.

Man braucht auch nicht erstmal zu lernen, sich selbst zu lieben, bevor man etwas trinkt, um den Durst zu bekämpfen. 

Wenn man Durst hat, muss man trinken. 

Wie sich zeigte, hatte ich richtig gelegen, das heißt, ich brauchte Schlaf, Urlaub, Erholung, Bewegung an frischer Luft, Sonne und Sonnenuntergänge und davon gingen schon mal drei Viertel der schlechten Laune weg. 

Aber ich war immer noch mies drauf. 

Nicht mehr so hardcore geknickt und total am Ende, aber dennoch reichlich angenervt und schnell auf der Palme. 

Was mir jetzt noch fehlte, kam mir immer noch nicht in den Sinn. 

Aber kaum hatte ich mein Handy kurz nach der Landung meines Easyjets am Flughafen Berlin- Brandenburg wieder eingeschaltet, schrieb ich meinem Therapeuten und bat um ein baldiges Rendez- Vous. Ich hatte das nicht geplant, es geschah impulsiv, aus dem Moment heraus. 

Mein Körper wusste wohl mehr über seine Bedürfnisse, als mir bewusst war und benutzte mich und mein Funkgerät, als Mittel zum Zweck.

Ich hatte Glück. 

Noch am selben Abend empfing er mich in seiner zentralgeheizten Praxis.

Ich hatte geglaubt, nur zum Reden hergekommen zu sein, aber er entschlüsselte rasch meine Körpersprache und fand schnell heraus, was mir, außer Schlaf noch gefehlt hatte: 

Beischlaf. 

Er stillte meinen Durst und ich den seinen.

Seidem schweigt Rilke.

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