Highly Heel Expectations

Donnerstag.

Berlin.

“Notbetreuung für Alleinerziehende” hatte in der Mail des Senats gestanden. Endlich! Oh, wie sehr hatte ich mich darauf gefreut. Von 8-15 Uhr! Also habe ich einen Babysitter für die Kinder besorgt, mich unter die Dusche begeben, mir die Zehennägel lackiert und mich auch sonst auf alle erdenklichen Arten vorbereitet und gepflegt. Den Treffpunkt fand ich zwar etwas seltsam, -morgens um acht vor der Schule- aber ok, soooo ungewöhnlich war das auch wieder nicht, ich hatte schon Dates zu seltsameren Zeiten und an merkwürdigeren Orten gehabt. Ich war jedenfalls pünktlich da. Hatte mir extra ein Taxi bestellt, wegen der High- Heels. Nachdem ich eine Weile in der Kälte gewartet hatte, öffnete eine missmutige Ü50 Lady mit ausgewaschener Dauerwelle und weitem braunen Rollkragenpulli das Hoftor und sah mich merkwürdig an. Meine Erektion schrumpfte in Nullkommanix und ebenso schnell wurde mir mein Irrtum bewusst. Also, verstand ich, was der Senat wirklich mit dieser “Notbetreuung für Alleinerziehende” gemeint hatte. Der Absatz meines linken High- Heels brach, als ich mich auf diesem umkehrte. Ich stakste tränenblind nach Hause und war bitterlich enttäuscht. Schon wieder.

Ich musste mir diese Erfahrung aufschreiben, damit ich mir das merke, damit mir sowas nicht wieder passiert. Was ist, wenn ich das vergesse und ich dann aber endlich die Einladung zum “Impftermin” bekomme und da auch wieder was falsch verstehe? Ich habe es so satt, mich ständig zu blamieren, oder ständig enttäuscht zu sein und müsste deswegen endlich lernen, meine Erwartungen den Gegebenheiten anzupassen.

Aber wahrscheinlich erwarte ich da zu viel von mir. Außerdem fürchte ich, dass wenn ich meine Erwartungen aufgebe, oder den Gegebenheiten anpasse, dass es dann noch schneller mit mir bergab geht. Dass ich dann plötzlich von einem Tag auf den anderen alt werde und aus dem Leim gehe und es aus ist, mit dem ewigen Frühling und der ewigen Jugend. 

Dass, wenn ich damit aufhöre, mir immer gleich sonstwas auszumalen und mir immer gleich sonstwas zu denken, es mir dann so geht, wie einer russischen, anatolischen oder sonstigen Bauerstochter, die bis Mitte 20 ca. unfassbar schön aussehen, aber dann schlägt das Leben zu und der Schmelz ist weg und stattdessen Goldzähne und Schnurrbart, sie werden unförmig, sehen mit 30 schon aus wie 50, wegen der harten Arbeit auf dem Felde und dann nachts noch Teppiche weben und Teigtaschen fürs Fastenbrechen wickeln und fünf Kinder nacheinander bekommen und auf dem Kartoffelacker zur Welt bringen und der Mann ist gewalttätiger Alkoholiker oder im Knast, oder beides. 

Aber das wird ja gewiss nicht passieren, weil mich dieser Text hier endlich ein für alle mal reich und berühmt machen wird und auch laut indianischem Mondplattformorakel, Mr. Perfect ENDLICH in mein Leben slidet, er sich aus dem Nichts heraus materialisiert, mitsamt hundert roten Rosen und ein paar Litern Schampus und ich fortan, nicht mehr von mir allein erzogen werden muss und ich darauf verzichten kann, falsche Erwartungen an die staatliche Notbetreuung zu haben. 

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