Fuenfkommtvorvier

Mittwoch. Quelquepart.

Die Franzosen sind seltsam. Sie essen Mittag in der prallen Sonne und abends gehen sie früh zu Bett. Es gar nicht spät. Höchstens kurz vor Mitternacht, aber niemand sitzt mehr in den kleinen Gärtchen unter unseren Ferienwohnungsfenstern.

Die Kinder schlafen. Nur Eric Blanc und ich sind noch wach. Es ist wie früher, als wir noch zusammengelebt haben. Da haben wir auch immer zusammen durchgemacht.

Jeder sitzt an seinem Rechner. Wir teilen uns Zigaretten und Feuerzeuge, surfen auf geheimen Webseiten herum und vermeiden es höflich, einander auf die Bildschirme zu stieren, wenn wir zufällig dran vorbei kommen. Zwischendurch sprechen wir über unsere Entdeckungen, zeigen einander Filmtrailer oder Memes, oder besprechen, wie es mit Covid läuft, was Trump wieder angestellt hat, oder wo und wie sie in Berlin wieder versuchen Fahrradwege anzulegen, oder Denkmäler zu errichten, bzw. zu stürzen. Sowas alles. 

Mr. X sagte heute Nachmittag am Telefon, er müsste jetzt oder nie verreisen, denn jetzt wäre es ja wohl wirklich bald so weit. Also, dass man wegen Covid wieder die Grenzen schließen würde.

Oh ja oh ja oh ja, bitte, bitte bitte. Macht sie schön weit zu, die lieben Grenzen, schnell!

Ich wollte als Kind ja auch immer, dass die Schule einfach abbrennt und ich dann nicht mehr hingehen muss. Immer wenn Probealarm war und wir deswegen alle auf den Schulhof mussten, habe ich gehofft und gebetet, dass es diesmal endlich was Ernstes sein möge und habe die Schule verzweifelt nach schwarzen Rauchfahnen abgesucht, als wir in geordneten Reihen auf dem Schulhof Aufstellung nehmen mussten. Und wie groß war die Enttäuschung (jedesmal), wenn wir dann, genauso geordnet wieder zurück in die Klassenräume gehen mussten und der ganze Mist wie gehabt, weiter ging.

Na gut und deswegen habe ich jetzt eben kein Abitur. Was blieb mir auch anderes übrig? Wenn die Schule nicht abbrennt, muss man sie eben abbrechen.

Ich habe zu viel Phantasie. Ich habe den Rauch, die brennende Schule so deutlich vor mir gesehen, dass mir mittlerweile so ist, als wäre sie wirklich abgebrannt. Ich staune jedes Mal, dass sie noch steht, wenn ich zufällig daran vorbei komme.

Sie haben uns damals auch immer erzählt, wie froh wir sein könnten, dass wir überhaupt zur Schule gehen dürften, und dass es Kinder in Afrika oder Indien gäbe, die diese Möglichkeit nicht hätten. Ach ja, habe ich gedacht. die Glücklichen. Dürfen den ganzen Tag Teppiche weben, oder auf dem Feld arbeiten. Reis hacken, oder Maniok stechen, oder Yamswurzel rollen. Die haben es gut, dachte ich. Alles ist besser, als hier zu sitzen, und die grauen Plastikschoner von den Tischen abzupulen und der Lehrerin auf den dicken Hintern zu schauen.

Das musste sein. Es ging ja nicht anders. Sie trug einen Rock und zog sich den Pulli der ständig hochrutschte, wenn sie durch die Reihen ging und uns den Unterschied zwischen A und B erklärte, immer nur vorne herunter, über den Rocksaum, aber hinten eben nicht, das hat mich wahnsinnig gemacht. Dass der Pulli vorne unten war und hinten oben. Ich wollte ihn ihr hinten auch immer runterziehen, es hat mir richtig in den Fingern gekribbelt, deswegen. Aber das durfte man ja nicht, der Lehrerin den Pulli über den Arsch ziehen.

Kaugummikauen durfte man auch nicht und kippeln nicht und auf den Tisch malen auch nicht. Unterm Tisch was anderes lesen auch nicht, sich auf die Arme legen und schlafen auch nicht. NICHTS durfte man und trotzdem ist die Schule nicht abgebrannt. 

Wie soll man denn da an das Prinzip des Göttlichen Ausgleichs glauben.

Ich tue es trotzdem, denn an den Ausgleich muss man glauben, nur dann wird alles gut. Nur dann brennt die Schule doch noch irgendwann ab. 

Denn mit der Gerechtigkeit ist es wie mit dem Krieg und der Liebe. Sie findet immer ein Weg.

Amen.

Kommentar verfassen