Endstation Downtown

Freitag.

Berlin.

Mir war kalt. 

Die ganze Friedrichstraße ist eine eiskalte Schlucht, in die sich noch nie ein Sonnenstrahl verirrte. 

Das ist deswegen so, damit man Lust bekommt, sich bei Hugo Boss, oder Gerry Weber, oder Wempe, oder Butter Lindner, eine dieser quergesteppten Daunenjacken zu kaufen. 

Und ja, ich habe Lust darauf bekommen. Ich war kurz davor, den Trend mitzumachen, bis mir einfiel: Ich habe doch schon eine solche Jacke.

Na und? Die hatte ich aber nicht dabei, die lag zu Hause.

Ganz genau.

Zusammen mit all meinen anderen Jacken:

Dem grünen Daunenparka mit echtem Wolfspelz außen an der Kapuze, dem Fake- Leopardenmantel, dem sandfarbenen Synthetikwollmäntelchen, dem braunen 80er- Jahre- Bognermantel, dem karierten Mantel, dem petrolfarbenen Mantel, dem dünnen und dem dicken grauen Mantel, der schwarzen und der grünen Bomberjacke, der blauen und der gelben Regenjacke, dem sandfarbenen Trenchcoat, dem billigen schwarzen und dem teuren schwarzen Trenchcoat und dem ganz normalen dunkelblauen Adidas- Anorak, dem lila Hasenpelzjäckchen und dem Dufflecoat.

Ja, aber mein quergestepptes Damen- Daunenjäckchen ist blau und ich hätte aber gern noch ein olivgrünes.

Aber muss ja auch nicht sein.

Stattdessen gehen wir ins Galeries Lafayette und fahren da ins Untergeschoss.

Wir haben Glück und kommen gleich dran und müssen nicht warten und ich kaufe Meringue und dieses Ding mit innen Himbeere und außen so eine Art Blätterteig und ein Millefeuille und ein Pain au Chocolat und ein Gateau mit Apfel drauf, in ganz dünnen Scheiben und einer Art Geleeglasur und zwei Rosinenschnecken und Wasser und eine Tasse Kaffee und danach gleich noch eine Tasse Kaffee und auch noch mehr Gebäck.

Und dann sitzen wir da und essen und trinken und bleiben einfach da und es gibt sogar ganz leise Musik, Elton John nämlich und wir beobachten die Rentner*innen und die Vorruheständler*innen und die Pensionär*innen und Senior*innen, die hier unten ihren Lebensabend verbringen, so wie wir. 

Wir sitzen direkt neben dem Lift, der spuckt sie in Zweier, Dreier und Vierergruppen aus. 

Die Damen in quergesteppten Daunenjacken, Tüchlein um den Hals, Hose und Schuhwerk bequem. 

Die Herren etwas klassischer ausstaffiert, à la Professor im Ruhestand. Also: Hemd, Pulli, Cordhose, Tweed- oder Wollsakko. 

Sie passen optisch irgendwie gar nicht zu ihren Begleiterinnen, wegen des Kontrastes von Synthetik- und Naturmaterialien. 

Die in Gruppen auftretenden Herrschaften verweilen erstmal verwirrt, nach dem Verlassen des Liftes. 

Jeder auf seine Art: Die alten Herren verharren einfach. Erstarren schweigend, blicken statuarisch ins Leere, bis eine Lösung für das Problem des Was- Jetzt? gefunden wurde. 

Die Körper der Damen spannen sich also an.

Sie sind jetzt hundertpro auf Sendung, total am Start, wie ein 25jähriger Indianerhäuptling, der mit Adleraugen das Wild erspäht und gleich den Flitzebogen spannen wird.

Die Rücken runden sich, der Kopf wird nach vorne gestreckt und dann mit nervösem Blick aus weit aufgerissenen Augen, schildkrötenartig in alle Richtungen gedreht, bis sie sich ein Bild von der Lage gemacht haben. 

Die Hände, besonders die Hände! tatbereit angespannt, bereit sofort loszulegen, wenn die hier unten zu bewältigende Aufgabe angegangen werden kann. 

Nämlich erstens ein freies Tischchen erspäht wurde.

Dorthin bugsieren die Damen ihre Herren. Er bewacht den Tisch, während sie Kaffee und Kuchen heranschaffen, gekonnt die Tabletts balancierend.

Nichts geht verkehrt. Jahrzehntelange Übung führte zu absoluter Meisterschaft, diesbezüglich.

Am besten wärs natürlich trotzdem, wenn der Tisch direkt vor dem Lift frei wäre, von dem aus die Kinder und ich das Geschehen beobachten. 

Stets streifen uns also deswegen leicht ungehaltene Blicke, seitens der Damen in Daunen.

Aber diese ganzen Abläufe spielen sich dermaßen tief im Unterbewusstsein ab, dass ich es erst heute vormittag, also zwei Tage später bemerke und es kann auch sein, dass ich mich irre.

Wir waren trotzdem sehr zufrieden dort, wie immer. Wir verloren das Zeitgefühl.

Denn die Feinschmecker- Abteilung im Untergeschoss vom Galeries Lafayette, ist vielleicht nicht direkt das Paradies, aber doch immerhin schon die Vorhölle, oder auch ein sehr angenehmes Fegefeuer.

Ich machte die Kinder auf das häufige Vorkommen der quergesteppten Daunenjäckchen aufmerksam und ab da schärfte sich auch ihre diesbezügliche Wahrnehmung.

Ab der 11. Jacke habe ich gesagt, dass wir ab der 17. Jacke gehen, weil ich fürchtete, sonst nie wieder von dort wegzukommen, so schläfrig und träge war mir trotz des vielen Kaffees zumute. Die Kinder waren d’accord.

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