Einskommtvornull

Dienstag.

Paris.

Ich will meine Socken wieder haben. Schnell und originalverpackt.

Das kann ich vergessen, aber das kann ich eben noch nicht vergessen.

Denn:

Als ich in Toulon war, hat Eric Blanc meinen Koffer und die der Kinder, über Nacht in Marseille im Auto gelassen und dann wurde es aufgebrochen und jetzt sind sie weg.

Mit all meinen neuen Schuhen drin. Den Ellesse- Sneakern und den roten Hackschuhen und den türkisen Ledersandalen und den roten Sandalen und den dunkelblauen Ben Simon Segelschuhen, mit weißen Punkten drauf. Und meine neuen Puma Fußballsocken in knallrot, knallblau und knallgelb und meine Wohnungsschlüssel auch und als ich deswegen ausgerastet bin, hat Eric Blanc noch einen schlauen Spruch gemacht und mich gefragt, warum ich denn die Schlüssel nicht in meine Handtasche gepackt hätte, sondern im Koffer gelassen. 

Auf sowas kommt man vorher nicht, also ich nicht.

Als ich mich spontan ins Hotel abgesetzt hatte, um mal der drangvollen Enge zu entkommen, bin ich davon ausgegangen, dass er unser Gepäck NATÜRLICH NICHT über Nacht in MARSEILLE im Auto lässt. 

Hätte ich ihm das etwa extra sagen sollen? Das hätte doch gar nichts gebracht, außer dass ich so einen bestimmten Blick von ihm bekommen hätte, der sagt: “Ich bin nicht dein Knecht, bzw. für wie blöd hältst du mich eigentlich?”

Das war jetzt das dritte Mal, seitdem wir uns kennen, dass sein Auto in Frankreich aufgebrochen wurde.

Also Eric Blanc hat sich meinen Koffer klauen lassen, den mit den neuen Schuhen drin und den geilen Puma Sportsocken. Ich glaube, das war Absicht. Das war Rache.

Als ich heute mit den Kindern in Paris nochmal im Kaufhaus Schulkram kaufen war und an einem Sockenregal vorbeigekommen bin, ist mir das wieder eingefallen, dass meine Socken jetzt weg sind und ich bin direkt in Tränen ausgebrochen und musste die neue Sonnenbrille aufsetzen. 

Das Sockenregal im Kaufhaus hat mich voll getriggert und es hat plötzlich alles so dermaßen weh getan.

Da sind dann richtig dicke Tränen unter meiner Sonnenbrille hervorgetropft, direkt in die Atemmaske rein, bis die ganz nass war.

Es hat so wehgetan und zwar genauso, wie mein Liebeskummer, der mir bei der Gelegenheit auch gleich noch eingefallen ist.

Eric Blanc hat meine Koffer über Nacht im Auto gelassen, weil er sich an mir rächen wollte, da bin ich sicher. Um sich zu beweisen, dass er nicht mein Knecht ist. 

Weil er geschnallt hat, dass ich ihn auf keinen Fall wiederhaben will. Er hat sich irgendwas eingebildet, weil er sich fast die ganze Zeit bei uns in der Ferienwohnung eingenistet hat und ja, manchmal war es auch wie früher, in den guten Zeiten, mit lachen und reden und so.

Aber doch nur, weil er mir mittlerweile egal ist und mich nicht mehr auf die Palme bringen kann und weil ich Trost brauchte und jemanden zum Anlehnen und jemanden, der mir sagt, wie toll ich bin und wie gut mir der Bikini steht und der mich ein bißchen anschmachtet und der sich absurde Hoffnungen macht und mir Unsinn verspricht und sich um die Kinder kümmert und uns Essen kocht und zum Einkaufen fährt und die Küche putzt und der über meine Witze lacht. 

Er hätte einfach gehen sollen, einfach nur die Kinder abliefern und gar nicht erst da bleiben, aber er ist geblieben und es war eben erstmal so bequem, deswegen habe ich nichts gesagt.

Er hat wieder einen auf Haustier gemacht, wie alle meine Männer seither. Und sowas geht nie gut, kann nicht gutgehen, soll nicht gutgehen.

Haustiere kann ich mir nicht mehr leisten, bzw. wenn dann, will ich hübschere Haustiere, jüngere Haustiere, reichere Haustiere, sauberere Haustiere, weniger depressive Haustiere, neue Haustiere. 

Ich will ein Haustier, dass sein Leben im Griff hat und meines dazu. 

Ich hätte Eric Blanc aus unserer Ferienwohnung rauswerfen sollen, aber ich fühlte mich schwach und wenn man einen Kerl an der Seite hat, nehmen einen die Leute ernster und man wird mehr respektiert, das ist einfach mal so und man steht vor der Welt besser da und fühlt sich stärker, wenn man sein Gelump nicht alleine schleppen muss und wenn man sich stärker fühlt,ist man auch stärker und das Leben ist kein Ponyhof und die Kinder haben sich gefreut, dass ihre Eltern zusammen abhängen und sich gut zu verstehen scheinen, kein einziger Streit bis zur Riesenschreierei am Schluss, immerhin.

Jetzt ist das Gelump weg, also ich habe nicht mehr so viel zu schleppen, das immerhin. Immerhin das.

Eric Blanc hat ein Auto und ich habe keinen Führerschein und ohne ihn hätten wir nicht zu Lidl fahren können, sondern nur in dem teuren Laden am Strand einkaufen und wer hätte sonst das Boot gesteuert und auf die Kinder aufgepasst, wenn ich arbeiten musste. 

Deswegen habe ich ihn durchgefüttert und es erst gar nicht richtig gemerkt, weil erstmal alles irgendwie so angenehm und lustig war. Ich habe nichts gesagt, als er alle meine Zigaretten weggeraucht hat und hab ihm seine Kekse bezahlt und sein Essen und den guten Wein, den wir getrunken haben, denn er hat ja NICHTS und wovon lebt er eigentlich, wenn ich mal nicht in der Nähe bin, wahrscheinlich hungert er da, der Ärmste.

Jedoch, abends am Strand mit ihm Rosé trinken, das wollte ich gerne und mir dabei zusehen lassen, wie ich nach dem Baden aus dem Wasser komme, auch. 

Er hat sich für den Service aber teuer bezahlen lassen und sich meine Kreditkarte genommen und sich damit mehrere Monate Telefonrechnung bezahlt und als das aufflog, gemeint, er gibt es mir MORGEN zurück und ich solle nicht so vulgär und banal sein, mit ihm über Geld zu reden. 

Und beim Schuhe kaufen, hat er auch noch ein Paar für sich draufgelegt und gemeint, er gibt mir das Geld SOFORT wieder, aber als ich später danach gefragt habe, hat er nur die Augen aufgerissen und die Stimme tiefer gelegt und sehr ernst und langsam, als ob ich nicht bis drei zählen könnte, gesagt:

“Aber RUTH. Ich HABE kein Geld.” 

Morgen fahre ich nach Hause und weiß noch nicht, wie ich in die Wohnung kommen soll, ohne Schlüssel.

Bzw. ich weiß es doch. Mr X. wird sie für mich aufbrechen. 

Und ich freue mich schon sehr auf Berlin und auf meine Wohnung und aufs Essengehen mit Mr.X. und vielleicht kann ich darüber kurz vergessen, dass Eric Blanc mir in Marseille aus Rache fürs Abgewiesenwerden, die Socken hat klauen lassen und dass er mein Konto leergeräumt hat.

Liebeskummer habe ich auch immer noch, aber nicht wegen Eric Blanc und ich weiß, wenn der Böse das läse, wüsste er schon wieso, aber der würde sich nur gehässig die Hände reiben und sich drüber freuen, oder sich drüber ärgern, oder sich einen drauf runterholen und mit seinen schielenden Dorfmädchen weitermachen. 

Aber der liest das eh nicht, weil ich ja für ihn nicht mehr existiere und nie existiert habe und ich bin froh, dass er mich verlassen hat, denn ich hätte das nicht hinbekommen und dann würde ich den jetzt durchfüttern müssen und ich kann mir doch so einen Bösen leider gar nicht mehr leisten, erst recht nicht mehr, wo die Koffer und die Socken weg sind und so weiter.

Eieiei. Dieser Verlust tut immer noch so weh. 

Er tut genauso weh, wie wenn ich Socken im Kaufhaus sehe und daran denke, dass meine geklaut wurden und die jetzt von irgendwelchen Ganovenfüßen vollgeschwitzt werden. 

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