Du willst es doch auch nicht

Mittwoch.

Berlin. 

Wieso wusste der Böse so gut, was ich wollte? 

Warum konnte er behaupten, mich besser zu kennen, als ich mich selbst? 

Warum konnte er meine Bedürfnisse so gut erspüren? 

Hatte Gott uns etwa füreinander bestimmt? 

War er mein Seelenpartner und ich sein Soulmate? 

Mag sein. 

Aber eigentlich muss man kein genialer einfühlsamer Supertiefenpsycho sein, um zu wissen, was ich mir erträume. 

Man braucht sogar noch nie von mir gehört zu haben. 

Man muss mich weder kennen, noch mir persönlich begegnet sein, um das zu wissen. 

Denn ich bin eine Frau und darum bin ich wie alle Frauen und wünsche mir das Gleiche, was sich alle Frauen wünschen. 

Ich bin nicht nur nur eine Frau, sondern sogar ein Mensch und auch der Böse ist einer.

Und deswegen wusste er, was ich will. 

Weil es das ist, was alle Menschen wollen, sogar der Böse will es. 

Der und seinesgleichen wollen das sogar noch viel mehr als ich:

Geliebt werden. 

Weil ich mich damals schon fragte und lange danach gefragt habe und ich auch von anderen gefragt wurde, wieso ich mich so lange mit ihm befasst habe. 

Also, warum ich so sehr an jemandem hing, der mich ganz offensichtlich nicht geliebt hat und es außerdem fast die ganze Zeit, mehr oder weniger klar war, dass ich nicht die Einzige bin, die er beglückt…

Weil ich wegen ihm ständig am Leiden war und es nicht schaffte, mich zu trennen, wurden mir von allen Seiten Schwäche und Bedürftigkeit und mangelnde Selbstliebe unterstellt und das ist bestimmt auch so und wem kann man denn sowas nicht unterstellen?

Und ich habe mir das auch unterstellt und mich dafür gehasst, natürlich.

(Obwohl das natürlich seine ganz eigene Ironie hat, sich selbst für mangelnde Selbstliebe zu hassen.)

Aber es wäre doch unfair, jemanden zu verlassen den ich liebe, dachte ich. Bloß weil er nicht so ist und sich nicht so verhält, wie ich es gerne hätte.  

Aber damit muss man klarkommen, wenn man erwachsen sein will und man außerdem kein kleines Baby mehr ist.

Ich kann doch einen Menschen nicht verlassen, bloß, weil er meine Erwartungen nicht erfüllt.

Außerdem soll man doch keine Erwartungen haben. Also ich nicht. So hatte man es mir doch beigebracht. Es jedenfalls hartnäckig versucht. 

Stark zu sein und keine Erwartungen zu haben und nicht zu leiden und nicht zu nerven.

Ich dachte, wenn mir das gelingt, dann wird man mich lieben und mich nicht verlassen. 

Aber ich bekam es immer noch nicht hin. 

Ich litt, obwohl ich nicht leiden sollte und war selber schuld, weil ich was wollte, was ich nicht wollen sollte. 

Das sagte ich mir und das sagte er mir und das sagten mir alle. 

Und ich bekam es trotzdem nicht hin, nicht zu leiden und mich zu trennen aber auch nicht.

Weil ich es ja doch hinbekam. 

Nämlich stark und robust zu sein und nicht zu leiden und mich nicht so anzustellen und zu wissen, dass ich von anderen nichts zu erwarten habe.

Es waren also nicht Bedürftigkeit und Schwäche, die mich an ihn schweißten, wie man mir allseits genervt unterstellte, sondern Stärke.

Ich konnte ihn nicht verlassen, weil ich nicht zu empfindlich war und ich mich nicht so anstellte und ich nicht nervte.

Ich konnte mich nicht von ihm trennen, weil ich stark und robust genug war, um nicht geliebt werden zu müssen.

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