Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Dienstag.

Berlin.

Ich hatte den Fehler gemacht, mangels eines Gegenübers, der falschen Person unbedacht einen Gedanken mitzuteilen und war natürlich direkt und wenig überraschend, auf diese wohlbekannte Mauer von Beschränktheit gestoßen.

Normalerweise passe ich auf, halte ich mich damit zurück, Gedanken, Scherze oder Reflexionen mit den falschen Personen zu teilen. 

Kommuniziere ich mit diesen nur über das Nötigste, Einfachste, Offensichtlichste und stoße ja trotzdem ständig an die Grenzen von Verstehenshorizonten. 

Aber ich war entspannt, hatte einen Moment nicht aufgepasst und daher war mir das Malheur passiert. So, wie man sich beim Gemüseschneiden in den Finger schneidet, oder sich den kleinen Zeh an einem Möbelstück stößt. 

Überraschend war es nicht, aber eben ärgerlich und schmerzhaft. 

Kein Grund, durchzudrehen.

Keine Chance, die Contenance zu bewahren.

Zu grausam fühlte ich mich plötzlich damit konfrontiert, welche Leere mich umgibt, wie einsam ich da oben in meinem Elfenbeinturm bin und wie sehr mir ein ebenbürtiges Gegenüber fehlt. 

Also schrieb ich ihm doch wieder, obwohl ich mit ihm mal wieder und diesmal endgültig, wie ich es mir versprochen hatte, für immer überkreuz war. 

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Ich habe stichhaltige nachvollziehbare Gründe, aus denen er als Gegenüber nicht in Frage kommt. Einer davon ist, dass er als Gegenüber explizit nicht in Frage kommen will.

Ein anderer, dass er es nicht kann.

Ich brauchte jetzt aber sofort Connection, wenigstens eine Illusion davon. 

Nur ein bißchen Connection, ganz kurz und schnell sagte ich mir, ist doch egal, warum denn nicht.

Klar, danach werde ich wieder bereuen und mir schwören, es nie wieder zu tun, aber jetzt ist davor und bis danach ist es noch lange hin und wer weiß.

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Sowieso. Es ist wie es ist. Man muss sich abfinden, dachte ich. Anderes Material steht mir derzeit nicht zur Verfügung. 

Mehr oder weniger sind die doch alle so. Stehen im Stau. Egal ob sie Busse sind, oder Taxis. 

Ich muss jetzt aber mal sofort kurz raus aus dem Wind und dem Regen, also nehm ich eben nochmal den Bus. 

Kann ja sowieso froh sein, dass überhaupt einer kommt und mich mitnimmt. 

Denn ich bin doch so unerträglich einsam und so unerträglich außerdem. 

Also tat ich mal wieder einfach so, als wär nix. 

Öffnete ich die Kontakte, suchte ich seine Nummer raus, hob die Blockade auf und schrieb ihm was Nettes. 

Es dauerte nicht lange bis er antwortete. 

Bestätigung kann er immer gut gebrauchen und ich übrigens auch. 

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Alles ok, dachte ich. Es läuft, wir sind wieder connected. 

Das reichte erstmal.

Mehr will ich nicht, mehr geht sowieso nicht und außerdem gibt es Wichtigeres, dachte ich. 

Ich will sowieso nichts mehr von dem und er ist mir egal.

Ich war also entspannt und zufrieden und dachte an andere Sachen.

Ich kam wieder klar.

Und mir war langweilig. Und ich verspürte Groll.

Ich dachte, ich hätte alles im Griff und schrieb ihm betrunken romantische Nachrichten, in denen ich so tat, als ob ich wieder in ihn verknallt wäre und ihm vertrauen würde, weil ich wusste, wie sehr ihn sowas stresst. 

Und wie erwartet, fielen seine Antworten kühl und extra beiläufig aus und er ging null auf irgendwas ein und es dauerte, bis sie eintrafen.

Aber sie trafen ein.

Wieviel Mühe er sich gab, um mich auf Abstand zu halten, aber gleichzeitig auch bei der Stange. 

Ich blieb süß und tat so, als stünde ich drüber und drauf.

Amüsierte mich dabei diabolisch über seine erbärmliche Durchschaubarkeit und leicht durchschaubare Erbärmlichkeit.

Außerdem war ich davon gerührt.

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Und dann entwickelte ich tatsächlich wieder Gefühle. 

Ich will ja gerne jemanden lieb haben und zärtlich zu ihm sein.

Ich mag mich, wenn ich so bin.

Zärtlich, verliebt und lebendig. 

Wenn ich stur alles was dagegen spricht, ignoriere, sagte ich mir… 

… und ich einfach nur noch das Gute in ihm sehe und den Spaß, den wir zusammen haben…

…also…ich könnte doch einfach entscheiden, sagte ich mir…

….ihn von jetzt ab und für alle Zeiten, als verlässliches Gegenüber zu deklarieren…

..egal, wie sehr er sich ziert…

…denn im Grunde…also…passiert es vielleicht…

…denn das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos…

—-

Und verlieh ihm also wieder Bedeutung.

Hob ihn wieder aufs Podest und ich kann doch nur mit Leuten, die ich aufs Podest hebe und er nur mit Leuten, die ihn aufs Podest heben. 

Also ich sagte mir, ich gehe nur mal kurz hin, nur mal Hallo sagen, auf eine Tasse Tee…

… und ich dort natürlich anfangs die schmerzlich vermisste ungetrübte Freude verspürte…

…als er wie gehabt, den süßen faulen Zauber entfaltete…

…dem ich mich, wie gehabt, nicht erwehren konnte…

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

Aber … 

Er war nach wie vor die falsche Adresse und kam als Gegenüber nach wie vor keineswegs in Frage, aber ich hatte außer ihm keine andere und das ist aber sowieso keine Basis und sonst gab es auch keine, hatte es nie eine gegeben und es war falsch hier zu sein und ein Fehler, den Kontakt wieder aufgenommen zu haben.

Aber ich bin auch nur ein Mensch und deswegen war ich wo ich war und tat ich, was ich tat.

Über das, was dann kam, brauche ich mich nicht zu wundern und es war ja nichts Neues, weil es ja genau so, schon so oft passiert ist, weswegen ich mit ihm überkreuz war.

Also, kein Grund enttäuscht zu sein, aber ich wars dann natürlich trotzdem.

Das sind so Dynamiken, dagegen bin ich machtlos.

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